An jedem Abfentssonntag stelle ich an dieser Stelle einen älteren Münchner Tatort vor.
400. Tatort: Schwarzer Advent (BR; EA: 08.11.1998)
Ermittler: Hauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec), Hauptkommisar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Kommissar Carlo Menzinger (Michael Fitz)
Figuren: Rainer Wenisch (Christian Berkel), Yvette (Julia Richter), Rudolf Wenisch (Hans-Michael Rehberg), Leo Gruber (André Emanuel Kaminski), Natascha Gruber (Nina Szeterlak), Kirstin Gruber (Ute Heidorn), Ilona Gruber (Renate Grosser), N.N. (Peter Rappenglück)
Drehbuch: Christian Limmer, Regie: Jobst Oetzmann |

Freitag vormittag in der zweiten Adventwoche. Rainer Wenisch steigt an der Silberhornstraße aus der U-Bahn und sucht seine Ex-Frau auf. Er bietet ihr Geld, damit sie am Wochenende mit dem gemeinsamen Kindern vor seinem aus Südamerika anreisenden Vater heile Familie spielt. Sie will nicht, er gerät in Rage und knallt sie im Affekt gegen die Garderobe.
Es ist der Anfang eines Tatorts, der das Bild eines gescheiterten Familienoberhaupts eindringlich und beklemmend zeichnet. Es entwickelt sich ein Katz-und Maus-Spiel, das am Ende nur Verlierer hat.
Heile Familie mit Hure
Doch die Angst treibt ihn an. Rainer Wenisch will seinem Vater zeigen, dass er, die Memme, es geschafft hat: ein schönes Haus im schicken Grünwald, eine reizende Frau und zwei wohlgeratene Kinder; seine Tochter nennt er „mein Bernstein“, „meine Prinzessin“.
Er holt Sohn und Tochter von der Schule und dem Kindergarten ab. Leo ist misstrauisch. Die Mutter habe beruflich dringend nach Rom reisen müssen. Als Domizil dient das Haus des Ex-Kollegen in Grünwald. Die Idylle komplettiert die Prostituierte Yvette, die für gutes Geld seine Ex-Frau spielen soll.
Alles steht auf wackligem Boden. Christian Berkel spielt einen Mann, der unter unglaublicher Spannung steht und schnell die Nerven verliert. Er verleiht dieser gescheiterten Existenz eine beängstigende Aura. Perfektionismus und Angst bilden eine toxische Verbindung.
Panik
Batic und Leitmayr finden trotz der „halbscharigen Beschreibung“ (Menzinger) des Täters heraus, dass Rainer Wenisch der Täter sein muss. Als sie die Kinder nicht in der Schule und im Kindergarten vorfinden, befällt sie Panik. Sie befürchten einen erweiterten Selbstmord. Erschwert wird ihre Ermittlung, die nun zu einem Spiel mit der Zeit wird, dass sie am Freitag mittag an die natürlichen behördlichen Grenzen stoßen. Sie bekommen kein Photo von Wenisch. Die Rechnung über Eishockey-Fan-Devotionalien, die sie in seinem Appartment finden, führt sie nach Tölz, wo Rainer Wenisch mit seinem Sohn ein Eishockeyspiel besuchen will.
Wenisch schminkt sein Gesicht schwarz-gelb, in den Vereinsfarben des einheimischen EC, um im Eisstadion nicht erkannt zu werden. Kurz nach Spielbeginn will er wieder gehen, Leo nicht. Es kommt zum Streit, in dessen Folge sein Sohn mit dem Kopf auf den Boden knallt. Die Kommissare kommen zu spät.
„Der schönste Augenblick“
Am stärksten ist Schwarzer Advent, als Berkel einen vollkommen gebrochenen Mann zeigt, der nach dem Tod seines Sohnes sein Scheitern mit einem Kindheitstrauma erklärt. Der Vater will ihm das Schwimmen beibringen. In der Mitte des Sees schmeißt er ihn ins Wasser. Als er sich nicht imstande sieht, zur am Ufer wartenden Mutter zu schwimmen, taucht der Vater ihn so lange, bis er regungslos ist. „Der schönste Augenblick.“ Ès lauft einem kalt den Rücken runter, als er beschreibt, wie er von seinem Peiniger ins Leben zurückgeholt wird: „Ich spüre heute noch seinen Atem, den er mir in die Lunge pumpt.“ Die Erzählung wird von Wimmern unterbrochen. Seine hasserfüllten und traurigen Augen blicken ins Leere. Die bröckelnde Schminke ist eine Mischung aus Karikatur und tragischem Clown.
Verlierer
Der Vater reist an. Mit dessen Hilfe gelingt es den Kommissaren, ins Haus zu gelangen. Batic und Leitmayr werden Augenzeugen des letzten Teils der Tragödie.
„Wir sollten das mal von Mann zu Mann klären, Junge.“ Der alte Wenisch nennt seinen erwachsenen Sohn, der nie Kind sein durfte, immer nur Junge. Er sieht in ihm nur den Versager. Ein Mann ohne Emotionen will nicht wahrhaben, dass er die Tragödie mittelbar zu verantworten hat.
So blieben nach der Befreiung nur Verlierer. Ein alter Mann, der sein Scheitern nicht sehen will, ein Mann, der nicht nur Frau und Sohn auf dem Gewissen hat und ein kleines Mädchen, das keine Familie mehr hat. Die Kommissare stehen als Verlierer da, weil sie Leos Tod nicht verhindern konnten.
Drastische Dramaturgie einer Tragödie
Schwarzer Advent ist einer der stärksten Tatort-Folgen. Die Dramaturgie einer Tragödie wird sehr drastisch und sehr direkt dargestellt. Die Hintergründe, die zu so etwas führen können, werden in Person des Vaters erschreckend klar gezeigt. Aber die Geschichte hätte in die Hose gehen können, wenn die Hauptfigur nicht so eindrucksvoll besetzt worden wäre. Christian Berkel zeigt hervorragend einen gepeinigten, perfektionistischen und panischen Gescheiterten, der es nur einmal seinem Vater zeigen will, was er geschafft hat. Mimik, Gestik, Duktus – eine schrecklich gute Darstellung einer Figur. Wirklich grandios!
Diesen sehr guten Tatort runden ein gutes Bild und eine sehr gute Kameraführung ab. (10/10)
Anhang
Hintergrund: Bayerischer Rundfunk, Tatort-Fundus
Fremdneurosen