Monthly Archive for März, 2010

Erfolg ohne Sekretärin

Wahrscheinlich gehört er in die Riege der Weltmeister, die nur deshalb Trainer geworden sind, weil dieser Titelgewinn alles überstrahlt.

Es gibt auch nur wenige Weltmeister, die als Trainer über längeren Zeitraum erfolgreich waren. Über allen steht natürlich Franz Beckenbauer, der neben dem Brasilianer Mario Zagallo als einziger sowohl als Spieler als auch Trainer – im deutschen Fall als Teamchef – den Weltpokal ins Heimatland holen konnte. In Marseille lernte er dafür Fisch hassen. Schaut man etwas herab, kommt man auf fatale Weise um Berti Vogts nicht herum, der immerhin als Trainer Europameister, aber ansonsten nicht glücklich wurde. Dafür freut er sich, mit Aserbaidschan wieder gegen Deutschland spielen zu dürfen. Blickt man über den Niederrheiner hinweg, sieht es finster aus. Vor allem, wenn man auf die letzten Weltmeister schaut. Jürgen Kohler quittierte vor anderthalb Jahren seinen Dienst beim VfR Aalen, Andreas Brehme erlitt zweimal Schiffbruch, Guido Buchwald erlebte in der 2. Liga nur eine halbe Saison, und Pierre Littbarski verdingt sich in Liechtenstein. Über Matthäus’ Erfolge als Trainer ist schon genug gespottet worden, und Olaf Thon tritt im Sommer seine erste Stelle beim VfB Hüls in der 6. Liga an. Provinz und Exotik, wohin man blickt. Thomas Hässler und Rudi Völler, wie später auch der schon genannte Beckenbauer, haben sich für die Rolle des Vereinsmaskottchens entschieden.

Dagegen war Klaus Augenthaler noch relativ erfolgreich. Daß er in Graz war, wurde dank Hape Kerkeling von Mehreren wahrgenommen. Vielleicht seine größte Leistung, weil er damit bewies, daß man das Geschäft nicht zu ernst nehmen darf. Den 1. FC Nürnberg führte er, als einer von vielen, in die Bundesliga und verkündete nach seiner Entlassung, ins Rathaus zu fahren, um sich “die Tapferkeitsmedaille für drei Jahre Nürnberg” abzuholen. In Leverkusen ließ er erfolgreich gegen Real Madrid spielen, was man, wie wir heute wissen, auch nicht euphorisch betrachten darf. In Wolfsburg ebnete er Felix Magath den Weg zu kurzen Pressekonferenzen.
Daß er als Trainer wirklich mal gefragt sein würde, konnte man sich nicht vorstellen, weil er sich bei seinem Debüt auf der Trainerbank im Profifußball nicht mit Ruhm bekleckert hat. Im letzten und für beide Vereine bedeutungslosen Spiel des FC Bayern, bei dem er die erkrankte Lichtgestalt vertrat, gegen Fortuna Düsseldorf wechselte er eine vierten Spieler ein und beklagte sich darüber, keine Sekretärin zur Verfügung zu haben.

Zweieinhalb nach seiner Entlassung in Wolfsburg ist er in den Profizirkus zurückgekehrt. Es ist zwar nur Unterhaching, wo er einen Freundschaftsdienst erledigt. Im Gegensatz zu anderen Trainern erlag er nicht der medienträchtigen Versuchung, sich publikumswirksam auf den Tribünen der großen Stadien zu inszenieren. Das Fischen in heimischen Gewässern genügte dem passionierten Angler wohl vollkommen. Das ist nicht der schlechteste Weg.
Mirko Slomka wird das seit einigen Wochen nachvollziehen können.

Für manche Erkenntnisse benötigt man weder Manager noch Sekretärin.

