Eine bewegte wie eindrucksvolle Spielzeit liegt hinter uns. Eine Saison, von der man im Herbst nicht ahnen konnte, daß sie – fußballerisch! – einen drei Monate anhaltenden Mai beinhalten würde. Louis van Gaal hat aus einem Acker eine blühende Landschaft gemacht, die nicht nur mit zwei Titeln belohnt wurde, sondern auch mit vielen Lorbeeren bedacht wurde.
Tor
Michael Rensing (1) Als Nummer 1 gestartet, mit der Hoffnung, daß das immer noch unwürdige Absägen durch Klinsmann vor dem 0:4 in Barcelona blinder Aktionismus war. Er leistete sich nicht wirklich zumindest einen Klops, strahlte aber nicht die Sicherheit aus und wurde am 4. Spieltag durch Hans Jörg Butt ersetzt. Inzwischen ist er nicht mal mehr bei Red Bull Salzburg im Gespräch. Die haben Gerhard Tremmel, einen gebürtigen Münchner, der zuletzt das Tor vom Zweitligisten Cottbus gehütet hat, verpflichtet. Er kann noch auf einen Job bei Hertha BSC hoffen.
Hans Jörg Butt (22) Er ist auch eine Kampfansage an die Kahn-Ära. Verbissenheit und Stärke auf der Linie sind nur zwei Kriterien. Aber er ist trotz seiner 36 Jahre ein mitspielender Torwart, der nach seinen Angaben auch im hohen Alter vom Trainer der Niederländer profitiert hat. Er stellte seinen Wert nicht nur im vergangenen Finale in Madrid unter Beweis. Dennoch weiß ich nicht, was ich von seiner WM-Nominierung halten soll.
Abwehr
Philipp Lahm (21) Nach anfänglichen Schwierigkeiten etablierte er sich auf der rechten Außenbahn. Er ergriff, als es wieder mal ernst wurde, beherzt das Wort. Fortan lief es. Er hat im Herbst wohl den richtigen Gladiolen-Dünger geschluckt.
Christian Lell (30) Saß nicht mal auf der Bank auf rechten Seite, dennoch durfte er ein Spiel bestreiten: gegen SpVgg Greuther Fürth, wo er in der 2. Halbzeit Contento weichen musste. War im Winter nicht erreichbar. Die vergeblich anrufenden Vereine dürfen sich im Nachhinein glücklich schätzen.
Andreas Görlitz (13) Er saß zumindest am richtigen Mischpult. He’s gone to Bernabéu, wenn auch nur als Tribünengast. Angeblich sucht der FSV Mainz 05 einen neuen Einheizer – sei es auf rechts oder als Stadion-Support.
Daniel van Buyten (5) Der Catcher-Sohn schwang sich zu Saiosnbeginn in Abwesenheit des verletzten Demichelis zum Abwehrchef auf. Er spielte eine solide Spielzeit, offenbarte aber immer wieder Schwächen – zuletzt im Finale gegen Mailand.
Martin Demichelis (6) Machen wir uns nichts vor: Der Mann kann es – wenn er wil. Er wollte es zu selten. Er spielte eigentlich nur zweimal gut. Daheim gegen Lyon – und im Rückspiel. Der in der Rückrunde einzige Südamerikaner spielt eine geile WM und ist danach weg.
Breno (15) Wurde zur Rückrunde an den 1. FC Nürnberg ausgeliehen, wo er sich so sehr mit dem Verein identifizierte, daß er sich einen Kreuzbandriss zuzog.
Holger Badstuber (28) Der Allgäuer ist einer der Aufsteiger. Als Linskfuß musste er, gemäß der Doktrin des niederländischen Gladiolen-Züchters, auf der linken Außenbahn häufiger ran, als es der Mannschaft guttat. Er bot allerdings als Demichelis-Backup bessere Spiele als das Original. Er darf zur WM.
Edson Braafheid (4) Er galt zu Saisonbeginn als Unfehlabrkeitsdogma des Trainers. Seine Langsamkeit auf Links wurde allerdings undogmatisch unerträglich. Zur Winterpause nach Schottland verliehen darf er dennoch zur WM. Verstehe einer die Holländer…
Diego Armando Contento (26) Alleine der Name schon! Wäre er im CL-Finale eingewechselt worden, wäre das Spiel mit zwei Italienern abgepfiffen worden. In der Rückrunde häufiger zum Einsatz gekommen, zeigte er mutige Ansätze nach vorne.
David Alaba (27) Ihm hätte das Spiel in Frankfurt das noch junge Kreuz brechen können. 17 Jahr, dunkles Haar durfte er in den letzten Minuten in Lyon ran. Jung, unverbraucht und dennoch Rekordhalter: er ist jüngster A-Nationalspieler in Österreich.
