Monthly Archive for November, 2009

Hygienisch ausbaufähig

58. Bitte geben Sie an, inwieweit Sie Maßnahmen zum Hygienemanagement durchführen:

Es wird mehrmals täglich gelüftet.
o Ja o Nein
 
Die Kleiderablage ist so gestaltet, dass sich die Bekleidungsstücke unterschiedlicher Kinder nicht berühren.
o Ja. o Nein
 
Jedes Kind hat seine eigene Bettwäsche.
o Ja. o Nein

Die ganze Erhebung können Sie auf der Seite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (das, welches Ursula von der Leyen nicht mehr innehat) nachlesen. Die Beantwortung der 63 FRagen werden mit 50 Minuten veranschlagt.

Letzter Polizeiruf mit Jörg Hube

306. Polizeiruf 110: Klick gemacht (BR; EA: 29.11.2009)

Jörg Hube als Hauptkommissar Friedl Papen

Heute abend wird der zweite und letzte Polizeiruf mit Jörg Hube gezeigt. (Bei seinem ersten Einsatz im Polizeiruf spielte er einen kauzigen Polizeipräsidenten.)

Anhang
Hintergrund: Bayerischer Rundfunk, Polizeiruf 110-Lexikon, Interview mit Stefanie Stappenbeck und Jörg Hube
Meinungen: FAZ,

(Bild: R/Erika Hauri)

Junge

An jedem Abfentssonntag stelle ich an dieser Stelle einen älteren Münchner Tatort vor.

400. Tatort: Schwarzer Advent (BR; EA: 08.11.1998)

Ermittler: Hauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec), Hauptkommisar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Kommissar Carlo Menzinger (Michael Fitz)
Figuren: Rainer Wenisch (Christian Berkel), Yvette (Julia Richter), Rudolf Wenisch (Hans-Michael Rehberg), Leo Gruber (André Emanuel Kaminski), Natascha Gruber (Nina Szeterlak), Kirstin Gruber (Ute Heidorn), Ilona Gruber (Renate Grosser), N.N. (Peter Rappenglück)
Drehbuch: Christian Limmer, Regie: Jobst Oetzmann

Freitag vormittag in der zweiten Adventwoche. Rainer Wenisch steigt an der Silberhornstraße aus der U-Bahn und sucht seine Ex-Frau auf. Er bietet ihr Geld, damit sie am Wochenende mit dem gemeinsamen Kindern vor seinem aus Südamerika anreisenden Vater heile Familie spielt. Sie will nicht, er gerät in Rage und knallt sie im Affekt gegen die Garderobe.

Es ist der Anfang eines Tatorts, der das Bild eines gescheiterten Familienoberhaupts eindringlich und beklemmend zeichnet. Es entwickelt sich ein Katz-und Maus-Spiel, das am Ende nur Verlierer hat.

Heile Familie mit Hure
Die Prostuierte Yvette soll die Mutter spielenDoch die Angst treibt ihn an. Rainer Wenisch will seinem Vater zeigen, dass er, die Memme, es geschafft hat: ein schönes Haus im schicken Grünwald, eine reizende Frau und zwei wohlgeratene Kinder; seine Tochter nennt er „mein Bernstein“, „meine Prinzessin“.
Er holt Sohn und Tochter von der Schule und dem Kindergarten ab. Leo ist misstrauisch. Die Mutter habe beruflich dringend nach Rom reisen müssen. Als Domizil dient das Haus des Ex-Kollegen in Grünwald. Die Idylle komplettiert die Prostituierte Yvette, die für gutes Geld seine Ex-Frau spielen soll.
Alles steht auf wackligem Boden. Christian Berkel spielt einen Mann, der unter unglaublicher Spannung steht und schnell die Nerven verliert. Er verleiht dieser gescheiterten Existenz eine beängstigende Aura. Perfektionismus und Angst bilden eine toxische Verbindung.

