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Taxi nach Frankfurt – oder: Architektur eines Tatort-Jahres

Taxi nach Frankfurt

Seit knapp drei Jahren lasse ich meinen Eindrücken über den Tatort freien Lauf; das sonntägliche Glotzen ist die Konstante des Blogs, wenn man es so betrachten will. Angefangen hat es an einem Ostermontag mit “Engel der Nacht”, einer Folge, an der ich kein gutes Haar gelassen habe.
Einige andere gucken ebenfalls regelmäßig und lassen ihren Eindrücken freien Lauf: Annabell (herzlichen Dank noch einmal für die Gastkritik, die ich schreiben durfte), Fielitz, MayavonderSpree und ChloevomSee sowie Sopran begleiten mich.
Mit einem Ritter-Schlag habe ich nicht gerechnet. Dennoch folgte auf das Augenreiben der Stolz, als ich nach der Kritik zu einem der besten Münchner Tatorte das Angebot bekam, für das Flagschiff im Netz, den Tatort-Fundus, Rezensionen zu schreiben. Danach war ich für einige Tage außer Gefecht gesetzt. Das Angebot erfüllt mich immer noch mit Stolz.
Nach der Benommenheit stieg ich ins Taxi nach Frankfurt, denn mein Erstling war die Rezension einer Folge des von mir sehr geschätzten Ermittler-Duos Dellwo und Sänger war. Man könnte es auch als Anfängerglück bezeichnen…
Nicht vergessen möchte ich den einen oder anderen Tatort-Abend in der Niederlassung.

So, nach der langatmigen Einleitung komme ich nun zu dem Rückblick auf das abgelaufene Tatort-Jahr.

Tatort-Rückblick 2009
Ich habe nicht alle Folgen gesehen, aber die wirklich guten habe ich wohl mitbekommen, wenn ich die Kritiken in den Blogs und im Tatort-Forum näher betrachte.

Höhepunkte
“Architektur eines Todes”
Frauenaffin, stlistisch sehr schön. Es ist nicht der beste Frankfurter Tatort, aber es gelingt den Machern, eine stimmungsvolle und ebenso stimmige Atmosphäre zu schaffen. – ich werde Sänger und Dellwo, wenn sie nächstes Jahr im November abtreten, vermissen.

“Borowski und die heile Welt”
Steife Brise aus Kiel. Kindsmord kann man mit sehr viel Patina inszenieren, aber das geht zumeist schief. Den Autoren und dem Regisseur ist es gelungen, schwer verdauliche Kost zuzubreiten, aber keinen Klumpen, den man nur mit vielen Schnäpsen zu Leibe rücken kann.

“Vermisst”
Zu Odenthals Jubiläum bekamen die Zuschauer Feinkost serviert. Neben weißen Piemont-Trüffeln und selbst gemachten Gnocchi mit selbst gemachten Pesto Genovese durften sie eine spannende Geschichte sehen, die trotz der Vierschachtelung präzise und nachvollziehbar war. Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, daß die Figur Ĺena Odentahl noch Entwicklungspotentail hat, hätte ich es nicht geglaubt.

“Häuserkampf”
Das Konzept des NDR, einen verdeckten Ermittler ins Rennen zu schicken, scheint aufzugehen. Schnörkellose Geschichte für die es nur wegen das wenig inspirierte SEK = böse Abzüge gibt.

“Altlasten”
Nachdenkliches zum Jahresabschluss feinfühlig ungesetzt und hervorragend dargestellt (v.a. Bibiana Zeller!). Und die Stuttgarer bringen den Nachweis, daß man Lokalkolorit auch durch ortstypische Bilder wie die Standseilbahn oder Kulinarisches (selbstgeschabte Spätzle) darstellen kann.

Tiefpunkte
“Wir sind die Guten”
Für Münchner Verhältnisse einfach nur schlecht; dieser Tatort hatte Münsteraner Niveau… Eine mit Originalität geizende Amnesie-Story gepaart mit den üblichen Verdächtigen lässt die Lokalmatadoren tief sinken. Hoffentlich wird das Wirre nicht zum Konzept des BR. Eine Story ohne persönliche Verwicklung eines Kommissars wäre ein guter Ansatzpunkt…

“Rabenherz”
Die einzig wirklich gute (und unbeabsichtigte) Pointe dieses Tatorts waren die Magenschmerzen von Ballauf. Der Fall war wirklich schwer verdauliche Kost, die auch die blasse Anna-Maria Mühe nicht schmackhafter machte. Man musste keine persönliche Verwicklung eines Kommissars verdauen, aber Orangensaft kann auch ganz üble Folgen haben…

“Mauerblümchen”
Nicht nur wegen Helmut Zierl nur schwer erträglich. Sich über die schauspielerischen Fähigkeiten einer Simone Thomalla negativ auszulassen, ist wohl frauenfeindlch. Aber die Geschichte war schlecht genug, darauf nicht näher einzugehen.

…und sonst
Ich bilde mir ein, dieses Jahr bessere Folgen gesehen zu haben als letztes Jahr. Solides gab es regelmäßig aus Kiel, Stuttgart, Konstanz (“Im Sog des Bösen” ist nur knapp an den Tops vorbeigeschrammt) und mit Abstrichen aus Berlin. Enttäuschend hingegen waren die Beiträge aus Köln und – aus der Sicht eines Millionendörflers wirklich niederschmetternd – München (Ausnahmen “Mit ruhiger Hand” und “Gesang der toten Dinge”). Aus Münster gab es mit “Tempelräuber” in der zweiten Hälfte statt eines “Hilfe! Nicht schon wieder!” ein Aha-Erlebnis. Sie können auch ernst.

Auf ein gutes Tatort-Jahr 2010!

(Bilder: [1] (Robbrink/flickr), [2] (HR/Bettina Müller)

Der letzte Wunsch

750. Tatort: Altlasten (SWR; EA: 27.12.2009)

Ermittler: Hauptkommissar Thorsten Lannert (Richy Müller), Hauptkommissar Sebastian Bootz (Felix Krahe), Staatsanwältin Emilia Alvarez (Carolina Vera), Kriminaltechnikerin Nika Banovic (Miranda Leonhardt), Rechtsmediziner Daniel Vogt (Jürgen Hartmann)
Figuren: Brise Schubert (Bibiana Zeller), Leonie Martens (Stella Kunkat), Willy Schubert (Dieter Schaad), Oliver Martens (Tim Krebs), Julia Bootz (Maja Schöne), Lona Wagner [Lannerts Nachbarin] (Birthe Wolter), Eva [Krankenschwester] (Inka Friedrich), Peter Schubert (Andreas Schmidt), Holger Martens (Steffen Münster), Arzt (Christof Wackernagel), Bootz furchtbare Schwiegermutter (Angelika Bender), Maja Bootz (Johanna Janssen), Henry Bootz (Jakob Höhne)
(sowie Eva-Maria Kurze, Kathrin Hildebrand, Thomas Birnstiel, Karsten Dörr, Vera Baranyai, Anika Wangard, Josephine Aymar)
Drehbuch: Katrin Bühlig; Regie: Eoin Moore

Der 80-jährige Willy Schubert hat das Zeitliche gesegnet. Der Hausarzt hat einen natürlichen Tod festgestellt. Da er verbrannt werden wollte, wurde eine Obduktion durch die Gerichtsmedizin veranlasst, die eine Vergiftung zutage fördert.
Er hinterlässt seine Frau Brise (grandios: Bibiana Zeller!), zwei Kinder, ein zwei Enkelkinder, seine Kanzlei und ein Haus.

