Tag Archive for 'Dellwo'

It isn’t all over

751. Tatort: Weil sie böse sind (HR; EA: 03.01.2010)

Ermittler: Hauptkommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki), Hauptkommissar Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf), Kommissariatsleiter Rudi Fromm (Peter Lerchbaumer), Staatsanwalt Dr. Scheer (Thomas Balou Martin)
Besetung: Rolf Herken (Milan Peschel), Balthasar Staupen (Matthias Schweighöfer), Reinhard Staupen (Markus Boysen), Freya Staupen (Adele Neuhauser), Mike Staupen (Peter Davor), Sandra Jakesch (Sandra Borgmann),
Drehbuch: Michael Proehl; Story: Matthias Tuchmann, Florian Schwarz Regie: Florian Schwarz

Rolf Herken ist ein Verlierer. Seine Frau hat er verloren, in der Firma schmücken sich andere mit seinen Fahnen, und er kämpft um seinen Sohn, der Autist ist. Die Gehaltserhöhung, die er dringend für die Förderung seines Sohns benötigt, bekommt er nicht. Balthasar Staupen ist ein Spross der vermögenden Staupen-Dynastie. Sein Vater ist der zynische Lebemann Reinhard Staupen, der sich nur für Antiquitäten interessiert. Balthasar kann mit seiner Familie nichts anfangen.
Der Hobby-Geneaologe Herken findet heraus, daß seine Vorfahren für das, was die Staupens begangen haben, aufs Schafott mussten. Der Epressungsversuch bei Reinhard Staupen misslingt – er erntet nur Hohn und Spott. In seinem Zorn erschlägt Herken Staupen mit einem Morgenstern. Er gibt sich nicht die Mühe, seine Tat zu verschleiern, weil er bemerkt, daß er von einer Kamera gefilmt wurde. Zuhause wartet er auf die Polizei und versucht die ihm verbleibende Zeit mit seinem Sohn zu genießen.

Der junge Rächer und der verzweifelte Vater
Balthasar Staupen ist über den Tod seines Vaters nicht traurig. Im Gegenteil, er lässt die Aufzeichnung von der Tat verschwinden, liest interessiert in Herkens Aufzeichnungen und sucht Herken auf. Er will Herkens Sohn die teure Therapie finanzieren und zieht den Grundgütigen in seinen Rachefeldzug, in dessen Verlauf Balthasars Onkel Mike und seine Tante Freya, die die geschäftlichen Fäden zieht, umkommen.
Es entspinnt sich ein rasantes Spiel zweier unterschiedlicher Figuren, die unterschiedlicher nicht sein können. Matthias Schweighöfer und Milan Peschel laufen zur Hochform und erfüllen diesen zunächst unglaubwürdig wirkenden Plot mit Leben. Der gute Herken wird für den bösen Staupen zum Rächer, während es dem jungen Schnösel gelingt, gar nicht erst den Verdacht auf Herken zu lenken.
Selbst als Sandra Jakesch, Herkens Kollegin, nach dessen Geständnis zur Polizei geht, gelingt es dem jungen Rächer, sie mit Geld und klugen Worten vor der Aussagen zu bewahren. “Wir opfern und benutzen Menschen, wie wir wollen. Und wissen Sie warum? Weil wir böse sind”, belehrt sie Balthasar, bevor sie mit dem Auto in die Luft gehen.
Die Dynastie ist aber nicht ganz vernichtet, weil Staupens Freundin ein KInd von ihm erwartet.

Die versagenden Kommissare
Charlotte Sänger und Fritz Dellwoo gelingt es nicht, diesen Fall zu lösen, weil sie mit sich und ihren Befindlichkeiten beschäftigt sind. Sie haben sich nichts mehr zu sagen und konkurrieren um das Erbe ihres Vorgesetzten Fromm, der plant, in den vorgezogenen Ruhestand zu gehen. In ihrem vorletzten Fall wird die Wirklichkeit zur Fiktion, denn die Unstimmigkeiten zwischen den Darstellern wurden letztes Jahr öffentlich. Die Eiszeit wird wunderbar in die Geschichte eingeflochten, so dass die Unfähigkeit, den Fall gemeinsam zu lösen, hervorragend passt.