Panik
Vater und Sohn beim EishockeyspielBatic und Leitmayr finden trotz der „halbscharigen Beschreibung“ (Menzinger) des Täters heraus, dass Rainer Wenisch der Täter sein muss. Als sie die Kinder nicht in der Schule und im Kindergarten vorfinden, befällt sie Panik. Sie befürchten einen erweiterten Selbstmord. Erschwert wird ihre Ermittlung, die nun zu einem Spiel mit der Zeit wird, dass sie am Freitag mittag an die natürlichen behördlichen Grenzen stoßen. Sie bekommen kein Photo von Wenisch. Die Rechnung über Eishockey-Fan-Devotionalien, die sie in seinem Appartment finden, führt sie nach Tölz, wo Rainer Wenisch mit seinem Sohn ein Eishockeyspiel besuchen will.
Wenisch schminkt sein Gesicht schwarz-gelb, in den Vereinsfarben des einheimischen EC, um im Eisstadion nicht erkannt zu werden. Kurz nach Spielbeginn will er wieder gehen, Leo nicht. Es kommt zum Streit, in dessen Folge sein Sohn mit dem Kopf auf den Boden knallt. Die Kommissare kommen zu spät.

„Der schönste Augenblick“
Am stärksten ist Schwarzer Advent, als Berkel einen vollkommen gebrochenen Mann zeigt, der nach dem Tod seines Sohnes sein Scheitern mit einem Kindheitstrauma erklärt. Der Vater will ihm das Schwimmen beibringen. In der Mitte des Sees schmeißt er ihn ins Wasser. Als er sich nicht imstande sieht, zur am Ufer wartenden Mutter zu schwimmen, taucht der Vater ihn so lange, bis er regungslos ist. „Der schönste Augenblick.“ Ès lauft einem kalt den Rücken runter, als er beschreibt, wie er von seinem Peiniger ins Leben zurückgeholt wird: „Ich spüre heute noch seinen Atem, den er mir in die Lunge pumpt.“ Die Erzählung wird von Wimmern unterbrochen. Seine hasserfüllten und traurigen Augen blicken ins Leere. Die bröckelnde Schminke ist eine Mischung aus Karikatur und tragischem Clown.

Verlierer
Wenisch Vater hält nichts von seinem SohnDer Vater reist an. Mit dessen Hilfe gelingt es den Kommissaren, ins Haus zu gelangen. Batic und Leitmayr werden Augenzeugen des letzten Teils der Tragödie.
„Wir sollten das mal von Mann zu Mann klären, Junge.“ Der alte Wenisch nennt seinen erwachsenen Sohn, der nie Kind sein durfte, immer nur Junge. Er sieht in ihm nur den Versager. Ein Mann ohne Emotionen will nicht wahrhaben, dass er die Tragödie mittelbar zu verantworten hat.
So blieben nach der Befreiung nur Verlierer. Ein alter Mann, der sein Scheitern nicht sehen will, ein Mann, der nicht nur Frau und Sohn auf dem Gewissen hat und ein kleines Mädchen, das keine Familie mehr hat. Die Kommissare stehen als Verlierer da, weil sie Leos Tod nicht verhindern konnten.

Drastische Dramaturgie einer Tragödie
Schwarzer Advent ist einer der stärksten Tatort-Folgen. Die Dramaturgie einer Tragödie wird sehr drastisch und sehr direkt dargestellt. Die Hintergründe, die zu so etwas führen können, werden in Person des Vaters erschreckend klar gezeigt. Aber die Geschichte hätte in die Hose gehen können, wenn die Hauptfigur nicht so eindrucksvoll besetzt worden wäre. Christian Berkel zeigt hervorragend einen gepeinigten, perfektionistischen und panischen Gescheiterten, der es nur einmal seinem Vater zeigen will, was er geschafft hat. Mimik, Gestik, Duktus – eine schrecklich gute Darstellung einer Figur. Wirklich grandios!
Diesen sehr guten Tatort runden ein gutes Bild und eine sehr gute Kameraführung ab. (10/10)

Anhang
Hintergrund: Bayerischer Rundfunk, Tatort-Fundus

Sinnlos im November

Gibt es sinnlose Tode?
Ja, es gibt sie.

