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Schlechter Schocker

768. Tatort: Hauch des Todes (SWR; EA: 22.08.2010)

Ermittler: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), Mario Kopper (Andreas Hoppe), Peter Becker (Peter Espeloer), Edith Keller (Annalena Schmidt), Gerichtsmedizinerin Sonja Römer (Brigitte Zeh)
Besetzung: Daniel Tretschok (Lars Eidinger), Hauptkommissarin Martina Schönfeld (Katja Bürkle), Mirko Klingspohn (Sven Pippig), Christian Brenner (Lars Rudolph), Birgit Tretschok (Judith Engel), Kapitän Stauer (Gerhard Piske), Bettina Frommelt (Buenaventura Braunstein), Tierärztin (Stephanie Kämmer), Andrea May (Rita Winkelmann), Opernsängerin Sarah Sanders (sowie Anette Kreßling, Carlo Böhler)
Drehbuch: Jürgen Werner; Regie: Lars Montag

Die Kommissarin gerät ins Visier eines Frauenmörders, der seine Hinrichtungen inszeniert. Plastisch und plump wird gezeigt, wie er seine Opfer zu Kokons verpackt. Kopper trifft bei den Ermittlungen auf eine alte Bett-Bekanntschaft aus Mannheim, wo der Mörder vor einigen Jahren auch tätig war. Dazu wird “Ein deutsches Requiem” von Johannes Brahms gespielt.

Wer ist der Täter? »

Der Täter ist schon im Vorspann zu sehen. Der Schiffsdisponent Mirko Klingspohn hatte eine dominante Mutter, die ihn zuhause an der kurzen Leine hielt und zu Gesangsabenden einlud. Er arbeitet sich zum deutschen Reqiuem an seiner Vergangenheit ab.

Zu Lena Odenthals 50. Fall, der streng genommen ihr 51. Auftritt am Tatort war, denn sie war auch schon zu Besuch in München, gab’s viel Plastikfolie und Psycho. Der Autor Jürgen Werner wollte sich wohl an “Das Schweigen der Lämmer” anlehnen. Herausgekommen ist viel mehr ein schlechter Horror, bei dem im Vergleich zu diesem Tatort “Im Land der Raketenwürmer” als Autorenfilm daherkommt. Ein unglaublich schlechter Schocker. NIcht nur ür ein Jubiläum ist “Hauch des Todes” beschämend. Jemand, der vor allem Drehbücher für Vorabend-Schmonzetten wie das “Forsthaus Falkenau” schreibt, ist ein Tatort vielleicht eine Nummer zu groß. Das hat Leipziger Niveau.
(1,5/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus, SWR
Meinungen: Tittelbach.tv, Tatort-Forum

Jede Menge Drecksarbeit – Bussi, Baba!

767. Tatort: Operation Hiob (ORF/RBB; EA: 04.07.2010)

Ermittler: Sonderermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer), Bernhard Weiler (Heribert Sasse), Ernst Rauter (Hubert Kramar)
Besetzung: Claudia Eisner (Sarah Tkotsch), Dr. Faton Ziu [ehemaliger Geheimdienst-Agent] (Kasem Hoxha), Robert Kovar [Kriminalbeamter] (Jürgen Maurer), Roland Petritsch [Leiter der Spurensicherung] (Christian Dolezal), Herbert Czermak [Leiter der "Operation Hiob"] (Nicholas Ofczarek), Niko Leshi (Arben Murseli), Luca Conti (Astrit Alihajdaraj), Ninko (Eugen Pirvu), Boris Soslanovic (Peter Karolyi), Nemetz (Max Gruber), Frau Seidler (Darina Dujmic), Polizist (Robert Notsch), Janko Mikulits (Alexander Levit), Frani Gala (Christian Pogats), Vlamir Nano (Marcus Thill)
Drehbuch: Max Gruber; Regie: Nikoklaus Leytner

Nach dem Mord an zwei Hiwis und den Finanzchef der Intercomp wird Chefinspektor Eisner der “Operation Hiob”, einer Sonderkommission, zugeteilt. Die Intercomp im- und exportiert Waschmaschinen und Kühlschränke, verdient ihr Geld aber mit dem großflächigen Handel von Heroin. Hinter dem Mord wird ein konkurrierendes Drogenkartell vermutet. Eisner soll den Mord aufklären und mithelfen, die Intercomp auszuhebeln. Seine Rolle in der BKA-Kommission ist klar umrissen; er soll nur Hilfsdienste leisten: “Unser Kaffee – unsere Regeln”, gibt der Leiter Czermak dem Inspektor zu verstehen. Er soll den in die Organisation eingeschleusten V-Mann mit Erkenntnissen Füttern, die Faton Ziu, den Kopf der Bande dazu animieren soll, leichtsinnig zu werden.

