Taxi nach Frankfurt

Seit knapp drei Jahren lasse ich meinen Eindrücken über den Tatort freien Lauf; das sonntägliche Glotzen ist die Konstante des Blogs, wenn man es so betrachten will. Angefangen hat es an einem Ostermontag mit “Engel der Nacht”, einer Folge, an der ich kein gutes Haar gelassen habe.
Einige andere gucken ebenfalls regelmäßig und lassen ihren Eindrücken freien Lauf: Annabell (herzlichen Dank noch einmal für die Gastkritik, die ich schreiben durfte), Fielitz, MayavonderSpree und ChloevomSee sowie Sopran begleiten mich.
Mit einem Ritter-Schlag habe ich nicht gerechnet. Dennoch folgte auf das Augenreiben der Stolz, als ich nach der Kritik zu einem der besten Münchner Tatorte das Angebot bekam, für das Flagschiff im Netz, den Tatort-Fundus, Rezensionen zu schreiben. Danach war ich für einige Tage außer Gefecht gesetzt. Das Angebot erfüllt mich immer noch mit Stolz.
Nach der Benommenheit stieg ich ins Taxi nach Frankfurt, denn mein Erstling war die Rezension einer Folge des von mir sehr geschätzten Ermittler-Duos Dellwo und Sänger war. Man könnte es auch als Anfängerglück bezeichnen…
Nicht vergessen möchte ich den einen oder anderen Tatort-Abend in der Niederlassung.
So, nach der langatmigen Einleitung komme ich nun zu dem Rückblick auf das abgelaufene Tatort-Jahr.
Tatort-Rückblick 2009
Ich habe nicht alle Folgen gesehen, aber die wirklich guten habe ich wohl mitbekommen, wenn ich die Kritiken in den Blogs und im Tatort-Forum näher betrachte.

Höhepunkte
“Architektur eines Todes”
Frauenaffin, stlistisch sehr schön. Es ist nicht der beste Frankfurter Tatort, aber es gelingt den Machern, eine stimmungsvolle und ebenso stimmige Atmosphäre zu schaffen. – ich werde Sänger und Dellwo, wenn sie nächstes Jahr im November abtreten, vermissen.
“Borowski und die heile Welt”
Steife Brise aus Kiel. Kindsmord kann man mit sehr viel Patina inszenieren, aber das geht zumeist schief. Den Autoren und dem Regisseur ist es gelungen, schwer verdauliche Kost zuzubreiten, aber keinen Klumpen, den man nur mit vielen Schnäpsen zu Leibe rücken kann.
“Vermisst”
Zu Odenthals Jubiläum bekamen die Zuschauer Feinkost serviert. Neben weißen Piemont-Trüffeln und selbst gemachten Gnocchi mit selbst gemachten Pesto Genovese durften sie eine spannende Geschichte sehen, die trotz der Vierschachtelung präzise und nachvollziehbar war. Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, daß die Figur Ĺena Odentahl noch Entwicklungspotentail hat, hätte ich es nicht geglaubt.
“Häuserkampf”
Das Konzept des NDR, einen verdeckten Ermittler ins Rennen zu schicken, scheint aufzugehen. Schnörkellose Geschichte für die es nur wegen das wenig inspirierte SEK = böse Abzüge gibt.
“Altlasten”
Nachdenkliches zum Jahresabschluss feinfühlig ungesetzt und hervorragend dargestellt (v.a. Bibiana Zeller!). Und die Stuttgarer bringen den Nachweis, daß man Lokalkolorit auch durch ortstypische Bilder wie die Standseilbahn oder Kulinarisches (selbstgeschabte Spätzle) darstellen kann.
Tiefpunkte
“Wir sind die Guten”
Für Münchner Verhältnisse einfach nur schlecht; dieser Tatort hatte Münsteraner Niveau… Eine mit Originalität geizende Amnesie-Story gepaart mit den üblichen Verdächtigen lässt die Lokalmatadoren tief sinken. Hoffentlich wird das Wirre nicht zum Konzept des BR. Eine Story ohne persönliche Verwicklung eines Kommissars wäre ein guter Ansatzpunkt…
“Rabenherz”
Die einzig wirklich gute (und unbeabsichtigte) Pointe dieses Tatorts waren die Magenschmerzen von Ballauf. Der Fall war wirklich schwer verdauliche Kost, die auch die blasse Anna-Maria Mühe nicht schmackhafter machte. Man musste keine persönliche Verwicklung eines Kommissars verdauen, aber Orangensaft kann auch ganz üble Folgen haben…
“Mauerblümchen”
Nicht nur wegen Helmut Zierl nur schwer erträglich. Sich über die schauspielerischen Fähigkeiten einer Simone Thomalla negativ auszulassen, ist wohl frauenfeindlch. Aber die Geschichte war schlecht genug, darauf nicht näher einzugehen.
…und sonst
Ich bilde mir ein, dieses Jahr bessere Folgen gesehen zu haben als letztes Jahr. Solides gab es regelmäßig aus Kiel, Stuttgart, Konstanz (“Im Sog des Bösen” ist nur knapp an den Tops vorbeigeschrammt) und mit Abstrichen aus Berlin. Enttäuschend hingegen waren die Beiträge aus Köln und – aus der Sicht eines Millionendörflers wirklich niederschmetternd – München (Ausnahmen “Mit ruhiger Hand” und “Gesang der toten Dinge”). Aus Münster gab es mit “Tempelräuber” in der zweiten Hälfte statt eines “Hilfe! Nicht schon wieder!” ein Aha-Erlebnis. Sie können auch ernst.
Auf ein gutes Tatort-Jahr 2010!




