Wahlsonntag

Die Sonne scheint. Schon seit einigen Stunden. Ich könnte doch endlich mal auf die Wiesn gehen.
Nein, kann ich nicht. Denn ich muss arbeiten. Und: wählen!
Zwei Pflichttermine, von denen der eine wesentlich kürzer, aber dennoch folgenreicher war als der andere.

Vielleicht war es Vorsehung, daß uns unser Spaziergang an den Westfriedhof führte. Es gab viele Fragen über Tod, Vergänglichkeit und Reinkarnation. Sanitätsräte gibt es heute auch nicht mehr.
Der Rückweg führte uns über die Borstei.

Dem Gruppenältesten haben wir einen Fernsehabend versprochen. Er darf Wahl gucken. Auf welchem Sender die Sendung denn käme.
“ARD, ZDF, Bayerisches Fernsehen, …”
“Auch auf RTL?”
“Hm, wohl eher weniger. Aber dafür auch auf Sat.1, N24 und auf Phoenix!”
9 Live war in meiner begeisterungsfähigen Aufzählung nicht dabei.

Was denn eine große Koalition sie, wurde ich gefragt. Möglichst wertneutral versuchte ich das bevorstehenden Desaster darzustellen.

Nach dem Küchendienst und der drriten Hochrechnung wurde der Fernseher eingeschaltet.
Die letzte per Luafband eingebledente Hochrechnung sorgte für Schweigen, was selbst den Gruppenältesten irritierte. Die diensthabenden Betreuer erörterten kurz das Desaster in Schwarz-Gelb.

Horst Seehofer spricht mit gequältem Gesichtsausdruck. Dennoch Beifall in der CSU-Zentrale. Ebenso frenetischer Beifall im Wohnzimmer, als ob Dieter Bohlen einen dummen Spruch von sich gegeben hätte. Marianne und Michael wären auf einmal sehr leicht zu ertragen gewesen. Arbeiten im Bereich mit Menschen mit geistiger Behinderung bedeutet auch zu akzeptieren, daß sie nach Seehofers Worten klatschen. Sie klatschen auch bei Merkel und Profalla. Der Abend beginnt wirklich niederschmetternd zu werden. Warum der gelbe Triumph in dem Moment nicht gezeigt wird, ist ebenso schleierhaft wie erleichternd. Hätte die SPD gewonnen, hätte das Wohnzimmer-Publikum auch geklatscht.
Schwacher Trost.

Der Gruppenälteste fordert seine Internet-Minuten ein.

Einer der Jugendlichen will “Mensch ärgere Dich nicht” spielen. Er verliert haushoch.
Irgendwo muss der Frust raus.

2 Responses to “Wahlsonntag”


  • “Arbeiten im Bereich mit Menschen mit geistiger Behinderung bedeutet auch zu akzeptieren, daß sie nach Seehofers Worten klatschen.”

    Auch wenn ich mit Dir politisch nicht ganz kohärent gehe den Spruch find ich echt köstlich, weil so super bööhhse…

  • Ja, der Spruch ist böse, aber gut. Wenn man einen Preis für die größtmögliche Verletzung der political correctness vergeben würde, hätte dieser Spruch ihn ganz klar verdient.

    Man kann natürlich alles mögliche ihn ihn reininterpretieren (in alle denkbaren Richtungen). Wenn man es boshaft darauf anlegt, kann man ihn auch als Angriff auf Menschen mit geistiger Behinderung sehen. Das Gegenteil dürfte aber der Fall sein. Die Attacke gilt ausschließlich Seehofer und seiner CSU.

Leave a Reply