Gibt es Menschen, deren Schicksal überstrapaziert wird?
Ja, es gibt sie.

Ist der November ein Scheiß Monat?
Ja, ist er.

Mach’s gut, Tommy! Du hast einen besseren Abgang verdient.

Humorlos mit Fremdwörtern

Er war mir eigentlich egal. Ich war und bin erstaunt, daß es jemand, der in 30 Jahren nur einen Hit hatte, immer wieder schafft, in die Schlagzeieln zu kommen. Regelmäßige Auftritte auf Mallorca vor einem alokoholisierten Publikum sind für viele Fernsehsender interessant genug, regelmäßig darüber zu berichten. Das geschieht in der Regel kritiklos.

“Inas Nacht” ist ebenfalls keine Sendung, in der der Gast befürchten muss, vollkommen bloßgestellt zu werden. Es wird gesungen und getrunken, Ina Müller und die Zuschauer stellen Fragen. Das ist harmlos, bisweilen sogar lustig, wenn die Gäste die Show ebenso wenig wichtig nehmen wie die Gastgeberin. Dem als als spröde verschrieenen Werder-Trainer Thomas Schaaf ist das ganz hervorragend gelungen.
Als Gast kann man sich dennoch vollkommen blamieren, wenn man die Fragen überbewertet und beginnt sich zu rechtfertigen. Mit seinen knapp 65 Jahren scheint Jürgen Drews trotz Traumhaus, Traumfrau und Traumhit nach 30 Jahren über wenig Selbstbewusstsein zu verfügen. Krampfhaft versucht er über den Dingen zu stehen, redet sich sein Ballermannpublikum schön und stellt seine Bildung, für die sich ansonsten niemand interessiert, ostentativ zur Schau. Es gibt keinen Satz, der nicht mindestens ein Fremdwort enthält. Schließlich hat er mal vier Semester Medizin studiert, bevor er begann für Les Humphries zu hüpfen und zu singen.
Ina Müller merkt, daß sie einen wunden Punkt getroffen hat und nimmt ihn gnadenlos auf den Arm, indem sie nach jedem Fremdwort einen Buzzer drückt und ihn einfache Synonyme suchen lässt. Verzichte er mal auf ein Fremdwort, weist sie dezent auf auf seine Auftritte in L’Arenal hin.
Der Abend ist für ihn gelaufen.
Danach versucht er nicht beleidigt zu wirken. Dabei unterbricht er das Gespräch mit den nachfolgenden Gästen permanent und renkt sein sonnengebräuntes Gesicht in die Kamera.

Man sagt solchen selbsternannten Stimmungskanonen nach, abseits der Bühne humorlos zu sein. Jürgen Drews bestätigt diese Theorie eindrucksvoll. Nüchtern sind seine Gesangsabende sicher nicht zu ertragen, ansonsten würde er woanders auftreten.
Trete ich vor das Jüngste Gericht, darf er mir nicht mal gegenüberstehen, wenn ich volltrunken bin.

Philosoph 00

Ist es eigentlich Absicht, daß der Welttoilettentag und der Tag der Philosophie auf den heutigen 19. November fallen?
Hoffentlich vergisst niemand über das Sinnieren vorher zu schauen, ob genügend Papier vor Abort ist…

Öffentlichkeit und Intimsphäre

Es wurde in den letzten Tagen über den Suizid von Robert Enke viel geschrieben, mitgeteilt und sogar einiges gesagt.