Eine Familienangelegenheit
Die Kommissare Lannert und Bootz ermitteln in der Familie und finden wenig Ansatzpunkte. Schubert war unheilbar krank. Wer hatte ein Interesse an seinem vorzeitigen Tod?
Seine Tochter, die sich in ihrem Beruf als Lehrerin wieder mehr engagieren will? Sein Sohn (wieder herrlich widersprüchlich: Andreas Schmidt), der mit seiner Galerie Schiffbruch erlitt? Oder doch sein Schwiegersohn, der seine Kanzlei übernommen hat, aber wegen eines Mandats in Streit mit seinem Mentor geriet?
Der Tatort macht sich nicht die Mühe, Motive zu suchen, wo keine zu finden sind. Er zeigt vor allem eine alte Frau, die den Tod ihres geliebten Manns nicht verkraften kann. Einzig ihre Enkelin Leonie findet Zugang zu ihr, indem sie ihr bedingslose Liebe zuteil werden lässt („Ich liebe Dich bis zum Mond und zurück.“). Nur knapp kann Lannert kann den Selbstmord der alten Frau verhindern. Er kann sich ihr nähern, erfährt, daß sie Alzheimer hat („Es schneit in meinem Kopf, und ich kann nichts dagegen machen.“)
Vor lauter Verzweiflung über das Drama gesteht Leonie einen Mord, den sie nicht begangen hat. Die Familie bekommt ein Video zu sehen, das Fragen klärt, aufwirft. und einen nicht erfüllten letzten Wunsch offenbart.

(Link: YouTube

Mit Genuss zum Detail
Dieser Tatort betont liebevolle, schwäbische Stärken: die fürs Essen. Sei es, daß Bootz’ Schwiegermutter (“Siehschd aus wie a Leich!”) selbstgeschabte Kässpätzle kredenzt, der Tote seine Schlaftabletten hin Heidelbeerkompott mit Schlagsahne einnahm, oder daß Brise wert darauf legt, daß Mandarinen unbedingt getrennt von Äpfeln aufbewahrt werden müssen, weil sie schneller faul werden.

Nachdenklicher Schluss
„Altlasten“ ist vor allem am Schluss kein gewöhnlicher Tatort, was aber durch die Geschichte zur Nebensache wird. Es ist eine starke Folge, weil hier mit Feingefühl inszeniert wurde. Gepaart mit hervorragenden Schauspieler und guter Musik wird daraus ein herausragender Tatort.
(9/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz, Sopran, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

(Bilder: SWR/Stephanie Schweigert)

Zum Vergessen

749. Tatort: Wir sind die Guten (BR; EA: 13.12.2009)

Ermittler: Hauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec), Hauptkommisar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl)
Figuren Rüdiger Stolze [LKA] (Michael Mendl), Michalik [Drogendezernat] (Max Hopp), Richard Wedel (Nikolaus Paryla), Verfolger (Thomas Lehmann), KTU-Leiter (Peter Rappenglück), Obermann [Förster] (Sepp Schauer), Britta [Polizistin] (Daniela Schulz), ED-Beamtin (Kerstin Becke), Gerichtsmediziner (Titus Horst), Notarzt (Anno Koehler), Sanitäter (Dirk Ossig), Krankenschwester (Anne Schäfer), Arzt (Helmfried von Lüttichau)
Drehbuch: Christian Jeltsch, Regie: Peter Fratzscher

Batic und sein Verfolger

Weder Leitmayr noch die Zuschauer haben etwas zu lachen. Sie müssen sich rund 90 Minuten durch einen Fall quälen, für den man glücklicherweise nicht an Amnesie leiden muss, um ihn schnell zu vergessen.

Nach einem Unfall erkennt Ivo Batic seinen Kollegen und Freund Franz Leitmayr nicht mehr. Doch auch Leitmayr hat Probleme mit Batic, der ihn plötzlich siezt, und muss im Mord an der Polizistin Leah, der Tochter eines Kollegen, fortan ohne Ivo ermitteln. In der Hoffnung, sein Erinnerungsvermögen zu aktivieren, zeigt ihm der besorgte Leitmayr seinen Dienstausweis und appelliert fast verzweifelt mit einem “Wir sind die Guten” an seinen Freund und Kollegen. Denn Leitmayr ahnt schnell, dass sein Partner Ivo etwas mit dem Fall zu tun haben muss.

Anfangs ein wenig komisch…
Ivo flüchtet aus dem Krankenhaus. Der Kommissar ohne Gedächtnis ist bemüht, sich nun im Leben zurecht zu finden. Das ist zu Beginn ein wenig komisch, als er bargeldlos mit Karte, aber ohne Geheimzahl, im Supermarkt eine belegte Semmel bezahlen will. Auch ein hilfloses “Ich habe Hunger” hilft ihm nicht weiter. Als Hasenbergl-Stil-Ikone, mit ballonseidener Sportjacke, Sonnenbrille und grauer Mütze bekleidet, versucht er, sich dem Zugriff der leitenden Ermittler zu entziehen, die ihn mittlerweile suchen und für einen Mörder halten.

…später langweilig
Unterdessen versucht Leitmayr die Ermittlungen voranzutreiben und wird – so gut es die Dramaturgie zulässt – vom LKA und dem Drogendezernat, für das die ermordete Polizistin gearbeitet hat, immer wieder ausgebremst. Auf eigene Faust findet der gestresste Kommissar heraus, dass Batic zeitweise auch Leahs Ausbilder war und mit ihr ein Verhältnis hatte. Als “Fels in der Brandung” gab er ihr Stabilität, als ihre Mutter starb. Doch Leitmayr muss immer wieder an seinem Freund zweifeln; weiß nicht, was er glauben soll. Und wie lassen sich die Drogenfunde in ihrer Wohnung erklären?

Jagdszenen mit spontaner Auflösung
Fest steht: Leah Wedel war dem Deal “Roter Hirsch” auf der Spur, den sie mit der Videokamera festhielt. Eine später gefundene DVD ist jedoch lückenhaft und kein Beweismittel, da sie nachträglich manipuliert wurde, wie Leitmayr feststellt. In ihrer letzten Nachtschicht verließ sie zudem den Observationsort, um einem Verdächtigen zu folgen – ihrem Mörder?