Ein furioser Auftakt
“Weil sie böse sind” ist ein hervorragender Tatort. Eine abstruse Geschichte wurde wurde hervorragend umgesetzt. Die beiden Hauptdarsteller boten glanzvolles Schauspiel, auch die Nebenfiguren konnten überzeugen.
Diesen furiosen Auftakt ins Tatort-Jahr 2010 rundet die Musikauswahl ab. Antonín Dvořák, Beethoven und Bob Dylan untermalen diesen Tatort.
(9,5/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Annbell, Fielitz, Kasse4, Sopran, Tatort-Forum

Taxi nach Frankfurt – oder: Architektur eines Tatort-Jahres

Taxi nach Frankfurt

Seit knapp drei Jahren lasse ich meinen Eindrücken über den Tatort freien Lauf; das sonntägliche Glotzen ist die Konstante des Blogs, wenn man es so betrachten will. Angefangen hat es an einem Ostermontag mit “Engel der Nacht”, einer Folge, an der ich kein gutes Haar gelassen habe.
Einige andere gucken ebenfalls regelmäßig und lassen ihren Eindrücken freien Lauf: Annabell (herzlichen Dank noch einmal für die Gastkritik, die ich schreiben durfte), Fielitz, MayavonderSpree und ChloevomSee sowie Sopran begleiten mich.
Mit einem Ritter-Schlag habe ich nicht gerechnet. Dennoch folgte auf das Augenreiben der Stolz, als ich nach der Kritik zu einem der besten Münchner Tatorte das Angebot bekam, für das Flagschiff im Netz, den Tatort-Fundus, Rezensionen zu schreiben. Danach war ich für einige Tage außer Gefecht gesetzt. Das Angebot erfüllt mich immer noch mit Stolz.
Nach der Benommenheit stieg ich ins Taxi nach Frankfurt, denn mein Erstling war die Rezension einer Folge des von mir sehr geschätzten Ermittler-Duos Dellwo und Sänger war. Man könnte es auch als Anfängerglück bezeichnen…
Nicht vergessen möchte ich den einen oder anderen Tatort-Abend in der Niederlassung.

So, nach der langatmigen Einleitung komme ich nun zu dem Rückblick auf das abgelaufene Tatort-Jahr.

Tatort-Rückblick 2009
Ich habe nicht alle Folgen gesehen, aber die wirklich guten habe ich wohl mitbekommen, wenn ich die Kritiken in den Blogs und im Tatort-Forum näher betrachte.

Höhepunkte
“Architektur eines Todes”
Frauenaffin, stlistisch sehr schön. Es ist nicht der beste Frankfurter Tatort, aber es gelingt den Machern, eine stimmungsvolle und ebenso stimmige Atmosphäre zu schaffen. – ich werde Sänger und Dellwo, wenn sie nächstes Jahr im November abtreten, vermissen.

“Borowski und die heile Welt”
Steife Brise aus Kiel. Kindsmord kann man mit sehr viel Patina inszenieren, aber das geht zumeist schief. Den Autoren und dem Regisseur ist es gelungen, schwer verdauliche Kost zuzubreiten, aber keinen Klumpen, den man nur mit vielen Schnäpsen zu Leibe rücken kann.

“Vermisst”
Zu Odenthals Jubiläum bekamen die Zuschauer Feinkost serviert. Neben weißen Piemont-Trüffeln und selbst gemachten Gnocchi mit selbst gemachten Pesto Genovese durften sie eine spannende Geschichte sehen, die trotz der Vierschachtelung präzise und nachvollziehbar war. Hätte mir vor zwei Jahren jemand gesagt, daß die Figur Ĺena Odentahl noch Entwicklungspotentail hat, hätte ich es nicht geglaubt.

“Häuserkampf”
Das Konzept des NDR, einen verdeckten Ermittler ins Rennen zu schicken, scheint aufzugehen. Schnörkellose Geschichte für die es nur wegen das wenig inspirierte SEK = böse Abzüge gibt.