MIttelfeld
Mark van Bommel (17) Der Kapitän stand in Augen vieler (auch meiner) vor der Saison auf der Kippe – Anataloly Tymoshchuk winkte mit seinem Stirnband. Nach seiner Zehen-Verletzung war er fast schon abgeschrieben. Aber er kam zurück – und wie! Nicht gerade geläutert, aber reifer. Er nahm Bastian Schweinsteiger an die Hand und zeigte ihm, wie man sich im defensiven Mittelfeld so benimmt. Darüber hinaus zeigte er, was ein Kapitän ist. Ein Mannschaftspieler muss man sein. Eine klare Steigerung zu Oliver Kahn.
Anatoly Tymoshchuk (44) Ein grundsolider Mensch. Angeblich mit eigenem Friseur, Masseur und Pressesprecher augestattet hat man von ihm in der Saison wenig wahrgenommen. Er fügte sich klaglos in seine Rolle als Bankhalter. Leider ist sein Spiel für van Gaals System zu langsam. Gilt als Klinsmann-Einkauf – diese Schmach hat er nicht verdient, weil er gezeigt hat, daß auf ihn Verlass ist, wenn man ihn braucht. Der tragische Held dieser Gladiolensaison.
Bastian Schweinsteiger (31) Ohne Wenn und Aber: Er ist ist der Spieler der Saison! Zur Verwunderung vieler galt er vor der Saison als gesetzt, weil der Stellvertreter des Stellvertreters bei van Gaal immer spielt. Aber wo? Zu Beginn hoffte er, auf der Zehn eingesetzt zu werden. Auf der durften sich als Platzhalter für Franck Ribéry, Jose Ernesto Sosa, Alexander Baumjohann und Thomas Müller versuchen. Alle wenig erfolgversprechend – zwei wurden transferiert, der dritte fand seine Rolle, aber dazu weiter unten mehr. Nach der Systemumstellung wurde Schweinsteiger neben van Bommel gestellt und fand seine Bestimmung. Er wurde Abräumer und war für den Spielaufbau zuständig. Unvorhergesehene Belohnung: Er darf bei der WM den Ballack geben und zeigen, was er bei van Gaal und an van Bommels Seite gelernt hat.
Danijel Pranjic (23) Noch so eine van Gaal-Verpflichtung, die sich nicht durchgesetzt hat. Nach vielen ungestümen Auftitten auf der linken Außenbahn war er erst einmal untendruch. Er fügte sich in der Rückrunde als Ergänzungsspieler unauffällig ein, ohne jedoch zu überzeugen.
Andreas Ottl (16) Für mich immer noch unerklärlich. Unter Felix Magath groß geworden bekam er danach keinen Fuß mehr auf den Boden der AllianzArena. Er trug maßgeblich zum Klassenerhalt des 1. FC Nürnberg bei. Aber Relegation ist keine Champions League.
Hamit Altintop (8) Er legte eigentlich wie die von van Gaal verpflichteten Spieler eine katastrophale Hinrunde hin. Folglich war er auch lange abgemeldet. Kam aber gegen Ende der Rückrunde wieder in Form und ließ sich einsetzen, wo man es gerade von ihm verlangte. Taktisch limitiert, aber mit großem Kämpferherz spielte er sich zurück, als er gebraucht wurde; gemäß dem Motto: “Reden ist silber, Spielen ist Gold”.
Jose Ernesto Sosa (20) Soossa! Eine Phonetik, die auf dem Platz nichts hielt, was sie versprach. Durfte sich auf der dann doch nicht vergebenen Spielgestalter-Position in der Mitte verwirklichen. Der 1. FC Köln ließ sich dann doch nicht auf einen zweiten Kaufvertrag mit dem FCB ein, damals nicht ahnend, daß Podolski nur zwei Tore in einer Saison schießen würde. Das ergibt jetzt zwar wenig Sinn, aber Sosa war wohl mal in Köln im Gespräch. Doch er ging zurück nach Argentinien: “In seinem achten Spiel am 20. März 2010 (10. Spieltag) erzielte er beim 3:1-Auswärtserfolg über Atlético Tucumán auch sein erstes Tor.” Hätte Podolski in jedem achten Spiel getroffen, häte er mindestens mindestens drei Treffer erzielt…
Alexander Baumjohann (19) Er wurde zur Überraschung vieler am 1. Spieltag in Hoffenheim aufgeboten, danach zur Freude ebenso vieler nicht mehr. Im Gegensatz zu Ivica Olić erwies er sich nicht als das erhoffte Schnäppchen. Im Spiel auf Schalke bewies er in der 2. Halbzeit auch, warum.
