676. Tatort: Unter uns (HR)
Gegenstand dieses Tatorts mit dem Frankfurter Ermittlerduo Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwoo (Jörg Schüttauf) sind zwei Handlungsstränge. Zunächst steht eine Geiselnahme im Arbeitsamt im Blickpunkt. Der arbeitslose Klempnermeister Wolfgang Kunert (Michael Brandner) verliert nach vierstündiger Wartezeit bei seiner Vermittlerin Heide Ganz (Lena Stolze) die Nerven, bringt sie in seine Gewalt und schießt einen Kollegen nieder, der dem Schuss erliegt. Seine Frau Karin (Franziska Walser) will sich sich von ihm scheiden lassen. Nach einer Nacht in Kunerst Gewalt entkommt die Sachbearbeiterin. Seine Frau, von der er sich entfremdet hat, die ihn aber immer noch liebt, bringt die Kommissare auf die richtige Spur. Im Palmengarten kommt es zum Showdown. Umringt vom SEK sieht er keinen Ausweg mehr und setzt seinem Leben ein Ende.
Dazu menschelt es im Revier. der übereifrige Assistent Gröner (Sascha Göpel) wird zurückgepfiffen, der seltsame Staatsanwalt Dr. Scheer (Thomas Balou Martin) zeigt sich sehr nett und schmeißt eine Runde Pizza, die Assistentin Springstub (Chrissy Schulz) zeigt ihr Baby vor, und der Leiter der Mordkommission Fromm (Peter Lerchbaumer) hält den Laden zusammen.
Parallel dazu führt das in Charlottes und Fritz’ Nachbarschaft gezogene achtjährige Mädchen Mädchen Ronja (Charlotte Lüder) auf eine Familientragödie. Ronja will gesehen haben, wie ein Mädchen aus dem Fenster der der Winterbergs (Susanne-Marie Wrage und Stefan Jürgens) einen Ball geschmissen hat. Niemand glaubt ihr zunächst, weder ihre Mutter (Ulrike Krumbiegel) noch die Kommissare. Das Fenster ist mit schwarzer Folie abgedeckt. Bei den Ermittlungen im Arbeitsamt findet die Kommissarin heraus, daß es neben den zwei jugendlichen Söhnen auch noch eine achtjährige Tochter geben muss. In der Eckkneipe streitet und küsst sich das Ehepaar Winterberg, das Hartz-IV-Prekariat lebt seinen Niedergang aus.
Nachforschungen ergeben, daß Lena einen Kindergarten besucht und anderthalb Jahre im Heim gelebt hat, weil die Eltern überfordert waren.
Am Ende wird in dem abgedunkelten Zimmer ein fast verhungertes Mädchen gefunden, das nur knapp dem Tod entronnen ist. Die Tapete ist an verschiedenen Stellen heruntergerissen, der Teppich ist zerfusselt. In ihrem Magen werden Tapetenreste, Teppichfussel und Haare gefunden. Während des Verhörs sagen die Eltern Sätze wie “Sie war wie ‘n Hund – so anhänglich”, Sie war nicht vorzeigbar”, “Sie hat alles kaputtgemacht, sogar den Teppich. Sie hat die Wand abgekratzt”.
Sehr schnell zeigt sich, daß die Geiselnahme nur Geplänkel ist. Die Kindsverwahrlosung steht im Vordergrund. Sehr beklemmend wird das nachbarschaftliche Desinteresse (“Es geht dich nix an.”) dargestellt. Parellelen zu Jessica, Kevin und anderen Auf traurige Weise bekannt gewordenen Kindern werden sichtbar (die ihr Martyrium nicht überlebt haben) werden offensichtlich und sind gewollt.
Die Autorin Katrin Buhlig und die Regisseurin Margarethe von Trotta wollen mit diesem Tatort gegen das Wegschauen, Ignorieren und Gleichgültigkeit angehen.
Das gelingt ihnen, denn die Bilder sind eindrucksvoll, ebenso die darstellerischen Leistungen.
Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Folgen Schwächen hat. Die Kindesmisshandlung hätte komplett 90 Minuten füllen können, die Abgründe hätten dadurch mehr Raum bekommen. Die Geiselnahme wirkte in dem Konzext sehr aufgesetzt und wenig durchdacht. Daß eine Geschichte mit gesellschaftlichen Kontext alleine eine Folge tragen kann, wurde vor einigen Jahren mit “Herzversagen” nachgewiesen.
Das ändert aber nichts daran, daß gestern abend ein außergewöhnlicher Tatort gezeigt wurde – in meinen Augen der bisher beste in diesem Jahr.
Wie immer gibt es umfassende Informationen zu dieser Folge im Fundus. Meinungen gibt’s bei Sopran, Fielitz und im Tatort-Forum.
(Bild: ARD / HR)

er war wirklich einer der besten.
weilauch wenn ich danach nur schlecht geschlafen habe…Irgendwie machst du mich langsam zum Tatort-Gucker, habe ich ihn doch jahrzehntelang gar nicht leiden können. Am Sonntag hab ich auch geschaut und kann mich deinem Urteil nur anschließen.
Ich finde es allerdings nicht unbedingt eine Schwäche des Films, dass die Kindesmisshandlung eher aus einem Nebenschauplatz ins Hauptinteresse rückt. Denn letztlich kommen die meisten Kindesmisshandlungen auf genau diese Weise heraus. Das ist also eine vergleichsweise authentisch erzählte Handlung. Denn die Kommissarin hat es ja auch jahrelang nicht bemerkt.
PS: Morgen kommt Zorro
Ich finde es allerdings nicht unbedingt eine Schwäche des Films, dass die Kindesmisshandlung eher aus einem Nebenschauplatz ins Hauptinteresse rückt.
Es nicht zwingend eine Schwäche, aber die Geiselnahme war dramaturgisch arg dürftig – trotz der guten Darsteller!
Was ich in der Rezension verschwiegen habe: ich bin ein unheimlicher Fan von Andrea Sawatzki (acuh wenn mir ihre Charlotte Sänger allmählich zu stereotyp wird).
Wo kommt denn der Zorro morgen?
Aber ich werde ihn nicht gucken können, weil ich morgen abend im Stadion (Länderspiel!) bin.
Du siehst ihn eh nicht, er kommt nur an meinen Schreibtisch für PC-Support
Dann sag ihm mal, er soll Panne-Hanne locker machen (und nix mit dieser doofen Kathy anfangen!)…