Das Fernsehen kommt (2): Das Casting

Nach einigen Telefonaten mit dem zuständigen Redakteur der Produktionsgesellschaft stand fest, daß sie es ernst meinen. Ich soll in den eigenen vier Wänden gecastet werden. Eine Herausforderung in doppelter Hinsicht. Ich muss vor einer Kamera für alle Verständliches herausbringen, und das in meiner Wohnung, die nicht durch Ordnung glänzt.
Natürlich klingelt das Telefon schon etwa anderthalb Stunden vor dem vereinbarten Termin. Ob er denn früher kommen könne, weil er gerade in der Nähe sei. Ja, ja. Die Wohnung ist noch nicht wirklich vorzeigbar, aber was soll’s? Bepackt wie ein Esel arbeitet sich der Fernsehmensch durch den Hinterhof. Zum Glück für ihn wohne ich im ersten Stock. Auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen muss gespart werden.
Der von mir angebotene Kaffee lässt anfängliche Hemmungen beiderseits schnell vergessen. So kann ich auch darüber hinwegsehen, daß er lieber im langen Flur als in der von mir favorisierten Küche drehen will. Die noch nicht entsorgte Altpapiersammlung stört ihn nicht. Die Kiste, mit der ich meinen iMac heimgeschleppt habe, wünscht er als Kulisse. Ein Stuhl wird im Flur aufgestellt. Ich soll noch ein paar Röcke aus dem Kleiderschrank ziehen, damit die Redaktion sich ein beseres BIld machen kann.
Zwischenzeitlich unterschreibe ich noch zwei Zettel, in den ich versichere, daß ich während der Sendung keine Hosen trage und mich damit einverstanden erkläre, sowohl bei Big Brother aufzutreten, als auch nie öffentlich über Dieter Bohlen herzuziehen. Ich glaube, das stand im Kleingedruckten, daß ich vor lauter Aufregung nur quergelesen habe. Im Lesbaren stand nix, was ich nicht garantieren könnte.
Nach einigen Erklärungen heißt es es “Licht aus! Spot an!”.
Mir werden einige Fragen gestellt, und ich bin erstaunt, wie schnell ich, ohne zu stoibern, ins Reden komme. Nach zehn Minuten ist das Gespräch vor grellem Licht und großem Objektiv beendet. Auf Wunsch der Redaktion des Senders musst ich noch etwas Unsinn erzählen. Aber das kann ich bekanntlich ganz gut.
Nach einer Stunde baut der freundliche und umgängliche Herr sein Equipment wieder ab. Er bedankt sich für “den besten Kaffee der letzten drei Wochen” und verlässt meine Wohnung.

Ich habe mich wohl nicht vollkommen intelegen verhalten. Einige Tage kam die endgültige Zusage für die Sendung.
Fortsetzung folgt also…

(1): Die E-Mail

Froschkönige und graue Mäuse

759. Tatort: Kaltes Herz (WDR; EA: 21.03.2010)

Ermittler: Hauptkommissar Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), Hauptkommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär), Sekretärin Franziska Lüttgenjohann (Tessa Mittelstaedt), Gerichtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch), Staatsanwalt von Prinz (Christian Tasche)
Figuren: Stefanie Karstmann (Miriam Horwitz), Michael Donker (Christian Blümel), Matthias Hellwig (Charly Hübner), Bernd Kampnagel (Falk Rockstroh), Tanja Küppers (Dagmar Leesch), Axel Küppers (Thomas Lawinky), Jenny Wande (Isolda Dychauk)
Drehbuch: Peter Dommaschk und Ralf Leuther; Regie: Thomas Jauch

