Tag Archive for 'Lürsen'

Nur eine Stasibude

765. Tatort: Schlafende Hunde (RB/Degeto; EA: 30.05.2010)

Ermittler: Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), Assistent Karlsen (Winfried Hammelmann)
Besetzung: Hans Rodenburg (Jürgen Prochnow), Anna Korzius (Laura Tonke), Kurt Schröder (Heinz Werner Kraehkamp), Dr. Katzmann [Pathologe] (Matthias Brenner), Mats (Kai Ivo Baulitz), Hannah Berger (Elisabeth Schwarz), Staatsanwältin Johannsen (Julika Jenkins), Ruth Thalheim (Marie Anne Fliegel), Nachbarin (Liane Düsterhöft), BKA-Mann (Thomas Ziesch)
Drehbuch: Wilfried Huismann, Dagmar Gabler; Regie: Florian Baxmeyer

Viele Fragezeichen und wieder mal einen Hund hinterlässt den Ermittlern aus Bremen der Mord an der Renterin Ruth Tahlheim. Durch ein mysteriöeses Gift, das erst nach der Obduktion nachgewiesen wird, ist sie umgekommen. Ruth Tahlheim hat vor der Wende für Firma Intertec, die Hans Rodenbruch aus dem Westen mit Material und Knowhow beliefert hat, gearbeitet und saß acht Jahre in Bautzen.
Nach einem behäbigen Anlauf versucht dieser Tatort eine Mischung aus Wirtschafts- und Politkrimi zu werden. Die Kommissarin sieht sich mit einer Vergangenheit konfrontiert, die nicht ihre ist, was ihr Assistent zunächst nicht wahrhaben will. Sie fahren nach Berlin um herauszufinden, daß die Stasi und ihre nach der Wende immer noch aktiven Arme ihre Finger im Spiel haben- “eine Stasibude”, wie Stedefreund recht bald konstatiert. Beide erfahren, daß es durchaus einen Zusammenhang zwischen fair gehandeltem Kaffee und illegalen Waffenexporten nach Venezuela gibt. Sie lernen: “Wer mit dem Teufel essen will, braucht einen langen Löffel.”

Wer ist der Täter? »

Dem ehemaligen Stasi-Mitarbeiter und jetzigen Sicherheitsschef von Rodenburg, Kurt Schröder, wurde die Rentnerin zu gefährlich. Denn sie hat herausgefunden, daß ihre zur Adpotion freigegebene Tochter die Geleibte von Rodenburg war.

Die Autoren haben einen Plot entworfen, der nicht mit Spannung geizt. Er zeigt, daß auch 20 Jahre nach dem Fall der Mauer die Stasi nur auf dem Papier tot ist. Allerdings wird er mit Liebesgeschichten und scheinbaren Verwicklungen überfrachtet. Daß das Ende ein wenig offen bleibt, ist nicht die Schwäche dieses Falls.
Jürgen Prochnow als Rodenburg überzeugt überhaupt nicht, sondern spielt ziemlich lieblos eine Figur, die einige Widersprüche in sich birgt. Er deutet sie aber höchstens an. Dagegen ist Heinz Werner Kraehkamp als Sicherheitschef eine tragfähige Figur mit ordentlich Zynismus und übersteigertem Selbstvertrauen. Laura Tonke hatte schon stärkere Auftritte – ihre Anna Korzius kratzt zu sehr an der Oberfläche. Gelegentlicher Tiefgang wird zu schnell im Keim erstickt.
Überzeugen kann dieser Tatort mit seinen Bildern – klar und schonungslos. Das hätte auch der Geschichte gut getan. “Schlafende Hnde” kommt aus der Enge der Bude nicht heraus, was angeswichts der Fülle an Stoff wirklich zu bedauern ist. Daß der gefundene Hund sterben muss, passt insofern ganz gut ins Bild.
(6/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus, Radio Bremen
Meinungen: Fielitz, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

Früher, in den wilden Zeiten

756. Tatort: Königskinder (RB/WDR; EA: 07.02.2010)

Ermittler: Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), Assistent Karlsen (Winfried Hammelmann)
Figuren: Markus Messenburg (Oliver Stokowski), Sonja Messenburg (Christine Kutschera), Bernd Petermann (Dirk Borchardt), Edith Siemers (Bibiana Beglau), Rüdiger Wilke (Lars Rudolph), Udo Bolz (Frank Jacobsen), Adrian Plöger (Peter Kremer), Jelena Tiburski (Julia Gorr), Ratko Jacopec (Ivan Shvedoff), Timo Zeschnig (Ronnie Paul)
Drehbuch & Regie: Thorsten Näter

Es wird erneut privat am TATORT. Die Kommissarin Inga Lürsen fällt nach einem Treppensturz ihrem behandelnden Arzt in die Arme, während Nils Stedefreund mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird.