Sieht Ivo Gespenster?
Auch Ivo Batic sieht sich einem Verfolger ausgesetzt, der ihm ständig begegnet – im Krankenhaus, im Einkaufszentrum und in der Gefängniszelle. Doch niemand will ihm glauben; selbst auf von ihm geschossenen Fotos ist er nicht zu erkennen.

Als Franz Leitmayr mit dem Ort konfrontiert, an dem das Auto seines Partners in einen Bach gestürzt ist, klärt sich der Fall langsam auf. In der nahe gelegenen Kapelle, die auch für Batic ein Ort der Erleuchtung ist, erlegt Leitmayr später den roten Hirsch. Das ist noch einigermaßen logisch, aber die Auflösung, die das Motiv untermauern soll, wirkt so spontan wie zufällig.

Defizite bei Spannung, Story, Besetzung und und und
Es ist in TATORTen leider nicht mehr ungewöhnlich, Kommissare immer wieder persönlich in die Fälle zu verwickeln. Denselben Ermittler zum zweiten Mal in Folge derart zu involvieren, grenzt gar an Ignoranz.

Auch die Besetzung überzeugt hier nicht: Die gegnerischen Seiten werden in Wir sind die Guten leider zu stereotyp dargestellt. Gute Schauspieler zeigen allenfalls routinierte Leistungen; Überraschungsmomente bleiben auch bei diesem TATORT wegen der wenig originellen Besetzung aus.

Wir sind die Guten ist ein schlechter TATORT. Man wird ihn vergessen, ohne dafür unmittelbar nach der Ausstrahlung einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen zu müssen.

Anhang
Hintergrund: Bayerischer Rundfunk, Tatort-Fundus
Meinungen: Annabell, Fielitz, MayavonderSpree, Sopran, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

Braunschweiger Gaffer

747. Tatort: …es wird Trauer sein und Schmerz (NDR; RA: 15.11.2009)

Ermittler: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), Kriminaldirektor Stefan Bitomsky (Torsten Michaelis)
Figuren: Hauptkommissar Kohl (Felix Vörtler), Kai Bergmann (Sven Lehmann), Beate Petersen (Anne Ratte-Polle), Karl Mattiesen (Jörg Hartmann), Frank Wenzel (Patrick von Blume), Torsten Klein (Florian Stetter), Frau Hartmann (Jale Arikan), Schroth (Wolf List), Henrich [Autobahnpolizist] (Leopold Hornung), Katja Henrich (Karin Hanczewski), Born (Axel Sichrovsky), Oliver (Martin Wißner), Corinna Clement (Linda Pöppel), N.N. (Julian Kerim), Mann auf der Autobahnbrücke (Götz van Ooyen), Martin Felser (Ingo Naujoks), Annemarie Lindholm (Kathrin Ackermann)
Drehbuch: Astrid Papprotta, Regie: Friedemann Fromm

Charlotte Lindholm mit den Braunschweiger Ermittlern Bergmann und Kohl

Für den die Ermittlungen leitenden Hauptkommissar Kohl ist der Sachverhalt
eindeutig: es ist ein Sniper, der Braunschweig und Umgebung in Atem hält. Er war es auch, der den Bäckermeister Petersen durch die Terrassentür erschossen hat. Es gibt keine Gemeinsamkeiten, die die Opfer verbindet. Unterlagen über die Heckenschützen aus Washington hat er sich schon schicken lassen.

Kopf gegen Bauch
Dass die ihm vor die Nase gesetzte Charlotte Lindholm den Fall mit anderen Augen betrachtet, passt ihm nicht. Er kann auch nicht akzeptieren, daß sie bevorzugt alleine arbeitet, weil sie sich so besser konzentrieren kann. Dass Kohl auch lieber alleine ermittelt und von seinen Mitarbeitern verlangt, seine Eindrücke in Fakten umzusetzen, übersieht er dabei. Dass dieses gerne im Krimi gezeigte Spiel nicht zu schablonenhaft wird, ist alleine Felix Vörtler zu verdanken, der einen cholerischen, machohaften und von sich und seinen Theorien überzeugten Hauptkommissar Kohl zeigt, der keinen Widerspruch duldet. Auf die Seite der besonnenen Lindholm stellt sich Kohls Kollege Bergmann, der über das Dienstliche hinaus versucht, sich ihr anzunähern. Diese lehnt sie ab, ist aber froh, jemanden neben sich zu wissen, der ihre Theorien unterstützt.

Rache
Die anonymen Trauerkarten, die die Opfer bekommen, lassen für Charlotte Lindholm nur den Schluss zu, dass jemand auf Rache sinnt. „Es wird Stille und Leere“, „es wird Trauer sein und Schmerz“, steht in den Briefen. Die möglichen Täter bieten aber zu wenig überzeugende Motive. Der Angestellte Petersens war der erste Ehemann der Witwe, hat seine Bäckerei an seinen Nachfolger verloren, hat aber kein Motiv für die anderen drei Morde. Dass er sich keine Mühe gibt, sich nicht verdächtig zu machen, erfreut nur den Braunschweiger Hauptkommissar. Der ist froh, wenn er den Fall Alsbald abschließen kann und die lästige LKA-Tante schnell wieder loswird.

Gaffer zuhause und auf der Autobahn
Eher zufällig findet Lindholm heraus, dass die Opfer und ihre Angehörigen eines gemeinsam haben: sie verbrachten den Neujahrstag im Stau auf der Autobahn. Ein schwerer Verkehrsunfall mit einem Todesopfer forderte vor allem einen jungen Autobahnpolizisten, dem es nicht gelungen ist, die junge Frau lebend zu retten.
Für den an einer Schreibblockade leidenden Martin Felser kommt der Fall wie gerufen. Der vermeintliche Heckenschütze und die ins Internet gestellten Videos vom Verkehrsunfall auf der Autobahn und den Tatorten animieren ihn zu einer neuen Geschichte. Nur mit viel Mühe kann die Kommissarin ihren Mitbewohner daran hindern, diese Orte aufzusuchen. Die filmenden Voyeure helfen ihr aber auch, den Fall aufzuklären.
Astrid Paprotta gelingt es in „…es wird Trauer sein und Schmerz“, die Moral den Figuren zu überlassen. Sie verzichtet darauf, mit erhobenem Zeigefinger die Gaffer den Zuschauern vorzuführen. Sie bindet die Diskussion in eine Auseinandersetzung der WG Lindholm-Felser und gibt dem Mörder ein eindeutiges und nachvollziehbares Motiv.

Emotionen zum Schluss
Charlotte Lindholm verliert nach Aufklärung der Mordserie ihre Eigenschaftslosigkeit, die ans Spröde grenzt. Die Last fällt ihr von den Schultern, und sie lässt ihren Tränen freien Lauf. Hier ist zum ersten Mal eine Mutter zu sehen, die auch um Nestschutz bemüht ist. Leider wirkt Maria Furtwängler dabei wenig überzeugend, aber sie versucht, ihre Charlotte Lindholm weiterzuentwickeln.