“Jede Menge Dreckarbeit” (Weiler) wartet auf Eisner und seinen Assistenten. Die als Angestellte von der Müllabfuhr verkleideten Mörder hinterlassen wenig Verwertbares: die DNA von 27 Zigarettenstummel muss untersucht werden.
Unterdessen bekommt er neuen Kühlschrank zweiter Wahl (“Wir haben alle kleine Kratzer.”); seine Tochter Claudia gerät dank einer gezielt gestreuten Indiskretion über ihre kurze Drogenvergangenheit in die Fänge der Intercomp. Mit der vor allem moralischen Unterstützung gelingt es Eisner, zumindest den Mord aufzuklären und seine Tochter unbescholten wieder Empfang zu nehmen. “Bussi, Baba”, sagt Weiler und geht in Pension.

Wer ist der Täter? »

Eisner kann das Drogenkartell nicht ausheben, weil Dr. Ziu herausfindet, woher der V-Mann seine Informationen hat. Als Czermak und Eisner in Bratislava die “Operation Hiob” erfolgreich zum Abschluss bringen wollen, müssen sie feststellen, daß Ziu wieder schlauer war. “special box No. 18″ ist sauber, und Eisner bleibt nichts als die Wut auf seinen Vorgesetzten Rauter, der als Mittel zum Zweck Claudias Drogenvergangenheit weitergegeben hat.

Auch nach 12 Jahren nehme ich Harald Krassnitzer den Inspektor immer noch nicht recht ab. Diesmal war er allerdings wirklich überzeugend. Dazu gesellten sich hervorragende MItspieler. Heribert Sasse als unmittelbar vor der Pension stehender Assistent war eine Augenweide, ebenso Nichoals Ofcharek als arroganter und dennoch abhängiger Leiter der “Operation Hiob”. Gezeigt wurde eine Geschichte, die nicht ganz rund war, aber bis zum Schluss nichts von ihrer Spannung verlor. Ja, man kann auch mal eine private Verquickung unterbringen, ohne daß es vollkommen unglaubwürdig oder langweilig wird. Die kurze Drogenvergangenheit Eisners Tochter ist ein ein dramaturgischer Kniff, der seine Rolle in dieser Sonderkommission nach außen glaubwürdiger macht. “Operation Hiob” bot vor allem eine Menge Dialekt: jede Menge Schmäh und die Akzente osteuropäischer Verdächtiger. Und es wurde viel geraucht. Das darf man heute wohl auch nur noch in österreichischen Produktionen zeigen.
Ärgerlich ist, daß dieser Tatort mitten in der Sommerpause gezeigt wurde, als die Fußball-Weltmeisterschaft gerade die Viertelfinalspiele hinter sich gebracht hatte. Denn es war nach langem wieder eine gute Folge dieser ansonsten heuer behäbigen Reihe.
(7,5/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

(Bildausschnitte: rbb/ORF/Satel Film/Petro Domenigg)

Leipziger Minimalismus

766. Tatort: Heimwärts (MDR; EA: 06.06.2010)

Ermittler: Hauptkommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla), Hauptkommissar Andreas Keppler (Martin Wuttke), Kriminaltechniker Wolfgang Menzel (Maxim Mehmet), Rechtsmediziner Reichau (Kai Schumann)
Besetzung: Daniel Bergmann (Stefan Konarske), Mike Breuker (Dirk Borchardt), Karl Holst (Joachim Tomaschewsky), Anna Kowski (Anne Werner), Marie Holst (Johanna Gastdorf), Hannes Holst (Karl Kranzkowski), Svenja Holst (Nina Gummich), Nachtschwester (Antonia Gerke), Amtsarzt (Günter Kurze), Inge Saalfeld (Swetlana Schönfeld)
Drehbuch: Heike Rübbert; Drehbuch: Johannes Grieser

Man kann Product Placement sehr geschickt einsetzen. Die Amerikaner können das in ihren Filmen ganz gut, beim Schimamski war es stimmig, weil selbst die herumliegende Marlboro zu der Figur passte. Man kann es aber auch schlecht machen wie der MDR, indem man eine ungelernte, mobile Krankenpflegerin im Mini durch Leipzig schickt. Das gibt es nicht einmal im an reich an neuen und teuren Autos versehenen München. Schlimmer noch: man hätte das schicke Auto in die Ermittlungen einbauen können, aber darauf ist der MDR vor lauter Dankbarkeit, daß BMW in Leipzig Autos baut, nicht gekommen. Man möchte schreien.