Ivo flüchtet aus dem Krankenhaus. Der Kommissar ohne Gedächtnis ist bemüht, sich nun im Leben zurecht zu finden. Das ist zu Beginn ein wenig komisch, als er bargeldlos mit Karte, aber ohne Geheimzahl, im Supermarkt eine belegte Semmel bezahlen will. Auch ein hilfloses “Ich habe Hunger” hilft ihm nicht weiter. Als Hasenbergl-Stil-Ikone, mit ballonseidener Sportjacke, Sonnenbrille und grauer Mütze bekleidet, versucht er, sich dem Zugriff der leitenden Ermittler zu entziehen, die ihn mittlerweile suchen und für einen Mörder halten.
Als Franz Leitmayr mit dem Ort konfrontiert, an dem das Auto seines Partners in einen Bach gestürzt ist, klärt sich der Fall langsam auf. In der nahe gelegenen Kapelle, die auch für Batic ein Ort der Erleuchtung ist, erlegt Leitmayr später den roten Hirsch. Das ist noch einigermaßen logisch, aber die Auflösung, die das Motiv untermauern soll, wirkt so spontan wie zufällig.




Michaela Bäurle wird aber erschossen, bevor sie mit der Kommissarin sprechen kann. Die Eltern können sich nur schwer damit abfinden, dass ihre seit 12 Jahren vermisste Tochter nun tot ist. Der damals für den Fall zuständige Kommissar Schlothfang („Wo haben Sie denn Ihre Lederjacke gelassen?“) erweist sich zunächst nicht als große Hilfe.
Die Kommissarin kommt schnell mit dem Witwer der vor 12 Jahren getöteten Christin Ritterling in Kontakt. Seit zwei Monaten in Freiheit lebt Nicoals Ritterling auf einem Segelboot und frischt seine Kenntnisse als ehemaliger Sternekoch auf. Sie bezweifelt, daß er der Mörder seiner Frau war, aber er hat seinen Deckel drauf gemacht und bleibt bei seinem vor dem Urteil gemachten Geständnis. „Christin war das nackte Verderben“, sie habe ihn betrogen, und dafür habe sie büßen müssen.
Der Tier-Content wird in diesem Tatort sehr gepflegt. Lenas Katze ist wieder mal zu sehen und muss damit leben, dass Kalbfleisch- und Thunfischhäppchen ausverkauft sind. Nur kurz zu sehen ist der Basset-Mischling Nippel der Nachbarin von Bäurles. Mehr Auftritte hat hingegen „Mäuschen“, die aber sehr menschlich ist und versucht, das Niveau des kleinen Lokal des pensionierten Kommissars mit ihren Kochkünsten zu heben. Leider sieht sie so aus, dass man davon ausgehen muss, dass das Futter für Lenas Katze hochwertiger ist…
Ein Junkie-Pärchen und vom pensionierten Kollegen zugesandte Bildern eröffnen den Kommissaren die Lösung. Es war nicht Michaela Bäurle, die vor 12 Jahren mit Jan Seegmeister photographiert wurde, sondern Christin Ritterling abgebildet. Der Streit, der zum vermeintlichen Mord Ritterlings Frau führte, hat sich der wütende Mann von ihr verabschiedet. Jan Seegmeister, Zeuge des Streits und letzter Gast in Ritterlings Sternerestaurant, hatte ein Verhältnis mit Christin. Alkoholisiert hat er seinerzeit Michaela überfahren. Die Leiche wurde ans Steuer gesetzt und die Böschung heruntergefahren. Überzeugt, für die Tat schon gesühnt zu haben, scheut sich Ritterling nicht, seine Frau zu erschießen, als sie nach Ludwigshafen zurückzukehren, weil sie ihren Liebhaber für sich alleine haben will.
Die Schauspieler waren glänzend aufgelegt und spielten wirklich hervorragend. Corinna Harfouch gab die eiskalte Conny Seegmeister beängstigend authentisch. Jeroen Willems zeigte eindrucksvoll die Feigheit eines Mannes. Nicolas Ritterling wurde von Thomas Sarbacher als zukunftsorientierter, von sich überzeugter und skrupelloser Täter sehr überzeugend dargestellt. Hans-Jörg Assmann, sonst eher als biederer und dennoch zwielichtiger Anzugträger aus den Wedel-Mehrteilern bekannt, gab einen herrlich schrulligen pensionierten Kommissar mit Imbiss und junger, schlechter Köchin. Auch die Nebenrollen waren gut und typenreich besetzt.
Ein Berber namens Beethoven
Fusel

Kuschelrock
Trash Metal
Fremdneurosen