Spannung in der Anonymität
„…es wird Trauer sein und Schmerz“ ist ein typischer Lindholm-Tatort. Der Zuschauer muss keine Experimente befürchten, sondern darf sich auf einen soliden und spannenden Fall freuen. Leider bleiben die Hauptfiguren bis auf Felix Vörtlers Hauptkommissar Kohl ebenso blass wie das geographische Umfeld des Falles. Es ist egal, wo der Fall spielt. Dieses Mal ist der Tatort Braunschweig, es könnte aber auch Hildesheim oder Uelzen sein. Warum man den Tatort Niedersachsen zu einem Wanderpokal macht, wird angesichts der Anonymität der Orte nicht ersichtlich. Diese Folge, von Friedemann Fromm routiniert in Szene gesetzt, lebt ausschließlich von dem Fall. Dass das nicht verkehrt sein muss, zeigt dieser Tatort.

Wut
Der Autobahnpolizist Henrich hat ein eindeutiges Motiv, weil ihn die Gaffer an seiner Arbeit hindern. Aber es ist Born, der in der Zulassungsstelle arbeitet und seineseine schwangere Frau bei dem Unfall auf der Autobahn verloren hat. Er hat schnellen Zugriff auf die nötigen Daten der Filmenden und Glotzenden.

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Annabell, Fielitz, Sopran, Tatort-Forum

(Bild: NDR/Marc Meyerbröker)

Das Erbe des Schnitzelkönigs

746. Tatort: Schweinegeld (RBB/Degeto; EA: 01.11.2009)

Ermittler: Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke), Hauptkommissar Felix Stark (Boris Aljinovic); Kommissar Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill)
Figuren: Maximilian Merklinger (Lucas Gregorowicz), Joachim Kahle (Ole Puppe), Liljana Selkova (Ana Stefanovic), Christa Merklinger (Maren Kroymann), Frau Balthasar (Johanna Gastdorf), Kathi Dambrowski (Alexandra Finder), Ronny Maurer (Aaron Hildebrand), Sergej Litvin (Lenn Kudrjawizki), Viktor Selkov (Alexander Altomirianos)
Drehbuch: Christoph Silber, Thorsten Wettcke; Regie: Bodo Fürneisen

Stark muss ohne den niedergestreckten Ritter ermitteln

Wer kann ein Interesse am Verschwinden des Schnitzelkönig Hans Merklinger haben? Er hatte vor nicht all zu langer Zeit großen Ärger mit Gammelfleisch. Sein Sohn Maximilian ist offiziell der Chef des Betriebs, aber sein Vater mischt immer noch mit und hat vor allem das letzte Wort. Seine Frau (herrlich biestig: Maren Kroymann!) ist nicht erfreut, daß ihr Mann eine sehr junge Geliebte hat.

Subunternehmer und EU-Subventionen
Der Fleischfabrikant beschäftigt in seinem Schlachthof Billiglohnarbeiter aus Bulgarien, die der Subunternehmer Kahle zur Verfügung stellt. Merklingers haben viele EU-Subventionen bekommen, um dann vergammeltes Fleisch zwischen Belgien, Deutschland und Polen zu transportieren.
Das wissen die ukrainischen Investoren, die den Betrieb übernehmen wollen und den jungen Merklinger mit ihrem Wissen unter Druck setzen. Der Junior verkauft schließlich, aber die Kommissare Stark und Weber (Ritter wurde von einem der Bulgaren außer Gefecht gesetzt) kommen die Betrug auf die Schliche.

Tödliches Fleisch
Die Ermittler finden aber auch heraus, daß Kahles Freundin Liljana eine Tochter hatte, die an Merklingers Gammelfleisch gestorben ist. Darüber sehr wütend entführte der Subunternehmer den Schnitzelkönig, der an einem Herzinfarkt in seinem Kühlhaus starb.

Viele Stränge
„Schweinegeld“ ist ein komplexer Fall mit vielen Handlungssträngen und ebenso vielen Verdächtigen. Ein Motiv hatten alle, die unter Verdacht gerieten. Deshalb war es nicht einfach, dem Geschehen zu folgen. Es gab eine plausible Auflösung. Die zahlreichen Figuren waren trotz ihrer teilweise kurzen Auftritte sehr gut herausgearbeitet.
(7/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz, MayavonderSpree, Taort-Forum

(Bild: rbb/Christiane Pausch)

Geschenke Gottes

745. Tatort: Tempelräuber (WDR; EA: 25.10.2009)

Ermittler: Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl), Prof. Boerne (Jan Josef Liefers), Silke Haller “Alberich” (ChrisTine Urspruch), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Grossmann)
Figuren: Hans Wolff [Nachfolger des Regens] (Ulrich Noethen), Karin Ellinghaus (Johanna Gastdorf), Dorothea Lenz [Seminarangestellte] (Rosalie Thomass), Steffen Ellinghaus (Wolf-Niklas Schykowski), Schwester Agathe (Marita Breuer), Johannes Bott [Seminarteilnehmer] (Andreas Potulski), Frau Wels (Giselle Vesco), N.N. (Sibylle Bertsch)
Drehbuch: Magnus Vattrodt, Regie: Matthias Tiefenbacherr

Der ungläubige Thiel in der Kirche

Ein toter Priester zählt in der Bistumsstadt Münster so viel wie zwei tote Bürgermeister oder drei tote Polizisten, führt die Staatsanwältin Klemm ihrem heidnischen Kommissar Thiel vor Augen. Dass der tote Mühlenberg auch noch Regens des St.-Vincenz-Seminars war, versetzt sie noch mehr in Aufruhr. Nicht jedoch den Kommissar, den die verbundenen Hände des Pathologen Boerne mehr zu schaffen machen. Er engagiert für seinen anstrengenden Nachbar die Haushälterin Ellinghaus. Diese ist die Nachbarin des verdächtigen Priesters Wolff, der ihrem Sohn Steffen Geigenunterricht gibt.
So albert man sich eine dreiviertel Stunde auf gewohnte Weise durch den Fall.

Ernst in Münster
Doch in der zweiten Hälfte wird es überraschend ernst und interessant. Feinde hatte der Regens einige, denn „auf so etwas wie Beliebtheit konnte Mühlenberg verzichten“ (Sr. Agathe). Ein Amulett, das an einem Grab gefunden wird, führt Thiel zur Lösung des Falls. Pfarrer Wolff war auf seinen Vorgesetzten nicht gut zu sprechen. Der angehende Priester Johannes Bott wurde vom Seminar ausgeschlossen, weil in Mühlenbergs Augen keinen soliden Lebensawandel hat. Die Priesterseminarangestellte Dorothea Lenz ist Wolffs Tochter aus der Beziehung mit der vor 20 Jahren von Mühlenberg entlassenen Lena Henning. Der Regens war im Glauben, daß die vertriebene und inzwischen verstorbene Henning ihr Kind abgetrieben hat und somit keinen keinen Tempelräuber geboren hat. Dorothea findet heraus, wer ihr Vater ist und setzt ihn unter Druck.