Denn dieses Kommissare-Paar findet zwar heraus, daß es die ermordete Altenpflegerin Anna Kowski es für ihren Berufsstand zu unglaublich viel Geld gebracht hat, aber an dem schicken Flitzer nehmen sie keinen Anstoß. Anscheinend stiftet das örtliche Arbeitsamt jedem, der nicht von Hartz IV keben will, so einen attraktiven Kleinwagen. Sie kümmerte sich liebevoll um den kranken Karl Holst, der in ihrer Anwesenheit seinen letzten Frühling erleben durfte. Nebenbei versuchte sie ihren Arbeitgeber Mike Breuer -Vorsicht: Realitätsbezug! -, bekannt für seine miserable Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen, zu erpressen. Die Bilanz seines Pflegedienst hübscht er mit erpressten testamenten zu seinen Gunsten auf.
Holsts Nachkommen haben kein Geld, um einen angemessene Pflege für ihn zu bezahlen. So bleibt der Wunsch seiner Enkelin Svenja, für ein Jahr nach Kalifornien zu gehen, unerfüllt.

Wer ist der Täter? »

Nicht unerwartet entwicklet sich “Heimwärts” zu einem Familiendrama mit einer überdrehten Enkeltochter. Ihre verzweifelte Mutter hat die Pflegerin getötet. Sie konnte nicht mit ansehen, wie Anna Kowski sich trotz der Differenzen mit Breuker zu dessen Handlanger machte und Grundstücke für ihn ergaunerte. Enkelin Svenja streckte de Breuker nieder, als sie einsehen muss, daß das Haus der Familied nicht mehr zurückzugewinnen ist.

Der MDR kann’s nicht. Man hätte aus der Geschichte der toten Altenpflegerin, die mit einem Bestatter liiert ist, einen herrlich skurrilen, mit dem Krimi-Genre spielenden Stoff spinnen können. Aber Ironie und Komik sind dem Sender, der Armin Menzel lange Jahre ein wohliges Zuhause bot, fremd. Ich bin immer wieder in der Versuchung, Martin Wuttke zu bedauern, aber der gute Mann ist volljährig und wird für seine Zusammenarbeit mit der mimisch-gestisch auf der unteren Skala agierenden Simone Thomalla sicher nicht schlecht entlohnt werden: Schmerzensgeld kann auch eine lukrative Entlohnung sein. Und Heiner Müller sieht’s ja nicht mehr… Davon hat der Zuschauer allerdings nichts, denn er darf sich dreimal im Jahr ärgern, wenn der MDR mit Filmen zum Sonntag Abend aufwartet, die zwar ein einziger Horror sind, aber mit diesem Genre, geschweige denn mit einem anständigen Krimi, nichts gemeinsam haben.
Es schließt sich der Kreis zum Beginn dieser Kritik: Tatorte aus Leipzig sind einfach Minimalistisch. (1,5/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus

(Bilder: MDR/Saxonia/Steffen Junghans)

Nur eine Stasibude

765. Tatort: Schlafende Hunde (RB/Degeto; EA: 30.05.2010)

Ermittler: Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), Assistent Karlsen (Winfried Hammelmann)
Besetzung: Hans Rodenburg (Jürgen Prochnow), Anna Korzius (Laura Tonke), Kurt Schröder (Heinz Werner Kraehkamp), Dr. Katzmann [Pathologe] (Matthias Brenner), Mats (Kai Ivo Baulitz), Hannah Berger (Elisabeth Schwarz), Staatsanwältin Johannsen (Julika Jenkins), Ruth Thalheim (Marie Anne Fliegel), Nachbarin (Liane Düsterhöft), BKA-Mann (Thomas Ziesch)
Drehbuch: Wilfried Huismann, Dagmar Gabler; Regie: Florian Baxmeyer