Selbst von hochrangigen Funktionären wird der Heroensport wenigstens zum Teil in Frage gestellt. Der Hochleistungssport, der keine Schwäche zulasse.
Daß er, wenn auch unfreiwillig, solche zulässt, wird in dieser Diskussion gerne übersehen.
Es ist sicher, nicht nur in der Wahrnehmung, ein Unterschied, ob ein bekannter Fußballer wegen einer Adduktorenzerrung, eines Kreuzbandrisses oder wegen psychischer Probleme ausfällt. Die in den Selbstmord führende Depression ist die Spitze, aber Motivationsprobleme, die gerne mit dem Argument „Der verdient doch so viel!“abgetan werden, werden nicht ernst genommen.
Aber muss ein Mensch darüber Auskunft geben? Muss ein in der Öffentlichkeit Stehender Einblick in seinen Seelenheil geben? Muss ein in der Öffentlichkeit Stehender über seine Krankheiten Auskunft geben? Just, als man öffentlich darüber nachdachte, wie man psychisch erkrankten Hochleistungssportlern ein Forum geben könnte, wurden die H1N1-Erkrankungen von Bundesligaspielern bekannt. Schlimmer noch: Man berichtete, daß ein nicht erkrankter Nationalspieler wegen der Erkrankung seiner Kinder unter Quarantäne gestellt wurde.
Wie so die Intimsphäre, die im übrigen jedem Arbeitnehmer nicht nur bei einer Erkrankung zusteht, gewahrt werden soll, ist mir schleierhaft. Dazu gesellt sich das Voyeurhafte, von dem nicht nur die Yellow Press glaubt, daß es im Sinne der Informationspflicht wichtig sei.
Wo sind die Berater der teilweise blutjungen Spieler, die ihnen sagen, worüber sie Auskunft geben müssen? Diese Fußballer machen oft eine sehr hilflosen Eindruck. Deren Manager machen sich häufig nur darüber Gedanken, wie sie ihren Klienten gewinnbringend an den nächst besseren Verein bringen.
Die Idee, Psychologen nicht nur als Mentaltrainer in die tägliche Arbeit in den Vereinen einzubinden, ist gut gemeinst, aber schlecht gedacht. Ein Psychologe, der vom Arbeitgeber eingestellt und bezahlt wird, kann nicht der Vertrauensmann von 25 Spielern sein.

Ein großer Schritt ist getan, wenn diese Menschen wissen, was sie sie sagen müssen und was nicht. Vor allem, wann sie es intern sagen. Daß das dennoch kein Allheilmittel ist, wurde diese Woche traurige Gewissheit. Selbst die Frau und der wohl wirklich freundschaftliche Berater wussten weder ihm noch sich zu helfen. Daß der gerne als Monster an die Wand gemalte Fußballfan als Feindbild nicht taugt, sollte die vergangene Woche eindrucksvoll gezeigt haben. Der Feind sitzt meist im eigenen Umfeld, am Arbeitsplatz. Sebastian Deisler hat ihm mit der zitierten “Deislerin” einen Namen gegeben.
Daß er mit seinem Weg an die Öffentlichkeit den Absprung gefunden hat, darf nicht als Voraussetzung gelten.

Wirklich etwas gewonnen ist erst etwas, wenn Menschen, ohne den Weg nach vorne antreten zu müssen, gesunden dürfen.

Braunschweiger Gaffer

747. Tatort: …es wird Trauer sein und Schmerz (NDR; RA: 15.11.2009)

Ermittler: Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), Kriminaldirektor Stefan Bitomsky (Torsten Michaelis)
Figuren: Hauptkommissar Kohl (Felix Vörtler), Kai Bergmann (Sven Lehmann), Beate Petersen (Anne Ratte-Polle), Karl Mattiesen (Jörg Hartmann), Frank Wenzel (Patrick von Blume), Torsten Klein (Florian Stetter), Frau Hartmann (Jale Arikan), Schroth (Wolf List), Henrich [Autobahnpolizist] (Leopold Hornung), Katja Henrich (Karin Hanczewski), Born (Axel Sichrovsky), Oliver (Martin Wißner), Corinna Clement (Linda Pöppel), N.N. (Julian Kerim), Mann auf der Autobahnbrücke (Götz van Ooyen), Martin Felser (Ingo Naujoks), Annemarie Lindholm (Kathrin Ackermann)
Drehbuch: Astrid Papprotta, Regie: Friedemann Fromm

Charlotte Lindholm mit den Braunschweiger Ermittlern Bergmann und Kohl

Für den die Ermittlungen leitenden Hauptkommissar Kohl ist der Sachverhalt
eindeutig: es ist ein Sniper, der Braunschweig und Umgebung in Atem hält. Er war es auch, der den Bäckermeister Petersen durch die Terrassentür erschossen hat. Es gibt keine Gemeinsamkeiten, die die Opfer verbindet. Unterlagen über die Heckenschützen aus Washington hat er sich schon schicken lassen.