“Altlasten”
Nachdenkliches zum Jahresabschluss feinfühlig ungesetzt und hervorragend dargestellt (v.a. Bibiana Zeller!). Und die Stuttgarer bringen den Nachweis, daß man Lokalkolorit auch durch ortstypische Bilder wie die Standseilbahn oder Kulinarisches (selbstgeschabte Spätzle) darstellen kann.

Tiefpunkte
“Wir sind die Guten”
Für Münchner Verhältnisse einfach nur schlecht; dieser Tatort hatte Münsteraner Niveau… Eine mit Originalität geizende Amnesie-Story gepaart mit den üblichen Verdächtigen lässt die Lokalmatadoren tief sinken. Hoffentlich wird das Wirre nicht zum Konzept des BR. Eine Story ohne persönliche Verwicklung eines Kommissars wäre ein guter Ansatzpunkt…

“Rabenherz”
Die einzig wirklich gute (und unbeabsichtigte) Pointe dieses Tatorts waren die Magenschmerzen von Ballauf. Der Fall war wirklich schwer verdauliche Kost, die auch die blasse Anna-Maria Mühe nicht schmackhafter machte. Man musste keine persönliche Verwicklung eines Kommissars verdauen, aber Orangensaft kann auch ganz üble Folgen haben…

“Mauerblümchen”
Nicht nur wegen Helmut Zierl nur schwer erträglich. Sich über die schauspielerischen Fähigkeiten einer Simone Thomalla negativ auszulassen, ist wohl frauenfeindlch. Aber die Geschichte war schlecht genug, darauf nicht näher einzugehen.

…und sonst
Ich bilde mir ein, dieses Jahr bessere Folgen gesehen zu haben als letztes Jahr. Solides gab es regelmäßig aus Kiel, Stuttgart, Konstanz (“Im Sog des Bösen” ist nur knapp an den Tops vorbeigeschrammt) und mit Abstrichen aus Berlin. Enttäuschend hingegen waren die Beiträge aus Köln und – aus der Sicht eines Millionendörflers wirklich niederschmetternd – München (Ausnahmen “Mit ruhiger Hand” und “Gesang der toten Dinge”). Aus Münster gab es mit “Tempelräuber” in der zweiten Hälfte statt eines “Hilfe! Nicht schon wieder!” ein Aha-Erlebnis. Sie können auch ernst.

Auf ein gutes Tatort-Jahr 2010!

(Bilder: [1] (Robbrink/flickr), [2] (HR/Bettina Müller)

November in Frankfurt

740. Tatort: Architektur eines Todes (HR)

Ermittler: Hauptkommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki), Hauptkommissar Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf), Kommissariatsleiter Rudi Fromm (Peter Lerchbaumer), Staatsanwalt Dr. Scheer (Thomas Balou Martin)
Figuren: Sofia Martens (Nina Petri), Holger Martens (Stephan Bissmeier), Peter Kaufmann (Bastian Trost), Eva Kaufmann (Alwara Höfels), Charlie (Thure Linhardt), Anett Berger (Julia Dietze)
Drehbuch: Judith Angerbauer; Regie: Titus Selge

Der Herbst ist eine an Farben reiche Jahreszeit. Sind alle Blätter von den Bäumen gefallen, wird er grau und trist. So wie in Frankfurt, wie die “Architektur eines Todes” zeigt..

tatort740-7Anett Berger, die rechte Hand der Stararchitektin Sofia Martens, ist spurlos verschwunden. Der mit Martens befreundete Staatsanwalt Dr. Scheer bittet Charlotte Sänger und Fritz Dellwo, die junge Architektin zu suchen. Widerwillig nehmen die Kommissare die Ermittlungen auf und müssen herausfinden, wer am Verschwinden der jungen Architektin ein Interesse haben kann. Was haben die Droh-E-Mails und obszönen Anrufe, die die Karrierefrau erhalten hat, mit ihrer Assistentin zu tun? Wie ist die Verletzung von Sofia Martens zustande gekommen? Was hat Callboy Charlie in Bergers Wohnung gesucht? Von wem stammt das Blut an ihrer Wohnungstür? Was will Eva Kaufmann den Kommissaren erzählen?