Immerhin: Morde
Man kann dem Autor und Regisseur Thorsten Näter, der schon einige Bremer TATORTe geschrieben und inszeniert hat hat, nicht vorwerfen, mit Morden zu geizen. Zu Beginn wird die Gattin des Industriellen Markus Messenbach bei einem Raubüberfall in dessen Haus ermordet. Dem gefesselten Messenbach gelingt es, sich zu befreien, dabei erschießt er einen der Täter in Notwehr. Der Überfall in das schicke Anwesen in Bremerhaven gleicht drei zuvor begangenen Raubüberfällen. Nur die Leiche irritiert die Ermittler – und im weiteren Verlauf auch den Zuschauer, weil er nicht einordnen kann, was dieser Mord bezweckt.

Ist es die Rache Messenburgs ehemaligen Angestellten Timo Zeschnig? Wie steckte die Messenburgs in einer Ehekrise? Was verschweigt Messenburgs Sekretärin Edith Siemers? Sehr schablonenhaft wird eine Kriminalgeschichte erzählt, die zwar Spannung bietet, aber wenig begeistern kann, weil Motiven und Charakteren zu wenig Entfaltungsmöglichkeiten geboten werden. Einzig Bibianas Beglaus Sekretärin wird etwas konkreter gezeichnet, wenn auch klischeehaft.

Es wird – auch sehr stereotyp – eine dubiose Prostituierte in die Geschichte eingeflochten, die etwas zu wissen scheint. Doch die muss auch sterben und kann deshalb zur Klärung des Falls nicht beitragen. Mit einer Falle gelingt es Inga Lürsen, den Täter zu überführen, während Nils Stedefreund damit beschäftigt ist, mit den Schatten seiner Vergangenheit zu kämpfen.

Stedefreunds Vergangenheit
Es gehört leider zum schlechten Ton, dass Ermittler in einen Fall persönlich involviert sind. Dieses Mal ist es Lürsens Assistent, der das tote Opfer kannte. Mit Sonja Messenburg war Stedefreund einst zusammen, als er mit ihrem Bruder Bernd Petermann in Bremerhaven die Polizeischule absolvierte. Zusammen mit Edith Siemers bildeten sie eine Clique. Vom Fall wird Stedefreund nicht abgezogen, weil es von Vorteil ist, dass er sich in Bremerhaven auskennt. Außerdem soll er seine ehemaligen Kumpel Petermann daran hindern, auf eigene Faust zu ermitteln.

Lürsens Gegenwart
Nach ihrem Treppensturz beschließt Inga Lürsen Gleichmut. Sie will sich nun gar nicht mehr aufregen. Sie akzeptiert, dass ihre Tochter Helen ausgezogen ist, ohne ihr vorher Bescheid zu geben. Helen hinterlässt ihrer Mutter Paul, weil im Polizeiwohnheim keine Hund erlaubt sind. Für den Zuschauer ist das erfreulich, weil Helen weder zu sehen noch zu hören ist. Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass die Tochter ihre Karriere außerhalb Bremens fortsetzt. Paul hat nun kein Frauchen mehr und wird zwischen Lürsen, Stedefreund und Karlssen hin- und hergeschoben. Der gutmütige Zuarbeiter Karlssen wird so etwas wie eine Bezugsperson für den waisen Vierbeiner. Doch auch ohne Tochter hat Inga Lürsen ein Privatleben. In aller Gelassenhet verliebt sich die Kommissarin in ihren Arzt Dr. Adrian Plöger, dem sie am Schluss auch noch das Leben rettet.