Kopf gegen Bauch
Dass die ihm vor die Nase gesetzte Charlotte Lindholm den Fall mit anderen Augen betrachtet, passt ihm nicht. Er kann auch nicht akzeptieren, daß sie bevorzugt alleine arbeitet, weil sie sich so besser konzentrieren kann. Dass Kohl auch lieber alleine ermittelt und von seinen Mitarbeitern verlangt, seine Eindrücke in Fakten umzusetzen, übersieht er dabei. Dass dieses gerne im Krimi gezeigte Spiel nicht zu schablonenhaft wird, ist alleine Felix Vörtler zu verdanken, der einen cholerischen, machohaften und von sich und seinen Theorien überzeugten Hauptkommissar Kohl zeigt, der keinen Widerspruch duldet. Auf die Seite der besonnenen Lindholm stellt sich Kohls Kollege Bergmann, der über das Dienstliche hinaus versucht, sich ihr anzunähern. Diese lehnt sie ab, ist aber froh, jemanden neben sich zu wissen, der ihre Theorien unterstützt.

Rache
Die anonymen Trauerkarten, die die Opfer bekommen, lassen für Charlotte Lindholm nur den Schluss zu, dass jemand auf Rache sinnt. „Es wird Stille und Leere“, „es wird Trauer sein und Schmerz“, steht in den Briefen. Die möglichen Täter bieten aber zu wenig überzeugende Motive. Der Angestellte Petersens war der erste Ehemann der Witwe, hat seine Bäckerei an seinen Nachfolger verloren, hat aber kein Motiv für die anderen drei Morde. Dass er sich keine Mühe gibt, sich nicht verdächtig zu machen, erfreut nur den Braunschweiger Hauptkommissar. Der ist froh, wenn er den Fall Alsbald abschließen kann und die lästige LKA-Tante schnell wieder loswird.

Gaffer zuhause und auf der Autobahn
Eher zufällig findet Lindholm heraus, dass die Opfer und ihre Angehörigen eines gemeinsam haben: sie verbrachten den Neujahrstag im Stau auf der Autobahn. Ein schwerer Verkehrsunfall mit einem Todesopfer forderte vor allem einen jungen Autobahnpolizisten, dem es nicht gelungen ist, die junge Frau lebend zu retten.
Für den an einer Schreibblockade leidenden Martin Felser kommt der Fall wie gerufen. Der vermeintliche Heckenschütze und die ins Internet gestellten Videos vom Verkehrsunfall auf der Autobahn und den Tatorten animieren ihn zu einer neuen Geschichte. Nur mit viel Mühe kann die Kommissarin ihren Mitbewohner daran hindern, diese Orte aufzusuchen. Die filmenden Voyeure helfen ihr aber auch, den Fall aufzuklären.
Astrid Paprotta gelingt es in „…es wird Trauer sein und Schmerz“, die Moral den Figuren zu überlassen. Sie verzichtet darauf, mit erhobenem Zeigefinger die Gaffer den Zuschauern vorzuführen. Sie bindet die Diskussion in eine Auseinandersetzung der WG Lindholm-Felser und gibt dem Mörder ein eindeutiges und nachvollziehbares Motiv.

Emotionen zum Schluss
Charlotte Lindholm verliert nach Aufklärung der Mordserie ihre Eigenschaftslosigkeit, die ans Spröde grenzt. Die Last fällt ihr von den Schultern, und sie lässt ihren Tränen freien Lauf. Hier ist zum ersten Mal eine Mutter zu sehen, die auch um Nestschutz bemüht ist. Leider wirkt Maria Furtwängler dabei wenig überzeugend, aber sie versucht, ihre Charlotte Lindholm weiterzuentwickeln.