Motiv Eifersucht
Der Zuschauer erfährt schnell, dass geschäftliche Interessen in den Hintergrund des Falls rücken. Die Tatverdächtigen hatten oder hätten gerne eine private Beziehung zu dem Mordopfer gehabt. Alle hatten Eifersucht als Motiv: der Callboy Charlie, der Assistent Peter Kaufmann sowie Holger und Sofia Martens.
Es wird ein überschaubares Umfeld dargestellt, das aber sehr facettenreich illustriert wird. Die Beziehungen werden distanziert und nicht mit den Blicken eines Voyeurs erzählt, so dass es Spaß macht, den Protagonisten zu folgen.

Von der Bedrohung zum Mord
tatort740-6Der Titel dieser Folge ist passend. Der Film zeigt in diesem Ablauf die Verfolgung, die Gefangenschaft und schlussendlich den Mord an Anett Berger. Teilweise werden Rückblenden eingesetzt, in der die Tatverdächtigen und der Täter während der Vernehmungen bei ihren letzte Begegnungen mit der jungen Architektin gezeigt werden. Auf die gängige Dramaturgie, die Leiche spätestens nach zehn Minuten zu zeigen, wird verzichtet. Das ist nicht nur bemerkenswert, sondern passt auch hervorragend in die Dynamik der Geschichte.

Grau
Die dominierende Farbe dieses Tatorts ist grau. Die Häuser sind grau, die Nachtaufnahmen wirken grau gefiltert, selbst die Mäntel der Hauptfiguren sind grau. Die „deprimierenden Dunkelzonen“ können auch durch Lichteffekte nicht kaschiert werden. Dass die Assistentin in einem grauen Rohbau umkommt, betont die Hauptfarbe dieses Films.

Nebeneinander
Es ist auffällig, wie wenige gemeinsame Szenen Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf haben. Viel haben sie sich nicht mehr mitzuteilen. Es verbindet die beiden nur noch der Fall, was drüber hinaus geht, kratzt an der Oberfläche. Nicht einmal ihre Wohnungen werden noch gezeigt. Das freie Wochenende ist mehr Bedrohung als die verdiente Erholung vom Alltagsstress. Sänger und Dellwo haben ein Verhältnis, das nur noch auf ihrer Profession basiert. Gemeinsame Bezugspunkte sind nicht mehr zu finden.
Auch die Hauptfiguren verbringen viel gemeinsame Zeit und agieren doch nebeneinander. Die verbleibende wenige Freizeit wird in Einsamkeit oder geschlossener Gesellschaft verbracht.

Frauenaffinität ohne Verklärung
tatort740-8Judith Angerbauer hat einen frauenaffinen Tatort geschrieben, der erfolgreiche Frauen zeigt. Sie gibt einen Blick hinter die glänzende Fassade, der zeigt, dass Erfolg einen teuren Preis haben kann. Deshalb werden diese Frauentypen nicht verklärt, sondern mit einer Menschlichkeit gezeichnet, in der die Einsamkeit dominiert. Von Titus Selge mit grauen und düsteren Bildern inszeniert, wird daraus ein Film, der aufzeigt, daß Karriere nur die eine Seite der Medaille ist.
Daß Eifersucht das Mordmotiv ist, ist schlüssig wie der ganze Film.
Bemerkenswert ist, daß nicht klischeehaft ein Umfeld von Werbegraphikern und Webdesignern dargestellt wird, sondern die im Fernsehen noch unverbrauchte Welt von Architekten.
Zu bemängeln ist, dass die baulich interessante Stadt Frankfurt zu wenig zu sehen ist.

„Architektur eines Todes“ ist ein guter Tatort, weil er ohne Aufgeregung eine Geschichte erzählt, die ein gängiges Motiv aufgreift und dramaturgisch sehr gut aufgebaut ist.