Schon lange vorbei?
“Die wilden Zeiten sind schon lange vorbei”, sagt der Doktor zu seiner geliebten Kommissarin. Die guten Zeiten des Bremer TATORTs anscheinend auch, denn der dritte schwache Fall nacheinander legt diese Befürchtung nahe.”Königskinder” hat wenig TATORT-Qualitäten, bisweilen driftet er sogar ins Pilchereske ab. Doch dafür gibt es im ZDF parallel zur TATORT-Sendezeit einen eigenen Platz. Einzig die Bilder aus Bremerhaven können gefallen.
Die inzwischen schon regelmäßige persönliche Verknüpfung der Kommissare in ihre Fälle ist keine Garantie für eine gute Geschichte. Diese Folge beweist das eindrucksvoll.

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus, Radio Bremen
Meinungen: Annabell mit Gastbeitrag, Fielitz, MayavonderSpree, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

Mieze singt nur kurz

653. Tatort: Schwelbrand (RB/Degeto; EA: 21.01.2007)

Ermittler: Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), Assistent Karlsen (Winfried Hammelmann)
Drehbuch und Regie: Thorsten Näter

Der Fall Dana (Jeanette Biedermann) soll mit ihrer Band gegen Rechtsradikalismus singen. Im Vorfeld dieses Konzerts wird ein türkischer Plakatekleber so schwer verletzt, daß er später stirbt. Lürsen und Stedefreund ermitteln sofort im Milieu. Wenig später wird ihre Assistentin Susanne Wolters (Marie Lucht) ermordet aufgefunden. Zunächst wird eine Verwechslungstat vermutet, weil sie Dana sehr ähnlich sieht und ihren Mantel trug.
Die Kommissare finden heraus, daß Danas Bruder Markus (Sven Fricke) MItglied einer rechten Gruppe ist, die vom Ideologen und Demaogogen Seitz (Thomas Sarbacher) geleitet wird. Die Ermittler fischen lange im Trüben, bis sie im Elternhaus der Assistentin eine Entdeckung machen.

Der Täter Susanne Wolters hat für Dana belastendes Material. Dana war früher mit dem Adlaten des Demaogen, Wolfgang Hübner (Florian Panzner), zusammen. Logisch, daß Dana nicht wollte, daß ihre Vergangenheit ans Licht kommt. Der Plakatekleber wurde erwartungsgemaäß vom Neonazi-Mob ermordet.

Die Bewertung Ein überzeugendes Plädoyer gegen Rechts war dieser Film nicht. Die Idee, rechtsradikales Milieu mit dem Showbusiness zu vermischen ist nicht schlecht, aber sie wurde nur halbherzig umgesetzt. Stalking als Nebenstrang noch einzubauen, trug auch nicht zur Verbesserung bei. Die Glatzen und ihre Strippenzieher wurden arg schablonenhaft dargestellt, die Glitzerwelt sehr unausgegoren, was auch an der Hauptdrastellerin Jeanette Biedermann liegt. Sie kann weder singen noch schafft sie es, als Schauspielerin zu überzeugen. Daß sie am Schluss Imagine singt, ist eine Beleidigung für jedes halbwegs musikalisches Ohr. Sie mag ein bei dem jüngeren Publikum ein bekanntes Gesicht sein, mehr aber auch nicht. Warum man sich nicht bei der kurz zu sehenden und wesentlich ausdrucksstärkeren Frontfrau Mietze Katz von MIA. bedient hat, verstehe ich nicht.

Link: YouTube

Für diese Stückwerk gibt es nur 3,5 Punkte.

Mehr Informationen gibt es im Fundus.

Traumprinzen

737. Tatort: Tote Männer (RB/WDR)

Ermittler: Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), Assistent Karlsen (Winfried Hammelmann)
Drehbuch: Wilfried Huismann und Jochen Greve; Regie: Thomas Jauch

Der Fall Nachdem Stedefreund der Tochter seiner Chefin (Camilla Renschke), inzwischen 27, für eine Nacht den Traumprinzen gegeben hat, wird er zu einer Stricherleiche an der Weser gerufen. Danach darf er nach Hinterzarten, eine Schwulenbar in Bremen. Die Männer finden Gefallen am smarten Kommissar, nur Raul (Sebastian Weber) nicht. Dem steigt Stedefreund aber ordentlich nach, weil er ihn mit dem toten Malik beim gescheiterten Eindbruch in eine Zoohandlung in der Todesnacht gesehen haben will. Die Ermittlung auf eigene Faust führt ins Leere. Außerdem bekommt er ordentlich Ärger mit seiner Chefin, weil sie es nicht fassen kann, daß er mit seiner Tochter angebandelt hat. Der Libanese hatte aber auch eine Beziehung mit dem werdenen Vater Leon Hartwig (Felix Eitner). Seine schwangere Frau Jutta (Fritzi Haberlandt) ist darüber sehr pikiert, findet aber mit 33 Jahren keinen Traumprinzen mehr.