Es bedarf keiner großer Phantasie, ein Drehbuch über die soziale Verwahrlosung eines Kindes zu schreiben. Traurige, reale Vorlagen gab es in den letzten Jahren zuhauf. Etwas Feingefühl ist notwendig, daraus kein emotionales Minenfeld zu machen, das sich in Klischees suhlt. Und in speziell in Köln muss man darauf achten, dem Ballauf nicht schon wieder eine verflossene Liebe anzudichten. Das ist den Autoren Peter Dommaschk und Ralf Leuther teilweise gelungen.
Eine 20-jährige Mutter, die ihr Kind vernachlässigt, zu einer der Hauptfigurfen zu machen, ist nicht besonders angenehm, aber leider auch nicht an den Haaren herbeigezogen. Daß das Kind aus der heimischen Wohnung entführt wurde, irritiert ein ein wenig, passt aber dramaturgisch zum Tod des Jugendamtmitarbeiters, der in ihrer Wohnung erschlagen wurde. Dazu gesellt man eine Familie, die sich auf ihrem Bauernhof um gestrandete und von seelischer Behinderung gezeichnete Kinder und Jugendliche kümmert, die sie vom Jugendamt zugewiesen bekommt. Es ist nicht die Regel, aber daß das auch ein Geschäft für Pflegefamilien sein kann, ist nicht völlig abwegig. Arg klischeehaft ist der verdächtige Sozialarbeiter aus dem Jugendamt dargestellt, der als graue Maus den Amtsschimmel laut wiehern lässt.
Daraus Schiebung im Amt zu konstruieren, ist für diesen Bereich neu, aber angesichts der immer wieder vorgegebenen Einsparungen, die notwendige Fremdunterbringungen verhindern, ein interessanter Aspekt.
Die Kommissare dürfen sich dabei als Froschkönige für ihre schwangere Kollegin betätigen, die sich während des Karnevals von einem unbekannten Frosch küssen ließ. Väterliche Facettten zeigen sie, als sie ihre Kollegin nach dem verlorenen Kind in den Arm nehmen.
So kam nach längerem wieder ein akzeptabler Kölner Tatort raus, der nicht den Pfiff frührerer Tage hatte, aber nach den arg drögen Folgen der letzten zwei Jahre die Hoffnung weckt, daß die Talsohle durchschritten ist. (6/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz, Marcus Kästner, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

(Bild: WDR/Uwe Stratmann)

Panis ante portas

Das Café Reichshof in der Wörthstraße ist seit seit zwei Monaten Geschichte. Eine der wenigen Bäckereien im Viertel, in denen noch selbst gebacken wurde, hat geschlossen. Das Backen als Handwerk schätzend habe ich dort so gut wie nie eingekauft, weil mich weder Brot noch Semmeln überzeugt haben. Die Eltern im Bekanntenkreis erwähnten nur die Stangerl, die sie für ihre KInder einkauften.
Daß nix Besseres nachkommt, bewahrheitet sich zum Glück nicht. Denn die Feinbäckerei Neulinger, bisher in der Neuhauser Volkartstraße ansässig, eröffnet im schönen Eckhaus zur Metzstraße eine Filiale. Nicht nur das, es wird vor Ort gebacken. Die Konditoreierzeugnisse werden zukünftig in Haidhausen gebacken, das Alltagsgebäck kommt weiterhin aus Neuhausen. Derzeit wird dort mit viel Liebe zum Detail renoviert. Der Jahrzehnte lang verbaute Stuck wird freigelegt.
Ich behaupte mal, daß unser schönes Viertel bald auch anständiges Brot zu bieten hat. Als Pendler zwischen Neu- und Haidhausen weiß ich, wovon ich spreche. Wer seinen Appetit anregen will, dem sei die Kritik der Neuhauser Schnuppensuppe empfohlen, bevor der Neulinger am 13. April in der Wörthstraße 17 seine Pforten öffnet. Im großzügigen Cafébereich wird man zum guten Dinzler-Kaffee die feinen Sachen verspeisen können.

Aufgeblasen

758. Tatort: Absturz (MDR; EA: 14.03.2010)

Ermittler: Hauptkommissarin Eva Saalfeld (Simone Thomalla), Hauptkommissar Andreas Keppler (Martin Wuttke), Kriminaltechniker Wolfgang Menzel (Maxim Mehmet), Rechtsmediziner Reichau (Kai Schumann)
Figuren: Christian Peintner (Matthias Brandt), Thomas Arendt (Jan Hendrik Stahlberg), Katharina Conze (Judith Engel), Barbara Arendt (Anett Heilfort), Heinz Lienhardt (Klaus Manchen), Carsten Schreiber (Axel Wandtke), Frank Lienhardt (Antoine Monot, jr.), Roland Conze (Bruno F. Apitz), Lukas Saalfeld (Joel Eisenblätter), Emil Peintner (Paul Zerbst), Justin Arendt (Gustav Reutter), Inge Saalfeld (Swetlana Schönfeld)
Drehbuch: André Georgi; Drehbuch: Torsten C. Fischer