Auflösung
Anett Berger musste sterben, weil sie sie nicht von Sofia Martens trennen wollte. Über den Anrufbentworter hat Holger Martens erfahren, wo sich seine Nebenuhlerin befindet.

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus *hihi*
Kritiken: Doktor Mama, ChloevomSee, Tatort-Forum, Märkische Allgemeine, FAZ

(Bilder: HR/Bettina Müller)

Import – Export mit Augenschlitz

716. Tatort: Der tote Chinese (HR)

Ermittler: Hauptkommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki), Hauptkommissar Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf), Ina Springstub (Chrissy Schulz), Kommissariatsleiter Rudi Fromm (Peter Lerchbaumer), Staatsanwalt Dr. Scheer (Thomas Balou Martin), Pathologin Christiane von Basedow (Iris Böhm)

Nach einem Besäufnis mit tadschikischen Im- und Exporteur Nazarov (Kida Khodr Ramadan) wird der Geschäftsmann Toni Wang (Chike Chan) im Fitnessraum des Frankfurter Airporthotel tot aufgefunden. Der für den “Facility Management Partner” (Putzkolonne in Marbella) des Hotels schwarzarbeitende Wen Hai Wan (Chike Chan) sieht dem Toten sehr ähnlich und beraubt ihn seiner Papiere, so daß die Kommissare zunächst nicht wissen, wer der Tote ist. Mit Wangs Ticket will er in die USA zu Frau und Kind fliegen, kommt aber nicht weit, weil er von den Gangstern Richter (Andreas Schmidt) und Roetgen (Thorsten Merten) aufgehalten wird, die ihn für Wang halten.
Der Tadschike ist nicht “die kriminelle Arschloch von Kaukasus” sondern bekam von Wang einen Container mit Chinesen angeboten und weiß nicht wo “Augenschlitz” ist. Wangs Frau (Johanna Wokalek), die von den Machenschaften ihres Mannes nichts gewusst haben will. Der Tagunsleiter des Kongresses im Airporthotel, Hübner, (Matthias Brandt) will auch nichts vom Menschenhandel Wangs gewusst haben. Seine Assistentin, die Übersetzerin Min Li Sun (Mey Lan Chao) vermisst ihre Eltern. Kommissarin Sänger zeigt ihr eine Datei mit unbekannten, toten Chinesen. Sun entdeckt ihre Mutter.
Die Ganoven Richter und Roetgen entführen Wangs Frau, der falsche Wang dessen Sohn. Der falsche Wang wird inzwischen festgenommen und wird von Frau Wangs Entführern zur Lösegeldübergabe aufgefordert. Der Container wird entdeckt, die Ganoven verhaftet, der falsche Wang abgeschoben und die Übersetzerin Sun als Mörderin, die ihn als Unfall hinstellt, überführt.

Unter Hendrik Handloegten (Co-Autor: David Keller) entstand ein sehr stimmungsvoller Tatort. In der Hochglanz-Kulisse des Frankfurter Flughafens mit teilweise ganz hervorragenden Bildern wurde Menschenhandel thematisiert, ohne daraus mit erhobenen Zeigefinger ein moralbelastetes Stück zu machen. Der Humor war fein dosiert. Die Vorurteile wurden angesprochen (“Die Asiaten sind gennerell nicht leicht zu unterschieden”, “Das ist wie mit Platten von Bob Marley – kennst Du eine kennst Du alle”, “Augenschlitz”). Dazu die Warteschleifenmusik der Putzfirma in Marbella von Peter Cornelius


(Link: YouTube)

Sehr fein der Schluss, zu dem Dellwo eine Platte auflegt – und die knisternde Tatortmusik mit Abspann erfolgt.

Velleicht liegt’s an Asien – aber diese Tatorte (Die chinesische Methode und Fra Bu lacht) waren ebenfalls sehr gut.

Sopran hat live gebloggt. Ausführliche Informationen gibt’s im Tatort-Fundus.

Zu kritisieren sind die Ansetzungstermine der letzten vier und der kommenden zwei Tatorte. Jeweils zweimal Leipziger, Frankfurter und Tiroler Folgen sprechen nicht für ein glückliches Händchen.

