“Was macht’s denn morgen?”
Wir standen mit einigen Kindern vor Schaf und Esel, die in unserem zum Stall umfunktionierten Pavillon auf eine Puppe, die den Heiland verkörperte, aufpassen sollten. Vor allem der Esel war vergleichsweise engelsgeduldig und ließ den Ansturm ohne Gebocke über sich ergehen. Es war bereits die dritte Weihnachtsveranstaltung im Haus, allerdings die erste, die intern organisiert wurde.
Vorgestern gab der Club der gut verheirateten Hausfrauen sein Stelldichein in der Aula. Schick gekleidete Damen in hochhackigen Schuhen verteilten Geschenke in selbst genähten Säckchen und ließen sich vom Chor Tränen der Rührung in die Augen treiben.
Letzte Woche stattete der greise Herr eines großen Konzerns uns seinen obligatorischen Besuch ab. Er will, daß seine Nichte Kontakt zu Menschen mit Behinderungen hat und lässt sich durch die Gruppen führen, um Stofftiere zu verteilen. Sie stoßen auf wenig Interesse. Charly lässt auf seinen einäugigen Plüschhasen nichts kommen.
Übermorgen kommen die Einzelhändler aus dem Viertel, um ihre Spenden zu übergeben. Die haben wenigstens gefragt, was sich die Heimkinder gewünscht haben. Aber es ist wieder ein Termin in der besinnlichen Zeit, der wieder nur von Hetik geprägt ist.
Nächste Woche kommt die befreundete Grundschule mit zwei Klassen, um die Aula in die alljährliche Weihnachtsbäckerei zu veranstalten. Manche Kolleginnen nennen diesen Vormittag immer das Teigschlachtfest. Das ist zwar der anstrengendste Termin, aber die Erst- und Drittklässler sind immer sehr nett zu unseren Kindern und Jugendlichen und gehen mit ihnen natürlich um. Und sie kommen nicht nur einmal jährlich.
Morgen wollten wir einen gemeinsamen Nachmittag auf dem Weihnachtsmarkt verbringen.
“Eigentlich wollten wir morgen…” “Ja, ich weiß schon. Heuer ist besonders viel los. Aber ich kann denen nicht absagen.” Herr Anzengruber, unser Heimleiter, suggerierte Verständnis, um den nächsten Spendenbesucher anzukündigen. Er kündigte zwei Damen an, die eine CD mit Weihnachtsgeschichten herausgebracht haben, die von bekannten Schauspielern gelesen wurden. “Die I1 musste letzte Woche schon so einen Termin über sich ergehen lassen, die kann ich nicht schon wieder anhauen.. Und Eure Kinder können damit am ehesten noch etwas anfangen.” Wir hätten es es darauf ankommen lassen können, aber auch die Zusammenarbeit mit der Leitung ist ein Geben und Nehmen. Erleichtert, nicht weiter diskutieren zu müssen, wandte sich Herr Anzengruber von uns ab. Den lange geplanten Weihnachtsmarktbesuch mussten wir also wieder verschieben. „Die CD-Präsentatorinnen kommen übrigens um 14 Uhr,“ teilte er uns noch mit. Zur Mittagspause. Ja, auch das kriegen wir hin.
Mein Dienst begann um 12 Uhr mit der Nachricht, daß sich die Kollegin Svenja krank gemeldet habe. Kurz danach versammelte sich eine ziemlich aufgekratzte Gruppe um den Mittagstisch. Den Kolleginnen aus der Küche war wohl auch schon die Energie ausgegangen, denn der Eintopf sah grauenhaft aus, und die Kinder waren ungewöhnlich schnell satt geworden. In Windeseile erledigten wir die Mittagsaufgaben, um ein wenig Zeit zu haben, den Nachmittag zu besprechen.
Der Frühdienst war so freundlich, die Gruppe in einen halbwegs vorzeigbaren Zustand zu verwandeln. Die Betreuten haben wir in Windeseile schick gemacht. Die Vorfreude auf den anstehenden Besuch hielt sich auch bei ihnen Grenzen, aber sie zeigten durch Kooperationsbereitschaft, daß wir in einem Boot sitzen.