Der Täter Sehr schnell kristallisiert sich Jutta Hartwig als Täterin heraus. Daran ändert auch die eingeflochtene Nebenhandlung Geldwaschanlage Zoohandlung nichts.

Die Bewertung Ein sehr mühsamer Tatort mit guten Darstellern, die aber nicht zeigen konnten, was sie wirklich können (v.a. Fritzi Haberlandt, die sehr stereotyp spielte). Zur Hälfte war die Luft raus. Hätte man die Figuren besser ausgearbeitet, hätt es kurzweilig werden können.
So gibt es nur 5,5 Punkte – den halben Punkt bekommen die Hunde Paul und der von Raul.

Mehr Informationen gibt’s im Fundus (u.a. ein Interview mit Oliver Mommsen). Sopran, MayavonderSpree, Annabell, Heiner-Maria Huber, Ponkie und die Forenleser haben zugesehen.

(Bilder: ARD/RB)

Inga auf hoher See

734. Tatort: Schiffe versenken (RB)

Ermittler: Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), Assistent Karlsen (Winfried Hammelmann)
Drehbuch: Wilfried Huismann und Philip LaZebnik; Regie: Florian Baxmeyer

Der Fall | Der Täter | Die Bewertung

Der Fall Inga Lürsen muss auf den Frachter MS Karina, weil die gefrorene Leiche, die Fischer an Land gezogen haben, ein Besatzungsmitglied war. Ermitteln darf sie nicht, weil sich das Schiff außerhalb der 12-Meilen-Zone bewegt. Die Herren, der alkoholkranke Kapitän Bleibtreu (Michael Gwisdeck), der Erste Offizier Sondergard (Lasse Nørgaard), der Engineer Onno Sibum (Gustav Peter Wöhler), der Toiletten reigende Koch Huri (Jevgenij Sitochin) zeigen auch kein Interessee an Ermittlungen und lassen die Kommissarin folgreichtig auflaufen. Sie muss ihre Waffe abgeben, in der Kombüse des Toten eingesperrt und fast naoch erhängt.
Stedefreund ermittelt in Bremerhaven und blitzt bei der Reederei Delius, die von Vater (Hans-Peter Hallwachs, der im ersten Tatort schon mitspielte) und Tochter (Ina Weisse) ab. Auch die liberianische Botschaft, auf deren Hoheitsgebiet sich der Frachter befindet, hilft ihm nicht weiter. Die Ermittlungsakten im Falle eines gesunkenen Schiffs und eine Chipkarte, die der Tote im Magen hatte, führen Lürsen und Stedefreund wieder zur Besatzung und zur Reederei.

Der Täter Die Tanks des Frachters und auch die des gesunkenen waren leer, weshalb das erste Schiff im Meer absoff. Der Tote, dessen Bruder zur Besatzung der gesunkenen Frachters gehörte, hatte dies herausgefunden. Die junge Reederin wollte verhindern, daß dies an die Öffentlichkeit dringt und veranlasste den Ersten Offizier, das Besatzungsmitglied umzubringen.

Bewertung Eine stark besetzte Folge (herausragend: Gustav Peter Wöhler) und schöne Schiffs- und Seeaufnahmen können nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Schiffeversenken gerade im zweiten Teil ziemliche Längen hatte.
Meine Schifserfahrungen beruhen nur auf Ausflügen mit Bodenseedampfern und Hausbooten, aber die Darstellung der rauhen Männer auf hoher See kam mir ein wenig überzeichnet vor.
So gibt’s nur 6,5 Punkte vom Kleinhesseloher See an die Nordsee.

Angenehm war wieder das Zusehen in der Niederlassung.

Mehr Informationen gibt’s im Fundus. Zugesehen haben Sopranisse, mayavonderspree und Heiner-Maria Huber.