Blind für Anfänger

In den letzten Tagen wurden zwei Filme gezeigt, in den die Hauptfiguren sehr sehgschädigt bzw. blind waren.

680. Tatort: Bevor es dunkel wird (HR)

Die Frankfurter Kommissare Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwoo (Jörg Schüttauf) müssen den Tod der alleinerziehenden HartzIV-Empfängerin Mechthild Stemmer, die ehrenamtlich für die Mittagstafel gearbeitet hat, aufklären. Sie wurde mit Zynkali vergifetet. Das war aber nicht, wie es die gespritze Orange am Anfang suggerierte, in Lebensmittel, sondern in ein Tampon gespritzt worden. (Wie kann man nur auf etwas ekliges kommen? Mir war wirklich kurze Zeit der Appetit verdorben). In Frage kamen ihr Ex-Mann (Oliver Breite), der in der Familie nur seinen Sohn (Frederick Lau) hinter sich weiß. Denn Tochter Vanessa (Karoline Schuch) steht auf Seiten der Mutter, Bruder Thimmy (Leonard Carow irgendwo in der Mitte. Dummerweise wird beim Ex Zyankali gefunden, was ihn spätestens jetzt zum Hauptverdächtigen macht.
Eebenfalls in der Verlosung ist der Leiter der Mittagstafel Jochen Bender (Fritz Karl) mit dem Mechthild liiert war. Doch war der dummerweise auch mit der Sponsorin der Mittagstafel Regina Schottmüller (Kirsten Block) zusammen. Die erwartet nicht nur ein Kind von ihm, sondern ist auch noch mit ihrer Schwägerin Ines (Marina Krogull) verkracht, weil sie sich nicht mit den Verkaufsplänen für das gemeinsame Sanitätsgeschäft einverstanden erklärt und von ihren Machenschaften weiß.
Zu guter letzt tappt sich noch Mechthilds Freundin Annegret Zimmer (Ina Weisse) durch den Film, die erblinden wird und nur noch einen Röhrenblick hat. Die hat früher für das Sanitätshaus Schottmüller gearbeitet, verlor aber wegen der Skrupellosigkeit durch ihre Chefin Regina Schottmüller ihr Baby und den Job. Nach langen Jahren der Schmach wolte Annegret Regina. Das vorgesehene Tampon verlieh Regina an die unschuldige Mechthild.
Daneben wird dem Assistenten Jan Gröner (Sascha Göpel) viel Raum eingeräumt, der innerhalb von 90 Minuten vom schnöseligen Porschefahrer zum Privatinsolventen, der im Dienst seine schicke Kaffeemaschine veräußern will (der eingeweihte Leiter der Mordkommission Fromm (Peter Lerchbaumer) erbarmt sich am Ende), mutiert. Die andere Zuarbeiterin Ina Springstub (Chrissy Schulz) ist für eine alleinerziehende Halbtagskraft erstaunlich präsent. Vielleicht ist das ein Grund, warum die Kommissarin Sänger diesmal nicht gar so erschüttert in den Abgründe Frankfurts wühlen muss, während Dellwoo sein junges Glück genießt und sich eine Lesebrille anschaffen muss.

Vielleicht hat die Autorin Henriette Piper den gut simulierten Röhrenblick ihrer Mörderin, als sie diese geschichte schrieb. Den das war bis jetzt die schwächste Frankfurter Folge. Zu Gute halten muss man ihr, daß sie die Kommissarin Sänger nicht allzu verzweifelt ermitteln ließ.
Hervorragend dezent und für mich fast unkenntlich war unter der Regie von Martin Enlen Fritz Karl als Jochen Bender. Er sah zwar aus wie Nikolaus Brender, aber das tat seiner guten Darstellung keinen Abbruch. Ina Weisse als erblindende Mörderin hat mich nicht wirklich überzeugt. Für jemanden, der sich mit immer schlechter werden Augen durch eine Großstadt bewegen muss, bewegte sie sich erstunlich sicher durch den Großstadtdschungel. Ich durfte mit einer Simulationsbrille zwei Stunden durch eine fremde Stadt laufen. Wahrlich kein Vergnügen…

Mehr Informationen zum Tatort gibt’s im Fundus, weitere Meinungen bei sopran, Fielitz und im Tatort-Forum.