Kurz nach zwei kam Herr Anzengruber mit zwei sehr motiviert wirkenden Damen auf die Gruppe. „So, jetzt sind wir auf der Gruppe, in der Sie Ihre CD vorstellen werden.“ Ihr Lächeln kaschierte Unsicherheit und Naivität. In atemberaubendem Tempo führte er die Frauen durch die Gruppe. Wer ihn länger kannte, merkte, daß er auch sehr genervt war. Zögernd nahmen die Bewohner im Wohnzimmer Platz. Stefan nahm nicht Platz, sondern fuhr mit seinem Bobbycar durch den Raum. Erleichtert darüber, daß er nicht schreiend durch den Flur lief, ließen wir ihn gewähren. Anita nahm wieder ein halbes Sofa für sich ein, indem sie mehr lag. Charly suchte sich aufgeregt einen Platz, Werner begann zu schreien, und Sandra nahm eine der Frauen in Beschlag, um sie nach ihren Haustieren zu befragen. Sie liebt Tiere aller Art. Wenn es nach ihr ginge, hätten wir neben die Bewohnern noch einen großen Zoo zu versorgen. In ihrer Welt hatte sie zwei Hunde, drei Katzen, ein Aquarium und drei Meerschweinchen. Mit Tieren kennt sie sich wirklich aus. Mit einiger Mühe gelang es uns, für etwas Atmosphäre zu sorgen.
Die Damen stellte sich den Kindern als Frau Meyer-Irgendwas und Frau Hochholdinger vor. Ziemlich kompliziert begannen sie beschreiben, was sie mit den Kindern vorhätten. Anita bohrte in der Nase. Es war wieder die Kunst der leisen Pädagogik gefragt, daß die Damen nicht mitbekamen, was sich nicht gehört.Stefan war inzwischen von seinem Bobbycar abgestiegen und hatte sich einfach auf den Schoß auf von der Frau mit dem Doppelnamen gesetzt. Sie war wohl für den emotionalen Teil vorgesehen, denn es störte sie nicht. Mit ihrer rechten Hand streichelte sie ihn über seine linke Wange. Meine Kollegin und ich mussten tief durchatmen, kamen aber nicht dazu, etwas zu sagen, weil Anita inzwischen nach der versprochenen CD verlangte. Charly war sehr nervös, was man an seinen sich ständig verändernden Gesichtszügen erkennen konnte. Frau Hochholdinger begann unterdessen, eine Geschichte vorzulesen. Es ging irgendwie um Nächstenliebe, aber durch ihre monotone Art schwand die sowieso schon sehr geringe Aufmerksamkeit noch schneller. Anita klapperte inzwischen unaufhörlich mit der CD. Frau Meyer-Irgendwas wollte sie ihr freundlich abnehmen. „Die gehört mir!“ Sie musste schnell lernen, daß Kinder mit geistiger Behinderung auf ihre Art ihren Willen durchsetzen. Werner begann unterdessen sehr stark zu lautieren, so daß Frau Hochholdinger sich sichtlich schwertat, mit ihrer langatmigen Art des Vorlesens Gehör zu verschaffen. Stefan fuhr wieder mit dem Bobbycar durch das Wohnzimmer, was auch nicht zu einer einer vorlese-gerechten Atmosphäre beitrug. Der dicke Teppich konnte nur wenig Lärm auffangen. Frau Meyer-Irgendwas versuchte, Stefan wieder für ihren Schoß zu begeistern. Es gelang ihr aber nicht.
Nach einer sehr langen halben Stunde waren die beiden Frauen mit ihrer Vorstellung fertig. Sie fragten mich, ob ich noch mit zum Auto kommen könne, um die 200 CD’s in Empfang zu nehmen. Sie hätten sich extra erkundigt, wieviele Kinder in unserer Einrichtung betreut würden. Meine Kollegin verabschiedete die desillusionierten Frauen, und ich begleitete sie zum Parkplatz, wo ich die große und schwere Kiste in Empfang nahm. Ich lieferte die Kiste genervt und mit wenig erklärenden Worten bei unserer Pförtnerin ab.
Auf dem Weg zur Gruppe begegnete ich Herrn Anzengruber, der sich zwischenzeitlich in einen fein Zwirn geworfen hatte. „Die Zwei waren a bisserl komisch, oder?“ Ich konnte nicht mehr als „Hm“ antworten. „Aber trösten Sie sich, ich muss jetzt zum Weihnachtsempafng des Sozialministeriums und mir langweile Reden von der Staatssekretärin und dem Minister anhören.“
Ich dachte nur an den morgigen Tag und fragte mich, warum alle nur im Dezember an unsere Kinder denken.
Fremdneurosen