Spannung in der Anonymität
„…es wird Trauer sein und Schmerz“ ist ein typischer Lindholm-Tatort. Der Zuschauer muss keine Experimente befürchten, sondern darf sich auf einen soliden und spannenden Fall freuen. Leider bleiben die Hauptfiguren bis auf Felix Vörtlers Hauptkommissar Kohl ebenso blass wie das geographische Umfeld des Falles. Es ist egal, wo der Fall spielt. Dieses Mal ist der Tatort Braunschweig, es könnte aber auch Hildesheim oder Uelzen sein. Warum man den Tatort Niedersachsen zu einem Wanderpokal macht, wird angesichts der Anonymität der Orte nicht ersichtlich. Diese Folge, von Friedemann Fromm routiniert in Szene gesetzt, lebt ausschließlich von dem Fall. Dass das nicht verkehrt sein muss, zeigt dieser Tatort.

Wut
Der Autobahnpolizist Henrich hat ein eindeutiges Motiv, weil ihn die Gaffer an seiner Arbeit hindern. Aber es ist Born, der in der Zulassungsstelle arbeitet und seineseine schwangere Frau bei dem Unfall auf der Autobahn verloren hat. Er hat schnellen Zugriff auf die nötigen Daten der Filmenden und Glotzenden.

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Annabell, Fielitz, Sopran, Tatort-Forum

(Bild: NDR/Marc Meyerbröker)

Das Erbe des Schnitzelkönigs

746. Tatort: Schweinegeld (RBB/Degeto; EA: 01.11.2009)

Ermittler: Hauptkommissar Till Ritter (Dominic Raacke), Hauptkommissar Felix Stark (Boris Aljinovic); Kommissar Lutz Weber (Ernst-Georg Schwill)
Figuren: Maximilian Merklinger (Lucas Gregorowicz), Joachim Kahle (Ole Puppe), Liljana Selkova (Ana Stefanovic), Christa Merklinger (Maren Kroymann), Frau Balthasar (Johanna Gastdorf), Kathi Dambrowski (Alexandra Finder), Ronny Maurer (Aaron Hildebrand), Sergej Litvin (Lenn Kudrjawizki), Viktor Selkov (Alexander Altomirianos)
Drehbuch: Christoph Silber, Thorsten Wettcke; Regie: Bodo Fürneisen

Stark muss ohne den niedergestreckten Ritter ermitteln

Wer kann ein Interesse am Verschwinden des Schnitzelkönig Hans Merklinger haben? Er hatte vor nicht all zu langer Zeit großen Ärger mit Gammelfleisch. Sein Sohn Maximilian ist offiziell der Chef des Betriebs, aber sein Vater mischt immer noch mit und hat vor allem das letzte Wort. Seine Frau (herrlich biestig: Maren Kroymann!) ist nicht erfreut, daß ihr Mann eine sehr junge Geliebte hat.

Subunternehmer und EU-Subventionen
Der Fleischfabrikant beschäftigt in seinem Schlachthof Billiglohnarbeiter aus Bulgarien, die der Subunternehmer Kahle zur Verfügung stellt. Merklingers haben viele EU-Subventionen bekommen, um dann vergammeltes Fleisch zwischen Belgien, Deutschland und Polen zu transportieren.
Das wissen die ukrainischen Investoren, die den Betrieb übernehmen wollen und den jungen Merklinger mit ihrem Wissen unter Druck setzen. Der Junior verkauft schließlich, aber die Kommissare Stark und Weber (Ritter wurde von einem der Bulgaren außer Gefecht gesetzt) kommen die Betrug auf die Schliche.

Tödliches Fleisch
Die Ermittler finden aber auch heraus, daß Kahles Freundin Liljana eine Tochter hatte, die an Merklingers Gammelfleisch gestorben ist. Darüber sehr wütend entführte der Subunternehmer den Schnitzelkönig, der an einem Herzinfarkt in seinem Kühlhaus starb.