(Bildausschnitt: ARD / RB)

Türkische Brautentführung

721. Tatort: Familienaufstellung (RB / WDR)

Ermittler: Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), Assistent Karlsen (Winfried Hammelmann)

Helen (Camilla Renschke), die anstrengende Tochter der Kommissarin, hat keine Zeit für ihren Hund Paul und drückt ihn der Mutter aufs Auge. Rojin, die ältere Tochter des angesehenen Geschäftsmann Durmus Korkmaz (Erol Sander), wird von ihrem Mann Dr. Philipp Lewald (Roman Knižka) mit einem Messer in der Brust aufgefunden. Sie wollte sich von ihm scheiden lassen, was bei Ermittlerin wie Zuschauer die Hoffnung auf “so’n richtig schönes Ehegatten-Eifersuchtsdrama” weckt, aber sie muss sich doch mit “Familie und fremder Kultur” beschäftigen. Die Familie um das Oberhaupt Durmus Korkmaz, seiner Frau (Proschat Madani), seinen Söhnen Ferhat (Elyas M’ Barek), Kerim (Kostja Ullmann) und der Tochter Arzu (Jennifer Ulrich) schiebt die Schuld auf die Anwältin Dilek Ilhan (Dorka Gryllus), die Rojin gegen die Familie aufgehetzt habe. Sie weiß auch, daß die jüngere Tochter Arzu mit dem Cousin verheiratet werden soll, den Rojin ein paar Jahre zuvor abgelehnt hat. Deswegen hatte sie der Familie den Rücken gekehrt, um schwanger mit dem deutschen Arzt zurückzukehren. Arzu will ihn auch nicht heiraten, aber die Familie des Cousins ist schon angereist, so plant sie, mit ihrem Freund Haydar (Denis Moschito in der Nacht vor der Hochzeit zu fliehen. Der Mord an der Anwältin lenkt die Ermittlungen auf die Familie, über die die Kommissare mit einer Familienaufstellung mit Pommes in der Präsidiumskantine Aufschluss bekommen wollen. Dies fördert keine Erkenntnisse zutage, und die Pommes frisst der Hund.
So müssen sie die prunkvolle Hochzeit stören in der Dreifeldturnhalle stören, bei der Haydar die Braut retten will. Er sticht den vermeintlichen Ehrenmörder nieder. Es ist ein Geständnis und keine Ermittlung, die den Fall löst. Die Braut hat beide getötet. Von ihrer Schwester fühlte Arzu sich im Stich gelassen, die Anwältin setzte sie mit der Drohung, den Eltern von ihrem Freund zu unterrichten, unter Druck.

Ich habe vor der Austrahlung das Schlimmste befürchtet. Es gab in Bremen schon einige emotionale Schlachten, der Mord in türkischen Familien wurde bisher nicht sonderlich glücklich in Szene gesetzt und bei Thea Dorn, die mit Seyran AteÅŸ das Drehbuch schrieb, beschlichen mich, ohne vorher etwas von ihr gelesen zu haben, einige Vorbehalte. Um so angenehmer war ich überrascht, daß eine Geschichte gezeigt wurde, die so zivilisiert wie die dargestellte Familie war. Mark Schlichter hat dank einer besseren Vorlage als vor anderthalb Jahren einen Tatort mit teilweise sehr schönen Bildern inszeniert. Es war auch wohltuend, daß nicht immer das Hauptschulprekariat für dieses in letzter Zeit am Tatort häufig strapazierte Thema, herhalten musste. Unnötig und ignorant war die Familienaufstellung in der Kantine, die auch zu dem in meinen Augen falschen Titel geführt hat. Hellinger mag umstritten sein, aber hinter der systemischen Familientherape steckt wesentlich mehr als das Rumspielen mit Kartoffelstaberl. Daß ein Geständnis zur Lösung des Falles führte, war ein wenig einfallslos, aber aufgrund des konsequenten Schweigens der Familie nicht inkonsequent. Die Kommissarin Lürsen war diesmal erstaunlich aufgeräumt, was entgegen der Beobachtungen SZ-Fernseher nicht zu erwarten war.
6,5 von 10 Punkten von der Isar an die Weser.

