Monthly Archive for April, 2009

Kompliment über einen Umweg

Es ist wohl eine Form von Narzissmus und Paranoia, die mich gerstern dazu gebracht hat, einer Frau, die gerade mit einem etwas irritierten Blick die Niederlassung passiert hatte, nachzurufen: “Ja, das ist ein Rock!” Sie blickte noch irritierter zurück und antwortete etwas verlegen: “Ich habe gar nicht auf Sie, sondern auf den Abfalleimer geschaut. Aber der Rock steht Ihnen ausgezeichnet.”

Es war ein ziemlich normaler Aschenbecher mit Abfalleimer, aber vielleicht arbeitet die gute Frau bei einer Firma, die Abfalleimer herstellt oder gar Trambahnhaltestellen möbeliert…

Ich hab’s wieder getan.

Meines Sangeskünste sind umstritten. Ich mache bekanntlich nur selten von ihnen Gebrauch.
Neulich waren sie allerdings unabdingabr, um die Bewohnerin E. ins Klassenzimmer im anderen Gebäudetrakt zu bringen. Sie zog es vor, lieber häufig und lange stehen zu bleiben, anstatt sich zügig zum Unterricht zu begeben. Ich griff also zum Allheilmittel und begann “Es regnet, es regnet, die Erde wird nass” zu singen. Der Kollege drohte mir, daß gleich noch etwas anderes nass werde, wenn ich nicht augenblicklich aufhöre.
Die junge Dame indes begann zu lächeln und legte die letzten Meter ohne Zögern zurück.

Der Zweck heiligt die Mittel.

Unterm Alex

730. Tatort: Oben und unten (RBB)

Ermittler: Hauptkommissar Till Ritter (Dominick Raacke), Hauptkommissar Felix Stark (Boris Aljinovic); Kommissar Weber (Ernst-Georg Schwill)
Drehbuch: Natja Brunckhorst, Regie: Nils Willbrandt

Die Berliner Kommissare beschäftigen sich mit der Frage, wie man am unauffälligsten eine Leiche in die U-Bahn bringt. Denn der pleitegegangene Bauunternehmer Bauman wurde nämlich erschlagen in einer U-Bahn aufgefunden. Sie begeben sich in die Angründe seines Familien- und Geschäftslebens und des Berliner Untergrunds. Dort finden sie neben dem eigenbrötlerischen Künstler Gregor Sasmussen (Harald Schrott) auch den Betreuer einer Jugendgruppe, Daniel (Marlon Kittel). Baumann hatte mit seiner Frau Alissa (Muriel Baumeister) vor dem Mord ziemlich Ärger, ebenso wie sein Kompagnon Alsfeld (Hansjürgen Hürrig). Die ominöse Obachlose (Tatort-Königin Anke Sevenich), die auf dem entschidenden Bahnhofsvidoe zu sehen ist, führt sie zur Lösung. Sie war die erste Frau des Bauunternehmers, der hilfsbereite Daniel deren Sohn. Er hat sich für das Verlassen seines Vaters gerächt.
Und Peter Fox besingt den Berliner Morgen…

Ein Tatort für U-Bahnfreunde. Der Einblick in den Untergrund war ganz interessant. Wenn man allerdings schon immer denselben Zug zeigt, sollte es kein auffälliges Reklamefahrzeug sein. Atmosphärisch eine schöne Folge mit leider einer etwas schwachen Geschichte.
6,5 Punkte.

Mehr dazu gibt’s im Fundus. Geguckt haben noch Sopranisse, chloevomsee, Stralau-Blog, Fielitz und die Foren-Diskutanten.

(Bild: ARD / RBB)

Der Beweis


Das Münchner Nachtleben ist sogar tagsüber sehr fad.

Witz


Die gerne getätigte Aussage, daß die Kinder und Jugendlichen so heutzutage unpolitisch seien, ist mir zu pauschal.

(In einer der vielen Eltern-Kind-Initiativen im Viertel wird regelmäßig ein Witz ins Schaufenster gehängt. Die Kinder beobachten immer wieder interessiert, ob ihn auch jemand liest.)

Abgestellt


Ich weiß nicht, warum diese Trambahn einsam und verlassen am vergangenen Sonntag am Stachus stand. Drinnen war niemand zu sehen, aber man konnte einsteigen. Vielleicht wurde im Betriebshof der alljährliche Frühjahrsputz erledigt, und da schadet es nicht, wenn man ein wenig Platz hat…

Warum?