Der Wunsch nach Normaĺität
Wolff hat für die Tatzeit ein Alibi, weil er mit seiner Nachbarin eine Selbsthilfegruppe für Priester und deren Geliebte in den Niederlanden besucht hat. Der gemeinsame Sohn Steffen hat den Anruf seiner Halbschwester auf Wolffs Anrufbeantworter gehört und entschied sich, Mühlenberg aus dem Weg zu räumen.

(Schein-)Heiliges
„Tempelräuber“ ist einer der besseren Fälle aus Münster, weil sich Magnus Vattrodt entschieden hat, die Protagonisten nicht nur witzige Dialoge zu reduzieren. So wurde das katholische Münster mit vielen Facetten des (Schein-)Heiligen. Die Figuren durften neben den Ermittlern zwar nicht glänzen, gaben dennoch in dieser Folge durch ihr Spiel – vor allem Rosalie Thomass als personifizierte Pietas – eine andere Note.
(6,5/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz, Annabell, Tatort-Forum

(Bild: WDR/Michael Böhme)

Rote Macht

744. Tatort: Um jeden Preis (BR; EA: 18.10.2009)

Ermittler: Hauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec), Hauptkommisar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Krimionaloberrat Wellisch (Christian Springer), Luca Panini (Leonardo Nigro)
Figuren: Leo Greedinger (Thomas Sarbacher), Hans Greedinger (Fred Stillkrauth), Sabine Greedinger (Bettina Redlich), Inge Greedinger (Claudia Lössl), Rainer Truss (Nikolaus Benda), Dörte Truss (Tanja Schleif), Max Janussen (Hannes Hellmann), Horst Bergmann (Alexander Duda), Ute Kropp (Petra Berndt), Dr. Erwin Rohpe (Christian Maria Goebel), Moritz Greedinger (Martin Stührk), Esther Greedinger (Berfin Öztoprak), Dr. Suska Droemer (Petra Einhoff)
Drehbuch: Christian Jeltsch, Regie: Peter Fratzscher

Sind die Kommissare fit für den neuen Fall?

Rainer Truss, ein junger, angesehener Journalist, baumelt an der Max-Joseph-Brücke. Wesentlich fitter sind Batic und Leitmayr, obwohl sie nur samstags Sport gucken. Unterstützung bekommen sie vom Austauschkommissar Panini, der „temporären italienischen Kraft“ aus Verona.
Nach Ansicht des Kriminaloberrats haben die Kommissare viel Zeit, um mit dem italienischen Kollegen Fußball zu spielen: Es war Selbstmord.

Der Deal
Die Meyssen AG hat einen lukrativen Vertrag mit den Vietnamesen abgeschlossen. Der Abschluss rettet unter anderem 5000 Arbeitsplätze in Ingolstadt. Für die Arbeitnehmer sitzt Leo Greedinger (aalglatt: Thomas Sarbacher), der Vorsitzender der Gewerkschaft VIG werden will, im Aufsichtsrat. Er sieht sich , im Gegensatz zu seinem Vater (ziemlich farblos: Fred Stillkrauth), als moderner Gewerkschafter. Die Zeiten erfordern es, dass man sich auch auf höchster Eben die Hörner abstößt und Arbeitsplätze rettet. Dazu gehören auch Opernbesuche.

Die Probleme
In welcher Beziehung standen Greedinger und Truss? War sie rein geschäftlich, oder steckte mehr dahinter? Videos, die auf Truss’ PC gefunden werden, deuten darauf hin, dass die freundschaftliche Beziehung, die Greedinger immer wieder betont, wesentlich intensiver war. Die Kommissare haben Probleme mit dem angeblichen Selbstmord, der Journalist mit der Korruption, Greedinger mit dem Machtverlust, Dr. Droemer aus dem Innenministerium mit Greedinger, der Kriminaloberrat mit der Vorgesetzten aus der Staatskanzlei, und die Journalistin mit ihrer Schlagzeile.

Lernen von Lafontaine
Die Messer sind gewetzt, die Kandidatur ist eigentlich perdu. Doch Greedinger gelingt es, seine Ambitionen trotz der Heckenschützen in den eigenen Reihen (vor allem sein Berater Janussen) erfolgreich zu untermauern. Dass er sich im Vorfeld selber ins Knie – besser: in die Brust – geschossen hat, um seine dunkel gefärbte Weste wieder weiß erstrahlen zu lassen, ist wohl dem eigenen Realitätsverlust geschuldet.
Dass er Trust dennoch in der Hand hatte, und der sich darüber aufgehängt hat, nützt ihm nichts. Die fulminante Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede wird zur Makulatur.

Münchner Rezession
Was der Tatort wirklich aussagen will, wird nicht klar. Es wird einerseits eine Mordtheorie verfolgt, die nicht überzeugt. Andererseits versucht man eine Wirtschaftskrimi aufzuziehen, was auch nicht gelingt. Dass letzteres nicht zustande kommt, ist wirklich zu bedauern. Denn der sehr so gerne moderne Gewerkschaftsführer Leo Greedinger wird ziemlich gut skizziert. Dass daraus kein aussagekräftiges Bild wird, liegt an der Unentschlossenheit dieser Geschichte. Man bastelt Nebenschuplätze um diese Figur, die lästig sind. Es gibt wirklich keinen Grund, Greedinger zu einem Spezl Batics zu machen. Durch diese Verbindung wurde die Chance vertan, etwas tiefer in die Thematik einzusteigen. Dass Gewerkschaften „konservativer als die die Bundesliga und die katholiosche Kirche“ sind, ist nicht auszuschließen. Aber warum das so sein könnte, wurde trotz der dramaturgisch interessanten Boulevardjournalistin nicht deutlich.
Dabei wurde auch versäumt, die sicher nicht intrigenarme Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Aufsichtsrat (die Darsteller Góbel und Sarbacher hätte das verkörpern können) sowie innerhalb der der Gewerkschaft etwas intensiver zu beleuchten. “Um jeden Preis” ist sinndbildlich füpr die Unentschlossenheit der SPD, ein Problem, das OB Ude in München noch versucht zu kaschieren. So realtiviert sich auch die rote Macht.
(6,5/10)

Nota bene: Die Besetzung
Dieses Land ist reich an guten Schauspielern. Es spricht weder für die Koordination innerhalb einer großen Anstalt des öffentlichen Rechts noch für die Redaktion des Bayerischen Rundfunks, wenn die Figuren von häufig wiederkehrenden oder erst kürzlich zu sehenden Schauspielern besetzt werden. Thomas Sarbacher war erst vor einer Woche in prominenter Rolle zu sehen, Christian Maria Göbel vor zwei Wochen.
Mit Fred Stillkrauth ist es nicht wie mit altem Wein: er wird nicht mit der Häufung seiner späten Auftritte besser. Als „oider Depp“ war er wirklich gut, als Wirt in „A gmahde Wiesn“ weniger, in dieser Folge einfach nur blass.
Wer auch immer diese Besetzungen zu verantworten hat: München hat drei große, mit nicht wenigen hervorragenden Schauspielern reich besetzte Bühnen. Müssen es immer Stefan Merki, Bettina Redlich, Fred Stillkrauth oder Michael Tregor (nein, der war diesmal nicht dabei; ihn nenne ich nur rein prophylaktisch) sein? Sollte man dort nicht fündig werden, gibt es noch das TamS, das Blutenburgtheater und andere kleine Bühnen…
Wenn der Münchner Tatort mal zugrunde geht, liegt es nicht an den beiden Hauptfiguren, sondern an der einfallslosen Besetzung der Nebenrollen.