Viele Fragezeichen und wieder mal einen Hund hinterlässt den Ermittlern aus Bremen der Mord an der Renterin Ruth Tahlheim. Durch ein mysteriöeses Gift, das erst nach der Obduktion nachgewiesen wird, ist sie umgekommen. Ruth Tahlheim hat vor der Wende für Firma Intertec, die Hans Rodenbruch aus dem Westen mit Material und Knowhow beliefert hat, gearbeitet und saß acht Jahre in Bautzen.
Nach einem behäbigen Anlauf versucht dieser Tatort eine Mischung aus Wirtschafts- und Politkrimi zu werden. Die Kommissarin sieht sich mit einer Vergangenheit konfrontiert, die nicht ihre ist, was ihr Assistent zunächst nicht wahrhaben will. Sie fahren nach Berlin um herauszufinden, daß die Stasi und ihre nach der Wende immer noch aktiven Arme ihre Finger im Spiel haben- “eine Stasibude”, wie Stedefreund recht bald konstatiert. Beide erfahren, daß es durchaus einen Zusammenhang zwischen fair gehandeltem Kaffee und illegalen Waffenexporten nach Venezuela gibt. Sie lernen: “Wer mit dem Teufel essen will, braucht einen langen Löffel.”

Wer ist der Täter? »

Dem ehemaligen Stasi-Mitarbeiter und jetzigen Sicherheitsschef von Rodenburg, Kurt Schröder, wurde die Rentnerin zu gefährlich. Denn sie hat herausgefunden, daß ihre zur Adpotion freigegebene Tochter die Geleibte von Rodenburg war.

Die Autoren haben einen Plot entworfen, der nicht mit Spannung geizt. Er zeigt, daß auch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer die Stasi nur auf dem Papier tot ist. Allerdings wird er mit Liebesgeschichten und scheinbaren Verwicklungen überfrachtet. Daß das Ende ein wenig offen bleibt, ist nicht die Schwäche dieses Falls.
Jürgen Prochnow als Rodenburg überzeugt überhaupt nicht, sondern spielt ziemlich lieblos eine Figur, die einige Widersprüche in sich birgt. Er deutet sie aber höchstens an. Dagegen ist Heinz Werner Kraehkamp als Sicherheitschef eine tragfähige Figur mit ordentlich Zynismus und übersteigertem Selbstvertrauen. Laura Tonke hatte schon stärkere Auftritte – ihre Anna Korzius kratzt zu sehr an der Oberfläche. Gelegentlicher Tiefgang wird zu schnell im Keim erstickt.
Überzeugen kann dieser Tatort mit seinen Bildern – klar und schonungslos. Das hätte auch der Geschichte gut getan. “Schlafende Hnde” kommt aus der Enge der Bude nicht heraus, was angeswichts der Fülle an Stoff wirklich zu bedauern ist. Daß der gefundene Hund sterben muss, passt insofern ganz gut ins Bild.
(6/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus, Radio Bremen
Meinungen: Fielitz, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

Hinterhof-Phantasien

764. Tatort: Hitchcock und Frau Wernicke (RBB; EA: 24.05.2010)

Ermittler: Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke), Hauptkommissar Felix Stark (Boris Aljinovic); Kommissar Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill)
Besetzung: Irmgard Wernicke [Rentnerin] (Barbara Morawiecz), Robert Benkelmann [Weinhändler] (Hans-Jochen Wagner), Renate Müller [Krankenpflegerin] (Lotte Ohm), Timo [Zivi] (Robert Höller), Ella Leiser (Jenny Schily), Gernot Schuber (Steffen Münster), Sebastian Stark (Aaron Altaras)
Drehbuch & Regie: Klaus Krämer