“Blas Dich nicht so auf”, wirft die Kommissarin ihrem Kollegen vor, der ein wenig eingeschnappt auf ihre Alleingänge reagiert. Ein durchaus sinnbildlicher Satz für diesen Tatort, der an Langeweile kaum zu überbieten war.
Justin Arendt, der Freund ihres Neffen Lukas, kommt bei einer Flugschau ums Leben. Alle haben sie irgendwie Dreck am Stecken. Zuerst der Pilot (nicht schlecht: Jan Hendrik Stahlberg), dessen Flugezeug nicht hochkam, wovor er gewarnt worden sein soll. Der Veranstalter der Veranstaltung, die Flugaufsicht.
Dummerweise goibt es aber auch noch eine Großbaustelle in Leipzig, nämlich den City-Tunnel. Dort wird Roland Conze tot aufgefunden. Verdächtig ist der Vater, der von einem sehr emotionalen Matthias Brandt dargestellt wird, des toten Jungen, der für dieses Baulos als Architekt verantwortlich ist. Aber letztlich ist es ein Streit unter Brüdern, der langamtig inszeniert wird. Dabei darf eine Kindesentführung als Abschluss nicht fehlen.
Ist dem Autor mit “Der glückliche Tod” ein hervorragender Tatort gelungen, ist dieser vollkommen missraten. Die Umsetzung plätschert dahin, und das minenarme Spiel der Simone Thomalla macht diese Folge noch unverdaulicher.
(2/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz, Marcus Kästner, Tittelbach.tv, Tatort-Forum

(Bild: MDR/Junghans)

Das Fernsehen kommt (1): Die E-Mail

Ich pflege meine diversen E-Mail-Accounts nicht. Ich weiß nicht einmal, wie viele ich habe. Ich lösche, wenn ich dann mal den einen oder anderen Zugang aufrufe, die eine oder andere Nachricht. Ist Spam.
Dadruch versäume ich schon mal eine EInladung zu einem Fest, von dem man mir dann Wochen später berichtet. Die Erzählungen münden alle in der Frage: “Und wo warst Du eigentlich?” Ich antworte etwas undeutlich. Arbeit und so. Dafür bringen dann auch fast alle Verständnis auf. Ob es echt ist, oder einfach nur Resignation, weiß ich nicht.

Und manchmal stößt man auf E-Mails von Absendern, die so absurd klingen, daß man sie sofort lesen muss.

Da ich noch nichts gehört habe, versuche ich es jetzt über diesen Kontakt und hoffe erfolgreich zu sein.

Wieder diese Nummer.
Einerseits schäme ich mich, andererseits bin ich genervt. Schon wieder ich.
Ich habe diese Anfrage noch nicht verdaut, als mich ein oder zwei Tage später eine Anfrage über Facebook erreicht. Man meint es anscheinend erst. Das kommt eigentlich auch nicht ungelegen, weil wir unser Zehnjähriges feiern, obwohl unsere Seite seit einigen Monaten brachliegt, schlimmer noch, seit einigen Tagen nicht zu erreichen ist. Für einen praktizierenden Prokrastiker wie mich ist das natürlich nichts.
Dennoch war es dank meiner Web 2.0-Fähigkeit möglich, auf dieses gefühlte Bombardement an Anfragen einzugehen.
Ich versprach meinen Anruf für den kommenden Montag.

Wie diese Geschichte weitergeht, kann man in den nächsten Kapiteln weiterlesen.
Wie sie ausgeht, weiß ich allerdings selbst noch nicht.

Winterschlaf

Es geht hier bald weiter. Ich bewege mich mich zwischen Ettal, Santiago de Chile, Hannover, Oslo und Baden-Baden. Und München. Das alles einzuordnen, fällt nicht leicht…

(Link: YouTube)