FilmMittwoch: Der Novembermann (WDR)

Lena (Barbara Auer), die Frau des Pastors Hermann Drömer (Burghart Klaußner), fährt im November zum Ausspannen alleine in die Toskana. Der Pastor erfährt, daß sie auf ihrer Reise in einem Bus bei Bremen ums Leben gekommen ist. Er kann sich nicht erklären, was sie in Bremen gemacht hat und gibt sich auf ihre geheimnisvolle Spur und landet bei Henry – was für ein Name für einen blinden Fotografen! – Lichtfeld (Götz George), der auf Sylt lebt. Henry verbringt sein Leben klavierspielend und zehrt von Lenas Besuchen im November. Ansonsten ist sein einziger Kontakt zur Außenwelt die Klavierschülerin Nico (Henriette Confurius). Der Pastor versucht sich inkognito an Henry heranzutasten um herauszufinden, was seine Fau immer wieder zu ihm getrieben hat. Er verpasst sich beim Blick auf den Kühlschrank Bauknecht. Er bemerkt, wie sehr sich seine Frau und er im Laufe der Zeit voneinander entfernt haben, und er trotz “heißer Milch und Kekse nachts um 2″, die intensivsten Momente der Beziehung, eigentlich nur für seine Gemeinde gelebt hat. Für seine Tochter Susanne (Bernadette Heerwagen) und seine Enkelin Leonie (Charlotte Lüder) hat er auch nur wenig Geist. Der verschrobene und nach außen raue Henry zeigt Bauknecht, was im Leben wichtig ist. Leibe, Leidenschaft, usw. Als Henry merkt, daß Lena nicht kommen wird, will er sich in der Badewanne vergiften. Der Pastor beschließt, ihn ans Grab seiner Frau zu führen.
Gemeinsam überführen sie ihre Urne (sind Feuerbestattungen unter den Evangelen üblich?) in den hohen Norden und verteilen ihre Asche gemeinsam in der Nordsee.

Unter der Regie von Jobst Christian Oetzmann ist kein grandioser Film (Buch: Magnus Vattrodt) entstanden. Allerdings tragen Götz George, der aus dem blinden Fotografen vielleicht noch mehr herausgeholt hätte, und Burghart durch ihre unaufgeregte Darstellung diese Geschichte, die so einige Haken hat. Woher die Tochter weiß, wo sich ihr Vater aufhält, wir nicht klar. Auch den Schluss mit der Urne bot sich dramaturgisch an, war aber ansonsten wirklich daneben.

Was bleibt?
Solche elementare Einschränkungen wie eine Sehbehinderung oder gar Blindheit wirklich gut darzustellen, ist wirklich schwer. Götz George ist das in meinen Augen (sic!) recht gelungen, Ina Weisse nicht so sehr. Georges Blicke, die ins Leere wanderten und die erschwerte Orientierung waren eindrucksvoll. Das sichere Holpern mit Sonnenbrille und Langstock im Tatort waren dagegen wenig überzeugend.

(Bilder: ARD/HR, ARD/WDR)

“Es geht Dich nix an.”