Frau Wernicke, alt und alleinstehend, hat viel Zeit. Die verbringt sie gerne vor ihrem Wohnzimmerfenster. Von dort aus kann sie dem Treiben im Nachbarhaus zusehen. Und sie hat Unglaubliches beobachtet. Sie hat gesehen, wie der Weinhändler Benkelmann am frühen Morgen seine Frau um die Ecke gebracht hat. Die Kommissare, die anscheinend nicht viel zu tun haben, lassen sich auf die Geschichte der alten Dame ein und beginnen zu ermitteln. Seine Frau sei in den Urlaub gefahren; er habe sie am Morgen zum Bahnhof gebracht, gibt der Verdächtigte zu Protokoll.
Ritter und Stark geraten schnell an ihre Grenzen, denn es gibt weder eine Leiche noch eine Vermisstenmeldung. Daß die redeselige Rentnerin in der besagten Nacht “Das Fenster zum Hof” gesehen hat, lässt den Fall endgültig im Sand verlaufen. Ritter lässt sich abends von Frau Wernicke mit strammen Max verköstigen, Stark versucht mit ihrer Krankenpflegerin Lotte anzubandeln, und der brave Zuarbeiter Weber telefoniert nach Portugal, um wenig zu erfahren.
Es plagt sie das schlechte Gewissen, als die alte Frau nicht mehr zuhause ist. Die Ermittlungen werden wieder intensiviert. Nach intensiver Recherche finden sie sowohl die angebliche Leiche als auch Frau Wernicke wieder.

Wer ist der Täter? »

Der Weinhändler Benkelmann hat tatsächlich seine Frau umbringen lassen, um frei für seine neue Liebe Ella Leiser zu sein. Frau Wernicke finden die Kommissare in einem Krankenhaus, wo sie sich von einem Schwächeanfall erholt. Die Krankenpflegerin Lotte hat sie zunächst zu sich nachhause geholt, bevor sich ihr Gesundheitszustand verschlechterte.

Ohne Barbara Morawiecz, die eine liebenswerte Frau Wernicke verkörperte, wäre dieser Tatort vollkommen langweilig gewesen. Autor und Regisseur wollte wohl den Hitchkock-Klassiker in einen Berliner Hinterhof verlegen. Das ist ihm mehr schlecht als recht gelungen. So ist der Titel dieser Folge das beste an diesem Tatort.
(4,5/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Annabell, Fielitz & Tatort-Forum

(Bilder: rbb/Hans-Joachim Pfeiffer)

Mumienschanz

763. Tatort: Der Fluch der Mumie (WDR; EA: 16.05.2010)

Ermittler: Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl), Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers), Silke Haller “Alberich” (ChrisTine Urspruch), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Grossmann)
Besetzung: Judith Schorlemer (Marijam Agischewa), Andreas Lechner (Tobias Schenke), Dr. Wilfried Kastner (Justus von Dohnanyi), Mathias Reinhardt (Jürgen Rißmann), Josef Bausch (Thomas Lawinky), Gruber (Dimitri Bilov), Reporterin (Anke Bruns), Weismantel (Peter Clös), Galina (Anna Brodskaja), Handwerker (Ludger Burmann), Stefan Karb (David Scheller), Marion Ende (Tina Seydel)
Drehbuch: Jan Hinter und Stefan Cantz; Regie: Kaspar Heidelbach

Professor Boerne widmet sich einer schöngeistigen Leiche, die der Vater des Kommissars (sic!) entdeckt hat. Die Mumie soll ein verblichener persischer Prinz gewesen sein. Daran zweifelnd duelliert er sich verbal mit dem Archäologen Dr. Kastner, sehr versnobt dargestellt von Justus von Dohnanyi. Kommissar Thiel muss sich mit dem vergleichsweise banalen Mord an dem Justizvollzugsbeamten Reinhard herumschlagen. Gemein ist ihnen die defekte Wasserzufuhr in ihren Hasuhalten. So rennen die Nachbarn mit fettigen Haaren durch diesen Tatort. Alberich ist krank und nimmt ihren Brieffreund und Ex-Knacki Andreas Lechner bei sich auf und vermittelt ihn als Sektionsgehilfen an das Institut ihres Chefs.
Natürlich ist er der Hauptverdächtige, und die Mumie hat Einschusslöcher im Schädel. Welch ein Triumph für den eloquenten Narzissten! Die erschossene Mumie entpuppt sich als libanesischer Ex-Häftling, dessen Freundin ein Kind vom Gefängnisdirektor Bausch hat. Der ermordete JVA-Beamte wusste und verlangte zu viel und musste auch aus dem Weg geräumt werden.
Am Schluss können sich alle wieder die Haare waschen.