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus, Bayerischer Rundfunk
Meinungen: MayavonderSpree, Annabell, Fielitz, Tatort-Forum

(Bild: BR/hager moss film GmbH/Heike Ulrich)

Dienstjubiläum

743. Tatort: Vermisst (SWR; EA: 11.10.2009)

Ermittler: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), Mario Kopper (Andreas Hoppe), Peter Becker (Peter Espeloer), Edith Keller (Annalena Schmidt)
Figuren: Schlothfang (Hans-Jörg Assmann), Conny Seegmeister (Corinna Harfouch), Jan Seegmeister (Jeroen Willems), Nicolas Ritterling (Thomas Sarbacher), Frau Bäuerle (Cornelia Schmaus), Herr Bäurle (Peter Rühring), Manu Winter (Jonas Jägermeyr), Jackie (Josefine Preuß), Sebastian Sixtus (Guido A. Schick), Privatdetektiv Oliver Steffens (Bernd Gnann), Hotelangestellte (Janina Flieger), Bäurles Nachbarin (Andrea Leonetti), Mann am Hafen (Georg Blumreiter), Empfangsangestellte bei Seegmeister (Lisa Charlotte Friedrich), N.N. Constanze Weinig und Hund Nippel
Drehbuch: Christoph Darnstädt; Regie: Andreas Senn

...und die Katze schnurrt dazu.

Vor 20 Jahren war Lena Odenthal “Die Neue” am Tatort, gestern abend feierte sie Geburtstag und Dienstjubiläum. Natürlich gab’s eine Leiche als Geschenk…

Der Mobilfunk-Anbieter sendet Geburtstagrüße und hält eine Überraschung für Lena Odenthal bereit. Während die Kollegen Kopper, Keller und Becker ein Dinner am Rhein vorbereiten, wird das Geburtstagskind in den Ludwigsgarten gerufen. Eine Anruferin will eina Aussage in dem zwölf Jahre zurückliegenden Mordfall Ritterling machen, obwohl der als abgeschlossen gilt.

Ludwigshafen – Nizza
Eine Leiche zum GeburtstagMichaela Bäurle wird aber erschossen, bevor sie mit der Kommissarin sprechen kann. Die Eltern können sich nur schwer damit abfinden, dass ihre seit 12 Jahren vermisste Tochter nun tot ist. Der damals für den Fall zuständige Kommissar Schlothfang („Wo haben Sie denn Ihre Lederjacke gelassen?“) erweist sich zunächst nicht als große Hilfe.
Die Kommissare finden heraus, dass die Tote seit langem als Michelle Boyer ein feudales Leben in Nizza führte. Sehr zum Unverständnis ihres Ex-Freundes aus vergangenen Tagen, Sebastian, der sie nur als Sofanudel ohne Englischkenntnisse in Erinnerung hatte. So führt die Spur zum Immobilienmakler Jan Seegmeister, der schon lange eine Liaison mit der Toten hatte.

Erniedrigung und Coaching
Jan und Conny SeegmeisterConny Seegmeister weiß, das ihr Gatte untreu ist. Dabei verhält sie sich einkalt. „Nizza wird auch immer gefährlicher. Zu viele Russen!“ Der Tod der Nebenbuhlerin erschüttert sie nicht. Sie will, dass ihr überforderter Mann der Kommissarin gesteht, ein Verhältnis mit Michelle gehabt zu haben. Übers Telefon hört sie, wie er sich windet. Sie coacht ihn. „Gib’s ihr!“ Es wird ein hervorragendes Psychogramm eines Paares gezeigt, das sich nun nichts mehr zu sagen hat, aber eigene und gemeinsame Interessen die Ehe aufrecht erhalten.
Ihm wird der Druck zu groß, und er verabschiedet sich mit einem umfassenden Geständnis aus dem Leben.

Lena O. und der Mörder
Weiße Pemont-Trüffel zum AbendessenDie Kommissarin kommt schnell mit dem Witwer der vor 12 Jahren getöteten Christin Ritterling in Kontakt. Seit zwei Monaten in Freiheit lebt Nicoals Ritterling auf einem Segelboot und frischt seine Kenntnisse als ehemaliger Sternekoch auf. Sie bezweifelt, daß er der Mörder seiner Frau war, aber er hat seinen Deckel drauf gemacht und bleibt bei seinem vor dem Urteil gemachten Geständnis. „Christin war das nackte Verderben“, sie habe ihn betrogen, und dafür habe sie büßen müssen.
Es entwickelt sich eine Beziehung, die von gegenseitigem Interesse und gemeinsamen Gaumenfreuden geprägt ist, während der Kollege und Mitbewohner auf seinem selbst Gemachten sitzenbleibt.
Lena erfährt dabei, dass sie nicht belogen wurde, aber von Nicolas doch nicht die Wahrheit erfahren hat. Die muss sie selber herausfinden.

Hund, Katze, Mäuschen
Schlothfang ist anfangs keine große HilfeDer Tier-Content wird in diesem Tatort sehr gepflegt. Lenas Katze ist wieder mal zu sehen und muss damit leben, dass Kalbfleisch- und Thunfischhäppchen ausverkauft sind. Nur kurz zu sehen ist der Basset-Mischling Nippel der Nachbarin von Bäurles. Mehr Auftritte hat hingegen „Mäuschen“, die aber sehr menschlich ist und versucht, das Niveau des kleinen Lokal des pensionierten Kommissars mit ihren Kochkünsten zu heben. Leider sieht sie so aus, dass man davon ausgehen muss, dass das Futter für Lenas Katze hochwertiger ist…

Perfides Verwechslungsspiel
Odenthal und KopperEin Junkie-Pärchen und vom pensionierten Kollegen zugesandte Bildern eröffnen den Kommissaren die Lösung. Es war nicht Michaela Bäurle, die vor 12 Jahren mit Jan Seegmeister photographiert wurde, sondern Christin Ritterling abgebildet. Der Streit, der zum vermeintlichen Mord Ritterlings Frau führte, hat sich der wütende Mann von ihr verabschiedet. Jan Seegmeister, Zeuge des Streits und letzter Gast in Ritterlings Sternerestaurant, hatte ein Verhältnis mit Christin. Alkoholisiert hat er seinerzeit Michaela überfahren. Die Leiche wurde ans Steuer gesetzt und die Böschung heruntergefahren. Überzeugt, für die Tat schon gesühnt zu haben, scheut sich Ritterling nicht, seine Frau zu erschießen, als sie nach Ludwigshafen zurückzukehren, weil sie ihren Liebhaber für sich alleine haben will.
Doch die Trüffel muss er nun beim Kochen im Knast verarbeiten.

