743. Tatort: Vermisst (SWR; EA: 11.10.2009)
Ermittler: Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), Mario Kopper (Andreas Hoppe), Peter Becker (Peter Espeloer), Edith Keller (Annalena Schmidt)
Figuren: Schlothfang (Hans-Jörg Assmann), Conny Seegmeister (Corinna Harfouch), Jan Seegmeister (Jeroen Willems), Nicolas Ritterling (Thomas Sarbacher), Frau Bäuerle (Cornelia Schmaus), Herr Bäurle (Peter Rühring), Manu Winter (Jonas Jägermeyr), Jackie (Josefine Preuß), Sebastian Sixtus (Guido A. Schick), Privatdetektiv Oliver Steffens (Bernd Gnann), Hotelangestellte (Janina Flieger), Bäurles Nachbarin (Andrea Leonetti), Mann am Hafen (Georg Blumreiter), Empfangsangestellte bei Seegmeister (Lisa Charlotte Friedrich), N.N. Constanze Weinig und Hund Nippel
Drehbuch: Christoph Darnstädt; Regie: Andreas Senn |

Vor 20 Jahren war Lena Odenthal “Die Neue” am Tatort, gestern abend feierte sie Geburtstag und Dienstjubiläum. Natürlich gab’s eine Leiche als Geschenk…
Der Mobilfunk-Anbieter sendet Geburtstagrüße und hält eine Überraschung für Lena Odenthal bereit. Während die Kollegen Kopper, Keller und Becker ein Dinner am Rhein vorbereiten, wird das Geburtstagskind in den Ludwigsgarten gerufen. Eine Anruferin will eina Aussage in dem zwölf Jahre zurückliegenden Mordfall Ritterling machen, obwohl der als abgeschlossen gilt.
Ludwigshafen – Nizza
Michaela Bäurle wird aber erschossen, bevor sie mit der Kommissarin sprechen kann. Die Eltern können sich nur schwer damit abfinden, dass ihre seit 12 Jahren vermisste Tochter nun tot ist. Der damals für den Fall zuständige Kommissar Schlothfang („Wo haben Sie denn Ihre Lederjacke gelassen?“) erweist sich zunächst nicht als große Hilfe.
Die Kommissare finden heraus, dass die Tote seit langem als Michelle Boyer ein feudales Leben in Nizza führte. Sehr zum Unverständnis ihres Ex-Freundes aus vergangenen Tagen, Sebastian, der sie nur als Sofanudel ohne Englischkenntnisse in Erinnerung hatte. So führt die Spur zum Immobilienmakler Jan Seegmeister, der schon lange eine Liaison mit der Toten hatte.
Erniedrigung und Coaching
Conny Seegmeister weiß, das ihr Gatte untreu ist. Dabei verhält sie sich einkalt. „Nizza wird auch immer gefährlicher. Zu viele Russen!“ Der Tod der Nebenbuhlerin erschüttert sie nicht. Sie will, dass ihr überforderter Mann der Kommissarin gesteht, ein Verhältnis mit Michelle gehabt zu haben. Übers Telefon hört sie, wie er sich windet. Sie coacht ihn. „Gib’s ihr!“ Es wird ein hervorragendes Psychogramm eines Paares gezeigt, das sich nun nichts mehr zu sagen hat, aber eigene und gemeinsame Interessen die Ehe aufrecht erhalten.
Ihm wird der Druck zu groß, und er verabschiedet sich mit einem umfassenden Geständnis aus dem Leben.
Lena O. und der Mörder
Die Kommissarin kommt schnell mit dem Witwer der vor 12 Jahren getöteten Christin Ritterling in Kontakt. Seit zwei Monaten in Freiheit lebt Nicoals Ritterling auf einem Segelboot und frischt seine Kenntnisse als ehemaliger Sternekoch auf. Sie bezweifelt, daß er der Mörder seiner Frau war, aber er hat seinen Deckel drauf gemacht und bleibt bei seinem vor dem Urteil gemachten Geständnis. „Christin war das nackte Verderben“, sie habe ihn betrogen, und dafür habe sie büßen müssen.