Das war wieder ein typischer Münster-Tatort. Man mag ihn, oder man mag ihn nicht. Ich packe diese Albernheiten, um die man eine Geschichte bastelt, nur schwer. Bonuspunkte gibt es nur für Alberich und die Dogge Wotan. Das Kleinstadtgefrotzel erfreut sich dennoch größter Beliebtheit. Der Tatort aus Münster ist “Der Bulle von Tölz” für Akademiker.
(4/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz, Marcus Kästner, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

(Bilder: WDR/Willi Weber, Screenshot)

Doppeltes Doppelleben

762. Tatort: Blutgeld (SWR; EA: 25.04.2010)

Ermittler: Hauptkommissar Thorsten Lannert (Richy Müller), Hauptkommissar Sebastian Bootz (Felix Krahe), Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera), Kriminaltechnikerin Nika Banovic (Miranda Leonhardt), Rechtsmediziner Daniel Vogt (Jürgen Hartmann)
Figuren: Julia Bootz (Maja Schöne), Marc Simon (Stephan Kampwirth), Cornelia König (Lisa Martinek), André Lindner (Hans Jochen Wagner), Simons Schwiegermutter (Petra Kelling), Somons Schwiegervater (Eric P. Caspar). N.N. (Jonas Meyer)
Drehbuch & Regie: Martin Eigler

Die Kommissare finden eine scheinbare Familientragödie vor. Frau und Tochter des Bankers Marc Simon wurden in ihrem Haus erschossen. Er gerät schnell ins Visier der Ermittler, führt er doch ein Doppelleben, von dem beide Familien wissen.
Doch der Fall weitet sich aus, weil wegen Veruntreuung die Mafia hinter ihm her ist. Es entwickelt sich ein spannendes Katz-und-Maus-Spiel, bei dem sowohl Simons Sohn als auch die Familie des Mafia-Bosses entführt werden. Die Auflösung wird spannend und ohne Witzchen inszeniert. Nur der Schluss ist absolut deplatziert und passt überhaupt nicht zu dem Niveau des ansonsten wirklich guten Tatorts.

Das Stuttgarter Ermittler haben sich schnell nach oben gespielt. Nebenschauplätze wie Familie (Bootz) oder Nachbarin (Lannert) werden dezent in die Geschichten eingebaut. Allerdings ist es wenig hilfreich, fehlenden Lokalkolorit durch erzwungenes Schwäbisch bei den Darstellern, hier: Hans-Jochen Wagner, zu kompensieren. Und: Ein Happy End sollte passen.
(7/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Annabell, Mayavonderspree, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

(Bild: SWR/Stephanie Schweigert)

Finnischer Trip

761. Tatort: Tango für Borowski (NDR; EA: 04.04.2010)

Ermittler: Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg), Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert), Kriminalrat Roland Schladitz (Thomas Kügel)
Figuren: Ralph Böttcher (Florian Bartholomäi), Mikko [finnischer Polizist] (Janne Hyytiäinen), Tuulia [finnische Polizistin] (Sanne-June Hyde), Rane [Chef der dort ansässigen Dienststelle] (Pekka Valkeejärvi), N.N. (Matthias Brenner), N.N. (Jarmo Mäkinen), N.N. (Jorma Tommila), N.N. (Antti Reini)
Drehbuch: Clemens Murath; Regie: Hannu Salonen

Borowski fragt seinen Vorgesetzten, was man unter einer finnischen Therapie zu verstehen habe. “Sauna? Skispringen?” Er darf den Selbstversuch machen, als er den in Helsinki inhaftierten Ralph Böttcher aufsuchen soll. Im Rahmen eines Resozialisierungsprozesses, der von der Psychologin Jung unterstützt wurde, wurde der in Kiel festegenommene Junkie zu einer intensivpädagogischen Maßnahme nach Finnland geschickt. Dort sitzt er nun ein, weil er seine Freundin Anni ermordet haben soll. Doch Böttcher sitzt nicht in Helsinki ein, sondern in Ilomantsi. Dort gibt es vor allem: Wälder und Seen.
So wird aus dieser Dienstreise ein Trip der besonderen Art für den Kieler Kommissar. Und so wird aus einer wenig spektakulären Geschichte ein besonderer Tatort. Hannu Salonen, gebürtiger Finne, inszeniert einen Film, der vor allem von der Atmosphäre und den Begegnungen lebt. Der überforderte Kommissar, kämpft im finnischen Mittsommer mit der nächtlichen Helle und seiner Schlaflosigkeit. Mit seinen Kollegen, die mit dem Kieler Kauz nur wenig anfangen können, muss er sich zusammenraufen. Er muss tatenlos ansehen, wie der Häftling in den Weiten des Waldes entkommt, während Kollege Mikko im Saab seine Musikcassettensammlung sortiert. Daß ihm Frieda Jung nachreist, ist nur eine kleine Unterstützung. Sie liefert zwar entlastendes Material für den vermeintlichen Mörder, kann aber nicht verhindern, daß er sich im Gestrüpp verläuft. Am Ende verschwindet sie. Übermüdet tanzt er Tango, isst Pilze und landet so auf einem ganz komischen Trip, der nach einigen Tagen und 17 Stunden Schlaf am Stück ein Ende findet. Den Mord am Hauptverdächtigen kann er nicht verhindern, aber er kann mit Hilfe seiner finnischen Kollegen den Fall klären.
In der Sauna kann er die Strapazen dieser Reise rausschwitzen.