Bewertung
Zu Odenthals Jubiläum bekamen die Zuschauer Feinkost serviert. Neben weißen Piemont-Trüffeln und selbst gemachten Gnocchi mit selbst gemachten Pesto Genovese durften sie eine spannende Geschichte sehen, die trotz der Vierschachtelung präzise und nachvollziehbar war. Lena Odenthal verfolgt mit Beharrlichkeit, aber mit gebotener Sensibilität ihrer Intention, die sie zum Ziel führt. Das Jubiläum wurde dezent erwähnt: in Form eines Bildes bei ihrem ersten Fall, das der auf Odenthal von Conny Seegmeister angesetzte Privatdetektiv, bei seinen Recherchen in ihren vier Wänden gefunden hat.
Gib's ihr!Die Schauspieler waren glänzend aufgelegt und spielten wirklich hervorragend. Corinna Harfouch gab die eiskalte Conny Seegmeister beängstigend authentisch. Jeroen Willems zeigte eindrucksvoll die Feigheit eines Mannes. Nicolas Ritterling wurde von Thomas Sarbacher als zukunftsorientierter, von sich überzeugter und skrupelloser Täter sehr überzeugend dargestellt. Hans-Jörg Assmann, sonst eher als biederer und dennoch zwielichtiger Anzugträger aus den Wedel-Mehrteilern bekannt, gab einen herrlich schrulligen pensionierten Kommissar mit Imbiss und junger, schlechter Köchin. Auch die Nebenrollen waren gut und typenreich besetzt.

Das ergibt einen fast sehr guten Tatort, der eines Dienstjubiläums würdig war. (8,5/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Gratulanten: der SWR als Heimatsender, Teleschau-Mediendienst, SpOn, Bayerischer Rundfunk (Gespräch mit Ulrike Folkerts)
Meinungen: ChloevomSee, Annabell, Fielitz, Tatort-Forum

(Bilder: SWR/Krause-Burberg & Johannes Krieg)

Platter Plot

742. Tatort: Platt gemacht (WDR; EA: 04.10.2009)

Ermittler: Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), Hauptkommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär); Sekretärin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt), Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch)
Figuren: Beethoven (Udo Kier), Dr. Ellermann (Christian Maria Goebel), Django (David Scheller), Privatdetektiv Stefan Meutsch (Michael Schenk), Rechtsanwältin Gesine Stürner (Catherine Flemming), Büdchenbesitzerin Wilma Döhn (Kristina Walter), Sascha Döhn (Florian Bartholomäi), Dr. Behnisch (Nicola Schössler), Greisin Kempel (Gerda Böken), Krankenschwester Uschi (Lena Baader), Ammon (Adolfo Assor), Stickel (Wolfgang Packhäuser), Oberschwester (Christa Rockstroh), Sozialarbeiterin Hanni (Gesine Giovinazzo-Todt) sowie als Gäste Peter Millowitsch und “Höhner
Drehbuch: Jan Hinter und Stefan Cantz; Regie: Buddy Giovinazzo

Riecht so Glycol?

Alles verlore, kein Wonnung, kein Arbeit , kei’ Jeld.
Se nenne’ sich Berber, verachtet vum Rest der Welt.
(Die Höhner)

Die Currywurst wird Freddy Schenk am Montag Morgen gehörig verdorben, denn er muss mit seinem Partner Max Ballauf den Mord an dem Obdachlosen Andi Lechner aufklären, der an einem mit Glykol verseuchten Riesling starb. Stecken die Büdchenbesitzer und Anwohner im Eigelstein, die von den Clochards, die nur herumlungern und ihre Ausscheidungen in den Büschen hinterlassen, die Schnauze voll haben, dahinter? Ist der Schönheitschirurg Norbert Ellermann doch nicht der Wohltäter, als der er sich ausgibt? Oder war es Mord im Millieu, in dem 50 Euro Schulden als Motiv ausreichen?

Ballauf und BeethovenEin Berber namens Beethoven
Sehr bald stoßen die Kommissare auf den Obdachlosen Beethoven, der ganz anders als seine Mitbewohner unter der Hohenzollernbrücke ist. Dass seine Obachlosigkeit kein Resultat eines schief gegangenen Lebens ist, erfährt man recht bald. Dass sie sehr oberflächlich ist, offenbart wenig Kenntnis vom Milieu.
Dass der passionierte Organist auch lieber Bach spielt, passt ganz gut dazu.

Max macht kurz Platte
Als mit der „Elster“ ein zweiter Obdachloser ermordet wird, beschließt Max Ballauf sich unter die Obdachlosen zu mischen. Doch sein Intermezzo auf der Straße währt nur kurz, weil sich andere Verdachtsmomente abseits des Milieus ergeben. Dieses überflüssige Moment ist ein Ärgernis, weil diese Kürze vor Beliebigkeit und damit auch Einfallslosigkeit strotzt. Der Ballauf wäre ein hervorragender Undercover-Clochard, was aber nicht gezeigt wird.

Die Anwältin Gesine StürzerFreddys Ex und die Anwältin
Als die Kommissare gerade einen Übergriff des Anwohner-Mobs auf Obdachlose verhindern können, stoßen sie auf Stefan Meutsch, der einst im Drogendezernat Freddys Partner war. Nachdem er durch einen Autounfall seine Familie verloren hatte, wurde der Alkohol zu seinem besten Freund. Nun verdingt er sich als Privatdetektiv und versucht für die Anwältin Gesine Stürner Seitensprünge zu beweisen. Schenk sucht die Anwältin auch in eigener Sache auf, die in diesen Fall durch einen Mandanten, der wissen will, welcher Penner sein Cabrio zerkratzt hat, involviert ist. Das Ansinnen Schenks wird so nebenbei gestreift, das der Zuschauer kein ernsthaftes Interesse daran entwickeln kann. Dementsprechend belanglos wird seine Angelegenheit am Schluss aufgelöst. Bei seinen Ermittlungen wird er noch an der Nase herumgeführt.