(Bilder: ARD / RB [1], [2])

Verstrahltes Jubiläum

671. Tatort: Strahlende Zukunft (RB/WDR; EA: 26.08.2007)

Ermittler: Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), Assistent Karlsen (Winfried Hammelmann)
Besetzung: Jörg Reinhardt, Staatsanwalt (Ulrich Noethen), Sandra Vegener (Inka Friedrich), Daniel Vegener (Constantin von Jascheroff), Luis Vegener (Peter Davor), Frederike Kawentz (Ann-Kathrin Kramer), Oberstaatsanwalt (Alexander Radszun), Hagerer Mann (Peter Benedict), Gerichtsmedizinerin (Henriette Cejpek), Prof. Peter Humberth (Bernhard Schütz), Frau Humberth (Tatjana Blacher), Julia März (Henriette Confurius)
Drehbuch: Christian Jeltsch; Regie: Mark Schlichter

Man kann eine Geschichte mit Fakten anreichern oder sich ausschließlich im Vagen bewegen. Im neuesten Bremer Tatort, der Lürsens Zehnjähriges ist, hat man sich für Letzteres entschieden, was der Geschichte überhaupt nicht gut bekam. Im Mittelpunkt steht eine Mutter, die gleich zu Beginn einen Passanten in der Fußgängerzone umfährt und anschließend vom Dach springt. Sie kann den Leukämietod ihrer Tochter, für den sie die Mobilfunklobby um Friederike Kawenz (Ann-Kathrin Kramer mit gefärbten Haaren und bekleidet wie eine Frau vom Sicherheitsdienst) verantwortlich macht. Ihr Sohn Daniel will mit der Unterstützung seiner Freundin Julia ihren Tod sühnen und macht jeden verantwortlich den er in die Finger bekommt: die Kommissarin, deren Waffe er an sich reißt, den Staatsanwalt Jörg Reinhardt, den fremdgehenden Gutachter Prof. Humberth, der gegen Geld von der Mobilfunklobby ein Gefälligkeitsgutachten über seine Mutter erstellt hat und auch seinen Vater, der auch Geld genommen hat.
Eigentlich ist es ein Bonnie & Clyde-Abklatsch, der in einem diffusen Gemisch von Politik und wirtschaftlichen Interessen endet, wo viele etwas wussten, aber nicht alles. Vage Angelegenheit für eine gewagte Geschichte.

Wer ist der Täter? »

Ach so, gemordet wird auch noch: der Gutachter wird erschossen – und zwar von seiner Frau, die dazu nicht nach Kopenhagen fahren muss. Es reicht dazu ein Ausflug ins Umland, um herauszufinden, daß ihr Mann keine Vorträge hält (“So nah ist Kopenhagen”, bemerkt auch Stedefreund).

Es ist wieder eine emotionale Schlacht, in der Inga Lürsen mittendrin agiert. Vielleicht erklärt das den verschnupften und dreitagebärtigen Assi Stedefreund. Ein enervierendes Dienst-Jubiläum.
Nennenswert sind nur zwei Szenen: Stedefreund springt in den Müll, und Julia und Daniel verbringen romantische Minuten auf einem Sofa über den Dächern von Bremen. Wirklich erfreulich dagegen war die Abwesenheit der nervigen Lürsen-Tochter Helen.

Anhang
Hintergrund: Fundus, Radio Bremen
Meinungen: Sopran, Fielitz, sopur und komischerweise noch nicht im Tatort-Forum

(Bilder: Radio Bremen/Jörg Landsberg)

Bremer Winter

506. Tatort: Schatten (RB; EA: 28.07.2002)

Wahrscheinlich ist es nur ein Zufall der Programmplanung, daß zum Dreißigjährigen des Deutschen Herbstes der SWR dieser Tatort-Folge mit dem Duo Lürsen / Stedefreund wiederholt. Gesehen habe ich die Aufarbeitung der 70er Jahre bei ihrer Erstausstrahlung schon und hatte sie nicht schlecht in Erinnerung (wobei mich der Blick auf Drehbuch und Regie durch Thorsten Näher daran zweifeln lässt).