Mit gemächlichem Tempo wird der Zuschauer durch diesen ungewöhnlichen Tatort geführt. Er bekommt Gelegenheit, ein wenig von dieser für unsere Verhältnisse fremden Kultur einzufangen. Die Kamera nimmt sich Zeit, die unendlich wirkenden Wälder mit den vielen Seen einzufangen und diese Folge somit zu einer Reise in eine andere Welt zu machen. Es wird nicht viel gesprochen, aber freundlicherweise entgegen gängiger Klischees nicht ständig gesoffen. Daß Borowski nach seinem Trip den Schnaps nicht verträgt, ist nur eine kleine Anspielung.
Es ist kein außergewöhnlicher aber ein ungewöhnlicher Tatort, der auf entzückende Weise mit dem Genre spielt. Wer’s klassisch mag, kann mit “Tango für Borowski” nichts anfangen. Wer das Expermiment mag, kommt auf seine Kosten. (8/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Tittelbach.tv, Tatort-Forum

(Bilder: NDR/Pasi Räsämäki)

Schwedenhappen

760. Tatort: Vergissmeinnicht (NDR; EA: 28.03.2010)

Ermittler: Hauptkommissar Cenk Batu (Mehmet KurtuluÅŸ), VE-Leiter Uwe Kohnau (Peter Jordan)
Figuren: Mia Andergast (Désirée Nosbusch), Natalie Bertram (Luise Helm), Thomas Hanau (Patrick von Blume), Anne Thomsen (Marie-Lou Sellem), Konrad (Rainer Sellien), Holger Lichtenhagen (Hansjürgen Hürrig), Frau Lichtenhagen (Peggy Lukac), Alma Lichtenhagen (Pheline Roggan), N.N (Hans Löw), N.N (Jürgen Uter), N.N (Özgür Karadeniz), N.N (Oliver Warsitz), N.N (Tina Eschmann)
Drehbuch: Christoph Darnstädt, Tim Krause; Regie: Richard Huber

Diesmal gibt der Undercover-Ermittler Cenk Batu den Pressesprecher Sinan Afra, der im feinen Zwirn herausfinden soll, an wen die die sensiblen Daten über Silicium 3 gehen. Damit kann man Solaranlagen schön aufmotzen. Angesichts geplanter sinkender Zuschüsse für die Sonnenenergie ist das natürlich ein lohnendes Geschäft.
Der zuständige Entwicklungsleiter, Holger Lichtenhagen, der ihn noch zum persönlichen Referenten ernennen wollte, wird tot aufgefunden. Nach der Beerdigung trifft er die schöne Mia Andergast und setzt sein Engagement aufs Spiel. Sein Profil weist ihn als homosexuell aus, und so gerät sein Vorgesetzter Kohnau gehörig ins Schwitzen, als ihm Bilder vom mit einer attraktiven Frau turtelnden Batu zugespielt werden. Sie sei die uneheliche Tochter von Lichtenhagen.
Beim Nachfolger des Toten, Thomas Hanau, ist der Ermittler nicht wohlgelitten. Der versucht, ihn schnellstmöglich loszuwerden.
Das gelingt ihm auch, aber auch nur, weil Kohnau die Notbremse zieht, in dem er Batu festnimmt. Der will aber seinen Afra nicht über Bord werfen, und so bleibt er an der Industriespionage dran. Daß auch der BND an der Geschichte dran ist, weiß er nicht. Es gelingt ihm, die heißen Daten auf dem Zentralrechner zu sichern. Konrad von der EDV hindert ihn nicht daran.
Die Liebschaft des Kommissars entpuppt sich erwartungsgemäß nicht als Tochter des Tochter des Toten, sondern als Schwedenhappen, die für den Geheimdienst FRA versucht, an das heiße Material zu kommen. Mit Hilfe des BND, der Konrad ins Unternehmen eingeschleust hat, gelingt es der Staatsräson, die teuren Datein nach Skandinavien zu transferieren.
Und der Kommissar darf zu Baba, um mit ihm mittag zu essen.

