Schwabing leuchtet und rollt

Am vergangenen Samstag hat sich ein kleiner Kindheitstraum erfüllt. Unweit der Münchner Freiheit großgeworden habe ich in der Leopoldstraße immer eine Trambahn vermisst. Bilder aus alten Zeiten steigerten den Wunsch und erzeugten Unverständnis über die Entscheidung, die Trambahn aus dem Schwabinger Boulevard zu entfernen. Ich habe immer alle beneidet, die eine Straßenbahn vor der eigenen Haustür hatten. Ich hatte das nur zweitweise, wenn ich meine Großeltern besucht habe; die Haltestelle trägt den fast schon romantisch anmutenden Namen Wiesenweg.

Als ich vor 15 Jahren aus Schwabing wegzog, konnte ich mir nicht vorstellen, daß jemals wieder eine Straßenbahn über die Leopoldstraße rollen würde. Die Stimmung sprach auch nicht dafür, weil selbst eine Busspur für den Kommunalwahlampf 1994 mit dem Slogan “Freiheit für Leopldstraße” instrumentalisiert wurde. Die SPD machte nicht den Eindruck, den nötigen Mumm zu besitzen, die CSU gab sich redlich Mühe, Horrorszenarien für die Autofahrer zu heraufzubeschwören.

Als die Pläne für die Parkstadt veröffentlich wurden, war auch eine Trambahnstrecke enthalten. Zur Münchner Freiheit! Daß diese Pläne in die Realität umgesetzt würden, konnte ich nur schwer glauben. Es wurden während der ersten Ude-Periode zwei Strecken wieder neu aufgebaut, aber danach kehrte Ruhe ein. Den Zorn seiner Schwabinger Genossen befürchtend wurden auch sehr schnell Ideen einer Strecke durch die Herzogstraße begraben. Aber die Anbindung des Neubaugebiets war versprochen und wesentlicher Teil der Pläne, so daß vor zwei Jahren mit den Bauarbeiten begonnen wurde.
Entgegen Münchner Gepflogenheiten gelang es sogar, für die Linie 23 zwei architektonische Lichtblicke zu errichten: die Tragseilbrücke über den Mittleren Riing und das neue Dach für die Münchner Freiheit (entworefn von Marcin Orawiec).

An der Eröffnung konnte ich nicht teilnehmen, weil ich tagsüber nicht in München war.
Es war ein komisches Gefühl, als ich am Sonntag nachmittag in die volle Trambahn in der Tropfsteinhöhle einsteig. Als sie in die Leopoldstraße abbog, lief es mir eiskalt den Rücken herunter. Wie ein kleines Kind freute ich mich, den Turm meiner bildenden Anstalt von der Trambahn aus zu sehen. Selbst der für mich traumatischen Morawitzkyhalle konnte ich ein Lächeln abgewinnen.
Zweimal habe ich, mit vielen anderen Neugierigen, die Fahrt wiederholt.

Weitere Impressionen von der Eröffnung gibt es bei den Tramgeschichten ([1], [2], [3], [4]), Walter, im Eisenbahnforum und sogar aus dem entfernten Neuperlach. Die Münchner Blätter Münchner Merkur, Abendzeitung, tz und Süddeutsche Zeitung waren auch vor Ort.

(Bilder: Mit freundlicher Genehmigung von Daniel Schuhmann/Tramgeschichten [2], [3], [e])

2 Responses to “Schwabing leuchtet und rollt”


  • Der Neuperlach-Bezug ergibt sich daraus, dass dort die letzte Münchner Trambahnneubaustrecke eröffnet wurde. Vor schlappen 36 Jahren. :)

  • Man kann ja hoffen, dass es jetzt ja schneller geht und nächstes Jahr die Tram nach St.Emmeram gebaut wird, die vor schlappen 36 Jahren auch schon baureif war. Es hat immerhin 20 Jahre gedauert, bis die weltweite Renaissance der Tram auch wirklich in München ankam.

Leave a Reply