676. Tatort: Unter uns (HR)

Gegenstand dieses Tatorts mit dem Frankfurter Ermittlerduo Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwoo (Jörg Schüttauf) sind zwei Handlungsstränge. Zunächst steht eine Geiselnahme im Arbeitsamt im Blickpunkt. Der arbeitslose Klempnermeister Wolfgang Kunert (Michael Brandner) verliert nach vierstündiger Wartezeit bei seiner Vermittlerin Heide Ganz (Lena Stolze) die Nerven, bringt sie in seine Gewalt und schießt einen Kollegen nieder, der dem Schuss erliegt. Seine Frau Karin (Franziska Walser) will sich sich von ihm scheiden lassen. Nach einer Nacht in Kunerst Gewalt entkommt die Sachbearbeiterin. Seine Frau, von der er sich entfremdet hat, die ihn aber immer noch liebt, bringt die Kommissare auf die richtige Spur. Im Palmengarten kommt es zum Showdown. Umringt vom SEK sieht er keinen Ausweg mehr und setzt seinem Leben ein Ende.
Dazu menschelt es im Revier. der übereifrige Assistent Gröner (Sascha Göpel) wird zurückgepfiffen, der seltsame Staatsanwalt Dr. Scheer (Thomas Balou Martin) zeigt sich sehr nett und schmeißt eine Runde Pizza, die Assistentin Springstub (Chrissy Schulz) zeigt ihr Baby vor, und der Leiter der Mordkommission Fromm (Peter Lerchbaumer) hält den Laden zusammen.
Parallel dazu führt das in Charlottes und Fritz’ Nachbarschaft gezogene achtjährige Mädchen Mädchen Ronja (Charlotte Lüder) auf eine Familientragödie. Ronja will gesehen haben, wie ein Mädchen aus dem Fenster der der Winterbergs (Susanne-Marie Wrage und Stefan Jürgens) einen Ball geschmissen hat. Niemand glaubt ihr zunächst, weder ihre Mutter (Ulrike Krumbiegel) noch die Kommissare. Das Fenster ist mit schwarzer Folie abgedeckt. Bei den Ermittlungen im Arbeitsamt findet die Kommissarin heraus, daß es neben den zwei jugendlichen Söhnen auch noch eine achtjährige Tochter geben muss. In der Eckkneipe streitet und küsst sich das Ehepaar Winterberg, das Hartz-IV-Prekariat lebt seinen Niedergang aus.
Nachforschungen ergeben, daß Lena einen Kindergarten besucht und anderthalb Jahre im Heim gelebt hat, weil die Eltern überfordert waren.
Am Ende wird in dem abgedunkelten Zimmer ein fast verhungertes Mädchen gefunden, das nur knapp dem Tod entronnen ist. Die Tapete ist an verschiedenen Stellen heruntergerissen, der Teppich ist zerfusselt. In ihrem Magen werden Tapetenreste, Teppichfussel und Haare gefunden. Während des Verhörs sagen die Eltern Sätze wie “Sie war wie ‘n Hund – so anhänglich”, Sie war nicht vorzeigbar”, “Sie hat alles kaputtgemacht, sogar den Teppich. Sie hat die Wand abgekratzt”.

Sehr schnell zeigt sich, daß die Geiselnahme nur Geplänkel ist. Die Kindsverwahrlosung steht im Vordergrund. Sehr beklemmend wird das nachbarschaftliche Desinteresse (“Es geht dich nix an.”) dargestellt. Parellelen zu Jessica, Kevin und anderen Auf traurige Weise bekannt gewordenen Kindern werden sichtbar (die ihr Martyrium nicht überlebt haben) werden offensichtlich und sind gewollt.
Die Autorin Katrin Buhlig und die Regisseurin Margarethe von Trotta wollen mit diesem Tatort gegen das Wegschauen, Ignorieren und Gleichgültigkeit angehen.
Das gelingt ihnen, denn die Bilder sind eindrucksvoll, ebenso die darstellerischen Leistungen.
Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Folgen Schwächen hat. Die Kindesmisshandlung hätte komplett 90 Minuten füllen können, die Abgründe hätten dadurch mehr Raum bekommen. Die Geiselnahme wirkte in dem Konzext sehr aufgesetzt und wenig durchdacht. Daß eine Geschichte mit gesellschaftlichen Kontext alleine eine Folge tragen kann, wurde vor einigen Jahren mit “Herzversagen” nachgewiesen.

Das ändert aber nichts daran, daß gestern abend ein außergewöhnlicher Tatort gezeigt wurde – in meinen Augen der bisher beste in diesem Jahr.

Wie immer gibt es umfassende Informationen zu dieser Folge im Fundus. Meinungen gibt’s bei Sopran, Fielitz und im Tatort-Forum.

(Bild: ARD / HR)