“Vergissmeinnicht” überzeugt weniger durch die Geschichte, die in vielen Varianten oft erzählt wurde. Daran können auch die guten Darsteller nichts ändern. Dieser Tatort überzeugt viel mehr durch die Bilder und die Kameraführung, die wirklich sehr ästhetisch sind und in dieser Reihe selten zu sehen sind. Die einsam machende Großstadt wird hervorragend in Szene gesetzt. Mehmet KurtuluÅŸ, wieder omnipräsent, überzeugt abermals als verdeckter Ermittler.
Der neue Weg, den der NDR nach der Katastrophe mat Castorff beschritten naht, könnte aber in einer Sackgasse enden, wenn man sich nur auf den Hauptadarsteller und die starken Bilder verlässt. Eine überzeugende Geschichte steht bei aller Ästhetik über allem. Mit Plots wie diesem wird’s schwierig. (6,5/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

Froschkönige und graue Mäuse

759. Tatort: Kaltes Herz (WDR; EA: 21.03.2010)

Ermittler: Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), Hauptkommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär), Sekretärin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt), Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch), Staatsanwalt von Prinz (Christian Tasche)
Figuren: Stefanie Karstmann (Miriam Horwitz), Michael Donker (Christian Blümel), Matthias Hellwig (Charly Hübner), Bernd Kampnagel (Falk Rockstroh), Tanja Küppers (Dagmar Leesch), Axel Küppers (Thomas Lawinky), Jenny Wande (Isolda Dychauk)
Drehbuch: Peter Dommaschk und Ralf Leuther; Regie: Thomas Jauch

Es bedarf keiner großer Phantasie, ein Drehbuch über die soziale Verwahrlosung eines Kindes zu schreiben. Traurige, reale Vorlagen gab es in den letzten Jahren zuhauf. Etwas Feingefühl ist notwendig, daraus kein emotionales Minenfeld zu machen, das sich in Klischees suhlt. Und in speziell in Köln muss man darauf achten, dem Ballauf nicht schon wieder eine verflossene Liebe anzudichten. Das ist den Autoren Peter Dommaschk und Ralf Leuther teilweise gelungen.
Eine 20-jährige Mutter, die ihr Kind vernachlässigt, zu einer der Hauptfigurfen zu machen, ist nicht besonders angenehm, aber leider auch nicht an den Haaren herbeigezogen. Daß das Kind aus der heimischen Wohnung entführt wurde, irritiert ein ein wenig, passt aber dramaturgisch zum Tod des Jugendamtmitarbeiters, der in ihrer Wohnung erschlagen wurde. Dazu gesellt man eine Familie, die sich auf ihrem Bauernhof um gestrandete und von seelischer Behinderung gezeichnete Kinder und Jugendliche kümmert, die sie vom Jugendamt zugewiesen bekommt. Es ist nicht die Regel, aber daß das auch ein Geschäft für Pflegefamilien sein kann, ist nicht völlig abwegig. Arg klischeehaft ist der verdächtige Sozialarbeiter aus dem Jugendamt dargestellt, der als graue Maus den Amtsschimmel laut wiehern lässt.
Daraus Schiebung im Amt zu konstruieren, ist für diesen Bereich neu, aber angesichts der immer wieder vorgegebenen Einsparungen, die notwendige Fremdunterbringungen verhindern, ein interessanter Aspekt.
Die Kommissare dürfen sich dabei als Froschkönige für ihre schwangere Kollegin betätigen, die sich während des Karnevals von einem unbekannten Frosch küssen ließ. Väterliche Facettten zeigen sie, als sie ihre Kollegin nach dem verlorenen Kind in den Arm nehmen.
So kam nach längerem wieder ein akzeptabler Kölner Tatort raus, der nicht den Pfiff frührerer Tage hatte, aber nach den arg drögen Folgen der letzten zwei Jahre die Hoffnung weckt, daß die Talsohle durchschritten ist. (6/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz, Marcus Kästner, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

(Bild: WDR/Uwe Stratmann)

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