Thomas Müller (25) Am Anfang fehlte Louis van Gaal der Mut; in den ersten Spielen wurde er nur eingewechselt. Danach war er eigentlich immer von Beginn auf dem Platz. Er erwies sich als kongenialer Partner zwischen den Zauberern Robben und Ribéry und sorgte für die oeder andere Stafette. Hinzu kamen 19 Tore in 52 Spielen; sein Tief während der Rückrunde wurde nur von Wenigen wahrgenommen. Aber es fand wirklich statt! Dennoch der Aufsteiger der Saison.
Arjen Robben (10) Für ein Schweinegeld nach einem vollkommen verkorksten Saisonbeginn verpflichtet. Die kolportierte Glaskochenkrankheit gestaltete sich als offener Bruch für die gegnerischen Mannschaften. Trägt lange Unterhosen offen wie der Stadtneurotiker Röcke (letzterer trägt sie ganzjährig).
Franck Ribéry (7) Was für eine Saison! Eine quasi nicht stattgefundene Hinrunde, die er als Zehner bestreiten sollte, auf die eine Rückrunde mit einem wesentlich besserem Gebiss fogt. Genie und Wahnsinn – die Meinungen teilen sich. “Isch ‘abe gemacht fur funf Jahre.” Spätestens da war ihm das Publikum wieder hold. Er war so ziemlich der einzige Soieler, der die Schlagzeilen des FCB außerhalb des Platzes beherrschte. Daß Franz Beckenbauer ob seiner Fähigkeiten den Blick für die Realität von Madrid verlieren sollte, ist allerdings nicht seine Schuld.
Angriff
Mario Gomez (33) Ein schwerer Fall. Ich sehe sein erstes Jahr beim FCB als glücklos. Spielte er, war er immer bemüht – um dann ebenso häufig ins Abseits zu rennen wie Luca Toni. Er muss sich des Verdachts, seine Nationalmannschaftsform nach München mitgenommen zu haben, schnell entledigen. Er traf trotzdem beim FCB und in der Nationalmannschaft öfter als Lukas Podolski.
Miroslav Klose (18) Er ist eigentlich nicht zu bewerten. Entweder war er verletzt – oder nicht in Form. Als passionierter Kopfballspieler passt er eigentlich nicht in das System eines Louis van Gaal. Dementsprechend häufig kam er zum Einsatz. Begeht zum Glück wohl nicht den Fehler eines Lukas Podolski: er geht nicht nach Kaiserlslautern. Würde gut nach Bremen passen.
Ivica Olić (11) Der legitime Nachfolger von Hasan Salihamdzic. Kam wie seinerzeit Brazzo ablösefrei vom HSV, war darauf eingestellt, sich als Stürmer No. 4 einzureihen, um sich in den Vordergrund zu spielen. Taktisch ähnlich limitiert wie Hamit Altintop gibt es für ihn keinen verlorenen Meter. Daß er in der CL-Torschützenrangliste nur knapp hinter Lionel Messi rangiert, ist vielleicht ein wenig dick aufgetragen. Aber der Platz im Bayern-Olymp ist ihm sicher.
Luca Toni (9) Die Schickeria trauert, der Fan bedingt. In der Hinrunde meistens verletzt erlaubte es sich der italienische Beau, zur MIttagspause im falschen Leiberl aufzukreuzen – zu viel für den im Herbst noch um Autorität ringenden Louis van Gaal. Durfte, glaube ich, einmal spielen, bevor er an den AS Rom ausgeliehen wurde. Spielte dort auf Pump eine mehr oder weniger erfolgreiche Rückrunde. Darf im Gegensatz zu den weniger erfolgreichen Gomez und Klose nicht an der WM teilnehmen. Die Welt ist ungerecht.
Trainer
Louis van Gaal hätte wohl nichts dagegen, die nächste Lobpreisung zu lesen. Daß er sie verdient hat, steht außer Zweifel. Garniert mit der Perle Arjen Robben hat er aus einem Sauhufen eine Mannschaft geformt, die bei ihrer Meisterschaft Symapthien außerhalb des Fankosmos’ geerntet hat. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger war er sich auch nicht zu fein, mit Hermann Gerland einen Assistenten aus den eigenen Reihen in den Trainerstab zu berufen. Spieler aus dem eigenen Nachwuchs haben davon ebenso profitiert wie die Mannschaft. Das Feierbiest hat in dieser Saion viele Gladiolen zum Blühen gebracht. Nur wenig bleibt als Unkraut übrig.
Chapeau!
Fremdneurosen