Auflösung
Andi Lechner, auch noch HIV-positiv hat sich umgebracht. Auch sein Geliebter, der Schönheitschirururg konnte ihn davon nicht abhalten.
Den anderen hat die Anwältin um die Ecke gebracht. In dem Glauben, daß ihr Cousin damit den Weg für das Millionerebe freimacht. Aber der Vetter hat sich die Haare geschnitten. So wird Beethoven das Geld erben. Den Weg in die Obachlosigkeit hat er gewählt, weil er derjeinige war, der Meutschs Familie bei dem Verkehrsunfall getötet hat.

KaffeeausgabeFusel
Die Autoren Jan Hinter und Stefan Cantz, die für den WDR schon mehrfach TATORT-Drehbücher geschrieben haben, schrieben hier eine ebenso routinierte wie uninspirierte Geschichte. Der Plot bewegt sich nur in Ansätzen und im Ungefähren, ohne eine konkrete Aussage zu transportieren. Es werden viele mögliche Täter gezeigt, ohne sie aber weiter auszuarbeiten oder deren handfeste Motive zu vertiefen.
Waren die Kölner Tatorte zu Beginn voller Sozialkritik und sauber ausgearbeiteter Geschichten, bekommt der Zuschauer mit „Platt gemacht“ eine Geschichte vorgesetzt, die einfach nur platt ist. Das gerade auch in Zeiten der Wirtschaftskrise die nicht wenig brisanten Themen Armut und Obdachlosigkeit werden mit einer Beliebigkeit gestreift, die auch mit Alkohol nur schwer zu ertragen ist.
Bezeichnend ist, dass die in diesem TATORT auftretende Kölner Band „Die Höhner“ noch den intensivsten Beitrag zur Obdachlosigkeit liefert. Die weiteren Figuren haben keine Tiefe und bewegen sich zu sehr in Klischees. Dafür hätte man mit Udo Kier keinen Hollywood-erfahrenen Schauspieler verpflichten müssen. Leider bleiben auch die Kommissare in dieser Folge sehr blass und wirken zudem etwas hilflos.
Zwischen den Ermittlern werden weder Reibungspunkte noch Gemeinsamkeiten sichtbar. Das entspricht diesem Gespann so überhaupt nicht, wie Vorgänger-TATORT “Mit ruhiger Hand” einige Wochen zuvor gezeigt hat.

Genießer werden „Platt gemacht“ als Fusel in Erinnerung behalten. (4,5/10)

Rausch
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Annabell, MayavonderSpree, Fielitz, Sopran, Tatort-Forum, Tagesspiegel

(Bilder: WDR/Willi Weber)

Schlager fürs Herz

741. Tatort: Borowski und die Sterne (NDR; EA: 20.09.2009)

Ermittler: Hauptkommissar Klaus Borowski (Axel Milberg), Polizeipsychologin Frieda Jung (Maren Eggert), Kriminalrat Roland Schladitz (Thomas Kügel), Ernst Klee (Jan Peter Heyne)
Figuren: Bodo Dietrich (Hugo Egon Balder), Margret Saloschnik (Helen Schneider), Janis Saloschnik / die junge Margret Saloschnik (Esther Zimmering), Tim Krabbert (Stefan Konarske), Henning “Hendrix” Krause (Hans Uwe Bauer), Eberhard Saloschnik (Hermann Beyer), Zimmermädchen (Katharina Blaschke)
Drehbuch und Regie: Angelina Maccarone

Bodo Dietrich und Margret Saloschnik

Margret Saloschnik stürzt aus dem sechtsten Stock des Kieler Maritim Hotels. Alles deutet auf einen Suizid hin, doch der Kommissar und die Psychologin finden heraus, daß einige Interesse an ihrem Tod hatten.

Rock’n'Roll
Janis SaloschnikDer alternde Rockstar Bodo Dietrich feiert ein umjubeltes Comeback. Seine alte Liebe Margret Saloschnik sucht in nach Jahren wieder auf. Der ehemalige Gitarrist “Hendrix” Krause, der jetzt ein Fitnessstudio betreibt und mit Slim Shirt und Cowboystiefel über “Body Index” spricht, hatte seinem Frontmann einst die Geliebte ausgespannt und war deshalb aus der Band geschmissen worden. Aber in den Augen des auch nicht mehr ganz jungen Zimmermädchens war sie “nur ein Groupie”.
Ihre Tochter Janis, natürlich nach der Joplin benannt, arbeitet in dem Hotel, in dem ihre Mutter ums Leben gekommen ist, und träumt mit ihrem Freund, dem Tellerwäscher (sic!) Tim, von einem eigenen Restaurant. Sie ist aber nicht die Tochter des Gitarristen, sondern des krebskranken Wäschereibesitzers Eberhard Saloschnik.

Frieda erfreud KlausKuschelrock
Borowski feiert Geburtstag und lädt seine Psychologin Jung zum Essen ein. Sie zitiert C. G.Jung, während er ihr den Mantel ausziehen und sie ins Hotel begleiten will. Frau Jung zieht es aber vor, als Frau Freud im Hotel ohne den mürrischen Kommissar inkognito zu ermitteln. Borowski muss sich mit der Grataulation und Bitte um Geld von seiner Tochter auf dem Anrufbeantworter zufriedengeben.
Dennoch landen die beiden im Hotelbett und beim Du. Die Turteltauben lösen mit Hilfe des Kriminaltechnikers den Fall.

Henning "Hendrix" KrauseTrash Metal
Der verhinderte Hendrix wollte mit seiner Ex seinen ehemaligen Frontmann entführen. Doch hat Margret Saloschnik kalte Füße bekommen, was dem Saunabetreiber so gar nicht gepasst hat. Als sie Bodo Dietrich warnen wollte, hat er sie beim Versuch, ihr das Handy aus der Hand zu reißen, vom Stuhl geschmissen und über die Balkonbrüstung gestoßen.

Schlager
Am Ende bleibt nur ein Schlager übrig. Ein Tatort, der Rolling Stones suggeriert und eigentlich nur die Flippers bietet. Darüber könnte man hinwegsehen und -hören, wenn für ein ausführliches Duett nicht ein sehr gut besetzter Chor engagiert worden wäre. Gerade die bekannten und im Film dennoch unverbrauchten Hugo Egon Balder und Helen Schneider gaben eine hervorragende Figur ab, wurden aber durch die Paarung der Ermittler in den Hintergrund gedrängt.
In Kiel gibt es anscheinend auch nur ein Hotel. Alle Handlungsstränge und Figuren dort zu kumulieren, mag dramaturgisch (und fianziell) ergiebig sein, kreativ ist es indes nicht.
Diese Folge wäre am Freitag Abend, an dem die die ARD gerne belanglose Liebesgeschichten zeigt, besser aufgehoben gewesen.
Dafür gibt’s 5,5 Punkte.

Bonustracks
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Sopranisse (Live Blogging), Annabell, MayavonderSpree, Ponkie (AZ), Tatort-Forum

(Bilder: NDR/Marion von der Mehden)

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