Viele Stränge
„Schweinegeld“ ist ein komplexer Fall mit vielen Handlungssträngen und ebenso vielen Verdächtigen. Ein Motiv hatten alle, die unter Verdacht gerieten. Deshalb war es nicht einfach, dem Geschehen zu folgen. Es gab eine plausible Auflösung. Die zahlreichen Figuren waren trotz ihrer teilweise kurzen Auftritte sehr gut herausgearbeitet.
(7/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz, MayavonderSpree, Taort-Forum

(Bild: rbb/Christiane Pausch)

Geschenke Gottes

745. Tatort: Tempelräuber (WDR; EA: 25.10.2009)

Ermittler: Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl), Prof. Boerne (Jan Josef Liefers), Silke Haller “Alberich” (ChrisTine Urspruch), Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Grossmann)
Figuren: Hans Wolff [Nachfolger des Regens] (Ulrich Noethen), Karin Ellinghaus (Johanna Gastdorf), Dorothea Lenz [Seminarangestellte] (Rosalie Thomass), Steffen Ellinghaus (Wolf-Niklas Schykowski), Schwester Agathe (Marita Breuer), Johannes Bott [Seminarteilnehmer] (Andreas Potulski), Frau Wels (Giselle Vesco), N.N. (Sibylle Bertsch)
Drehbuch: Magnus Vattrodt, Regie: Matthias Tiefenbacherr

Der ungläubige Thiel in der Kirche

Ein toter Priester zählt in der Bistumsstadt Münster so viel wie zwei tote Bürgermeister oder drei tote Polizisten, führt die Staatsanwältin Klemm ihrem heidnischen Kommissar Thiel vor Augen. Dass der tote Mühlenberg auch noch Regens des St.-Vincenz-Seminars war, versetzt sie noch mehr in Aufruhr. Nicht jedoch den Kommissar, den die verbundenen Hände des Pathologen Boerne mehr zu schaffen machen. Er engagiert für seinen anstrengenden Nachbar die Haushälterin Ellinghaus. Diese ist die Nachbarin des verdächtigen Priesters Wolff, der ihrem Sohn Steffen Geigenunterricht gibt.
So albert man sich eine dreiviertel Stunde auf gewohnte Weise durch den Fall.

Ernst in Münster
Doch in der zweiten Hälfte wird es überraschend ernst und interessant. Feinde hatte der Regens einige, denn „auf so etwas wie Beliebtheit konnte Mühlenberg verzichten“ (Sr. Agathe). Ein Amulett, das an einem Grab gefunden wird, führt Thiel zur Lösung des Falls. Pfarrer Wolff war auf seinen Vorgesetzten nicht gut zu sprechen. Der angehende Priester Johannes Bott wurde vom Seminar ausgeschlossen, weil in Mühlenbergs Augen keinen soliden Lebensawandel hat. Die Priesterseminarangestellte Dorothea Lenz ist Wolffs Tochter aus der Beziehung mit der vor 20 Jahren von Mühlenberg entlassenen Lena Henning. Der Regens war im Glauben, daß die vertriebene und inzwischen verstorbene Henning ihr Kind abgetrieben hat und somit keinen keinen Tempelräuber geboren hat. Dorothea findet heraus, wer ihr Vater ist und setzt ihn unter Druck.

Der Wunsch nach Normaĺität
Wolff hat für die Tatzeit ein Alibi, weil er mit seiner Nachbarin eine Selbsthilfegruppe für Priester und deren Geliebte in den Niederlanden besucht hat. Der gemeinsame Sohn Steffen hat den Anruf seiner Halbschwester auf Wolffs Anrufbeantworter gehört und entschied sich, Mühlenberg aus dem Weg zu räumen.

(Schein-)Heiliges
„Tempelräuber“ ist einer der besseren Fälle aus Münster, weil sich Magnus Vattrodt entschieden hat, die Protagonisten nicht nur witzige Dialoge zu reduzieren. So wurde das katholische Münster mit vielen Facetten des (Schein-)Heiligen. Die Figuren durften neben den Ermittlern zwar nicht glänzen, gaben dennoch in dieser Folge durch ihr Spiel – vor allem Rosalie Thomass als personifizierte Pietas – eine andere Note.
(6,5/10)

Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Meinungen: Fielitz, Annabell, Tatort-Forum

(Bild: WDR/Michael Böhme)