Ein Enthüllungsjournalist an einem kalten Januar-Morgen wird tot aufgefunden. Er steht in Verdacht, heute angesehene Leute wie den Buchhändler Armin Wulf (Dieter Pfaff), Rechtsanwalt Lothar Köster (Burghart Klaußner), Taxifahrer Walter Miske (Paul Faßnacht), Grünen-Politiker Georg Berger (Karl Kranzkowski) und Zeitungsverlegerin Renate Lahn (Angela Roy) mit seinem Wissen um die Hintergründe des 25 Jahre zurückliegenden Anschlags auf den Wachmann einer Bremer Zeitung (hallo BILD!) erpresst zu haben. Zu dieser Gruppe gehörte auch die Bremer Hauptkommissarin Inga Lürsen.
Der getriebene Staatsanwalt Karl-Heinz Worms (Peter Sattmann)) erwirkt nach der Verhaftung des aus Nahost zurückgekehrten Sören Feldmann (Dominique Horwitz), der auch zu dieser Gruppe gehörte, relativ schnell die Suspendierung der Kommissarin, weil sie ebenfalls in Verdacht gerät, am Anschlag auf den Wachmann beteiligt gewesen zu sein . Frustriert ergeht sich sie in Super-8-Filmen aus der alten Zeit und Schnaps. Der neue Kollege Stedefreund stellt sich nach anfänglichen Gewissensbissen auf ihre Seite und ringt ihr das Du ab.
Bei der Beerdigung kommen bis auf den Grünen-Abgeordneten alle wieder zusammen. Es stellt sich heraus, daß alle erpresst wurden. Daß die Zeiten nun andere sind, wurde anhand des Taxifahrers Milske köstlich dargestellt. Er übergab die Summe bei einem Peter-Maffay-Konzert. Im Gefägnis widerruft Feldman sein altes Geständnis, den Wachmann ermordet zu haben.
Es zeichnet sich bald ab, daß der Antiquar Wulf, der als guter Mensch von Bremen alle möglichen Projekte im Kuba und sonstwo unterstützte, den Wachmann auf dem Gewissen haben muss. Sein Sohn Gerard (Mathias Koeberlin), auif der Suche nach väterlicher Liebe, steuerte dazu das Geld bei und setzte dabei sein Start-Up-Unternehmen und sein idyllische Familienleben aufs Spiel.
Lürsen geling es, den in Berlin dahinvegetierenden Grünen Berger dazu zu bewegen, die bei seiner Sekretärin verschüttgegangene Epressung aufzutreiben und darauf einzugehen. Gerard entpuppt sich nicht überraschend als der Epresser (und damit Journalistenmörder), aber sein Vater, der die letzte Epresser-e-mail bei seinem Sohn entdeckt, versucht den Verdacht auf sich zu lenken. Bei der Geldübergabe beim Sechs-Tage-Rennen mit dem Duft der Promiwelt in Form von Roger Moore), bei dem sein Sohn als Reingungsmann arbeitet, kommt er Gerard zuvor. Auf der Toilette gesteht der Buchhändler seinem Sohn den Mord an dem Wachmann. Er nimmt den Mord an dem Journalisten auf sich und erhängt sich im Gefängnis.
Und das altkluge Töchterchen der Kommissarin erfährt bei Rotwein in der Badewanne etwas über Mamis Vergangenheit…

Dank der guten Darsteller ist diese Folge wirklich solide. Sie konnten die Schwächen des Drehbuchs (es scheint eine Näter-Schwäche zu sein, schon nach einer Stunde die Täter zu offenbaren) gut überspielen. Vor allem das widersprüchliche Vater-Sohn- Verhältnis wurde von Dieter Pfaff und Mathias Koeberlin sehr gut herausgespielt. Das “arrivierte Arschloch” (Milske), Rechtsanwalt Köster, wurde von Burghart Klaußner sehr überzeugend dargestellt. Peter Sattmann als reaktionärer Staatsanwalt war auch ziemlich gut in Form. Hätte sich Thorsten Näter nicht allzu sehr auf sein Drehbuch und seine Regie verlassen, sondern mehr Gewicht auf die Herausarbeitung der Charaktere gelegt, hätte es wirklich eine sehr gute Folge werden können.

(Bild: Radio Bremen)

Triste Klischees

602. Tatort: Todesengel (RB; EA: 10.07.2005)

Ermittler: Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel), Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), Assistent Karlsen (Winfried Hammelmann)
Besetzung: Helen Reinders
Drehbuch: ; Regie:

Der Wiederholungssommer beginnt mit einem Bremer Tatort, den ich noch nicht kenne.
Man könnte an dieser Stelle mal wieder darüber lamentieren, daß keine älteren Folgen wiederholt werden. Immerhin blickt der Tatort auf eine mittlerweile knapp 37-jährige Geschichte zurück. Aber auch beim öffentlich-rechtlichen Sender hat man während des Sommerlochs Angst, das Ausstrahlen alter Schinken könnte die jüngeren Zuschauer nachhaltig vergrätzen. Das dürfte dem ZDF mit einer Pilcher-Schnulze besser gelingen, die Privaten setzen auf amerikanische Blockbuster.
Bis Ende der 90er Jahre gab es montags nach den Tagesthemen einen festen Tatort-Wiederholungstermin, an dem vor allem Folgen aus den 70er und 80er Jahren wiederholt wurden. Der Termin musste der Beckmannschen Selbstbeweihräucherung weichen (wahrscheinlich kann ich ihn vor allem deswegen nicht ausstehen). Der vor zwei Jahren installierte Freitagstatort um 12:45 Uhr umfasst hauptsächlich Folgen, die nicht älter als fünf Jahre sind. Die dritten Programme haben auch stark nachgelassen, so daß man auf spezielle Tatort-Nächte hoffen muß…

Zurück zur heutigen Folge, die ziemlich genau vor zwei Jahren erstmals gezeigt wurde.
Leider ist das Team fast ein Trio, da neben der Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel) und Kommissar Nils Stedefreund (Bahlsen-Mann Oliver Mommsen) auch Helen (Camilla Renschke), die nervige Tochter der Kommissarin, häufig größere Auftritte hat.

Ein Heckenschütze, der von der Presse Todesengel genannt wird, versetzt Bremen in Angst und Schrecken. Der letzte Anschlag erfordert zwei Tote. Auffallend, daß die demoliierten Autos alle älter als 10 Jahre sind…
Eine zerbrochene Familienidylle wird gezeigt. Der Vater Michael Roeder (Benjamin Morik), aus dem Sathlwerk geflogen, betreibt einen Schießstand und hat eine Geliebte, die ehemalige Polizistin Heike Hellwig (Katrin Politt). Die Mutter Yvonne Roeder (Christina Große) versucht die Familie irgendwie zusammenzuhalten, kommt aber nicht gegen ihren schweigsamen Sohn Sascha (Ilja Roßbander), der sich zuhause mit Egoshootern an der Spielekonsole beschäftigt, an. Seine jüngere Schwester Chantal (Julia Bolte) hängt in der Luft.
Die Ermittlungen konzentrieren sich anfangs auf die Ex-Polizistin, die wegen Unterstützung einer Bürgerwehr aus dem Staatsdienst entlassen wurde.
Eine in der Bevölkerung umstrittene Kamera, die auf dem Dach einer Firma installiert ist, kann von jedem PC aus bedient werden und bietet einen guten Rundumblick. Es stellt sich heraus, daß von Roeders PC aus die Webcam bedient wurde. Der alte Roeder wird verhaftet, wird aber wieder freigeleassen, als sich herausstellt, daß sein Sohn der Heckenschütze ist. Er hat bei seinen Schwenks die Häus der Ex-Polizistin und der Kommissarin ausfindig gemacht. Dabei hat er beobachtet, wie sein Vater mit seiner Liebschaft rummacht. Die Kommissarin hat er mit Aufzeichnungen von ihrem Zuhause bedroht.
Was folgt ist die Suche nach dem Jugendlichen, der auf die Geliebte des Vaters, die Kommissarin und seine Mit-Azubis im Stahlwerk schießt. Auf einmal sind alle (Lürsen, Eltern, Geliebte) mit Megaphonen ausgestattet und versuchen auf den einsamen Sascha einzureden. Vergeblich: Am Schluß richtet er über sich.
Im Nebenstrang deutet alles darauf hin, daß das Töchterchen eine Affäre mit Lürsens Assi hat. Leider will Helen nur auf die Polizeischule, was Muttern nicht verhindern kann.

Was bleibt, ist ein pädagogischer Tatort, der arg mit den Klischees gespielt hat. Das Drehbuch (Thorsten Näter) lag quasi auf der Straße: Vater hat einen Schießstand, die Familie ist zerrüttet, und der einsame und verschlossene Sohn sucht die Bestätigung beim Egoshooterspielen an der Konsole und im richtigen Leben. Es wurde mit tristen Bildern gespielt, dabei wurde es versäumt, den Charakteren etwas mehr Leben einzuhauchen. Das Spiel blieb arg statisch, so daß in mir der Eindruck entstand, nur auf die Aussage hinzuwirken. Ich habe nichts gegen Botschaften, aber wenn sie plump daherkommen, sind sie einfach ärgerlich.

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz und im Tatort-Forum.
(Bild: Das Erste)