Es entwickelt sich eine Beziehung, die von gegenseitigem Interesse und gemeinsamen Gaumenfreuden geprägt ist, während der Kollege und Mitbewohner auf seinem selbst Gemachten sitzenbleibt.
Lena erfährt dabei, dass sie nicht belogen wurde, aber von Nicolas doch nicht die Wahrheit erfahren hat. Die muss sie selber herausfinden.
Hund, Katze, Mäuschen
Der Tier-Content wird in diesem Tatort sehr gepflegt. Lenas Katze ist wieder mal zu sehen und muss damit leben, dass Kalbfleisch- und Thunfischhäppchen ausverkauft sind. Nur kurz zu sehen ist der Basset-Mischling Nippel der Nachbarin von Bäurles. Mehr Auftritte hat hingegen „Mäuschen“, die aber sehr menschlich ist und versucht, das Niveau des kleinen Lokal des pensionierten Kommissars mit ihren Kochkünsten zu heben. Leider sieht sie so aus, dass man davon ausgehen muss, dass das Futter für Lenas Katze hochwertiger ist…
Perfides Verwechslungsspiel
Ein Junkie-Pärchen und vom pensionierten Kollegen zugesandte Bildern eröffnen den Kommissaren die Lösung. Es war nicht Michaela Bäurle, die vor 12 Jahren mit Jan Seegmeister photographiert wurde, sondern Christin Ritterling abgebildet. Der Streit, der zum vermeintlichen Mord Ritterlings Frau führte, hat sich der wütende Mann von ihr verabschiedet. Jan Seegmeister, Zeuge des Streits und letzter Gast in Ritterlings Sternerestaurant, hatte ein Verhältnis mit Christin. Alkoholisiert hat er seinerzeit Michaela überfahren. Die Leiche wurde ans Steuer gesetzt und die Böschung heruntergefahren. Überzeugt, für die Tat schon gesühnt zu haben, scheut sich Ritterling nicht, seine Frau zu erschießen, als sie nach Ludwigshafen zurückzukehren, weil sie ihren Liebhaber für sich alleine haben will.
Doch die Trüffel muss er nun beim Kochen im Knast verarbeiten.
Bewertung
Zu Odenthals Jubiläum bekamen die Zuschauer Feinkost serviert. Neben weißen Piemont-Trüffeln und selbst gemachten Gnocchi mit selbst gemachten Pesto Genovese durften sie eine spannende Geschichte sehen, die trotz der Vierschachtelung präzise und nachvollziehbar war. Lena Odenthal verfolgt mit Beharrlichkeit, aber mit gebotener Sensibilität ihrer Intention, die sie zum Ziel führt. Das Jubiläum wurde dezent erwähnt: in Form eines Bildes bei ihrem ersten Fall, das der auf Odenthal von Conny Seegmeister angesetzte Privatdetektiv, bei seinen Recherchen in ihren vier Wänden gefunden hat.
Die Schauspieler waren glänzend aufgelegt und spielten wirklich hervorragend. Corinna Harfouch gab die eiskalte Conny Seegmeister beängstigend authentisch. Jeroen Willems zeigte eindrucksvoll die Feigheit eines Mannes. Nicolas Ritterling wurde von Thomas Sarbacher als zukunftsorientierter, von sich überzeugter und skrupelloser Täter sehr überzeugend dargestellt. Hans-Jörg Assmann, sonst eher als biederer und dennoch zwielichtiger Anzugträger aus den Wedel-Mehrteilern bekannt, gab einen herrlich schrulligen pensionierten Kommissar mit Imbiss und junger, schlechter Köchin. Auch die Nebenrollen waren gut und typenreich besetzt.
Das ergibt einen fast sehr guten Tatort, der eines Dienstjubiläums würdig war. (8,5/10)
Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus
Gratulanten: der SWR als Heimatsender, Teleschau-Mediendienst, SpOn, Bayerischer Rundfunk (Gespräch mit Ulrike Folkerts)
Meinungen: ChloevomSee, Annabell, Fielitz, Tatort-Forum
(Bilder: SWR/Krause-Burberg & Johannes Krieg)
Fremdneurosen