Hiob in den Kammerspielen

Autor: Joseph Roth, Regie: Johan Simons, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Dorothee Curio, Dramaturgie: Koen Tachelet, Julia Lochte, Musik: Paul Koek (Veenfabriek), Licht: Max Keller
Besetzung: Mendel Singer (André Jung), Deborah, seine Frau (Hildegard Schmahl)
Menuchim, sein Sohn (Sylvana Krappatsch), Mirjam, seine Tochter (Wiebke Puls), Schemarjah, sein Sohn; Groschel, Musikhändler (Edmund Telgenkämper), Jonas, sein Sohn; Kosake; Mac, Amerikaner; Skowronnek, Schuhmacher (Steven Scharf), Menkes, Bibelschreiber (Walter Hess)

Mit dem Glauben ist es so eine Sache. Vor allem, wenn man mit seinem Schicksal hadert so wie der jüdische Lehrer aus Schretl, Mendel Singer. Sein jüngster Sohn Menuchim leidet an Epilepsie (großartige Grand Mals von Sylvana Krappatsch!), Jonas zieht in den Krieg, Schemerjah desertiert und geht in die USA, seine Tochter Mitjam treibt’s mit einem Kosaken, und seine Frau kümmert sich nur noch um ihren kranken Sohn und ist wegen ihres trockenen Schoßes auch nicht mehr begehrenswert.
Besserung erhofft sich die Familie, in dem sie ihren Sohn, der sich nun Sam nennt, in das gelobte Land folgen. Menuchim lassen sie zurück. Sam fällt im ersten Krieg, Jonas gilt als vermisst, seine Tochter wird verrückt, und seine Frau stirbt ob des Kummers.
Mendel bricht mit seinem Glauben.

Ich verfluche Gott, aber er herrscht noch über die Welt.

Als Menuchim als berühmter Pianist seinem Vater in die USA folgt, ist Mendel wieder mit seinem Glauben versöhnt.

Eine wunderbare Parabel auf das Thema Glaube. Die Epilepsie, auch heute noch als Geisteskrankheit angesehen, steht symbolisch für die Strafe Gottes. Ein schwerer Stoff, der unter der Regie John Somons (dem zukünftigen Intendanten) hervorragend umgesetzt wurde. Das spartanische Bühnenbild (ein zweigeteiltes, mit Vorhängen versehenes Karussell; eine Seite zeigt das Leben in Schtetl, die andere die USA) passt hervorragend zum ärmlichen Umfeld der Lehrerfamilie. Die Darsteller, vor allem André Jung, sind wirklich großartig.
Zurecht langer Applaus vor nahezu ausverkauftem Haus.

(Bilder: Kammerspiele / Andreas Pohlmann [1], [2])

Scouting im Hinterhof

Fußballvereine beschäftigen heute hochbezahlte Männer, die auf allen Erdteilen nach brauchbaren Talenten Ausschau halten sollen. So auch der FC Bayern, der u.a. Paul Breitner nach Südamerika schickt, um allerhand Juwele an der Säbener Straße abzuliefern. Der Erfolg dieser Reisen ist, sagen wir mal, weder auf den ersten noch den zweiten Blick ersichtlich.
Aber so weit muss man doch nicht reisen; das Gute liegt bekanntlich so nah! Manchmal genügt eine Isar-Card.

In der Nachbarschaft spielen zwei Talente, die an Begabung sicher die begehrten Bender-Zwillinge vom blauen Nachbarn übertreffen, täglich Fußball. Sie werden immer professioneller: sie waren kürzlich zu einem vierwöchigen Trainingslager in Brasilien, jetzt üben sie sehr erfolgreich Kopfbälle.
Ich beobachte ihren fußballerischen Werdegang täglich vom heimischen Balkon aus: das sind Granaten!
Der Talentschuppen ist von der Säbener Straße ohne Umsteigen mit den Trambahnlinien 15 und 25 zu erreichen. Die Anreise mit dem Auto empfiehlt sich wegen der wenigen Parkplätze nicht. Der Nachwuchs trainiert, wenn es nicht regnet, täglich zwischen 15 und 19 Uhr. Der Kontakt kann über mich, den Berater, hergestellt werden.

Für die kommende Spielzeit können sie noch nicht eingeplant werden (aber das ist das einzige, was sie mit den südamerikanischen Supertalenten dos Santos, Sosa, Breno und wie sie alle heißen, gemeinsam haben). Aber es muss, wie von Vereinsseite gerne betont wird, perspektivisch gedacht werden!
Die Buben sind fünf Jahre alt.

Depot

Die Wegbeschreibung

Ich sitze im Bus, der die Trambahnlinie 12 ersetzt, weil die Gleise in der Nymphenburger Straße erneuert werden, ziemlich weit hinten. Am Rotkreuzplatz stellt der Fahrer den Motor aus. Wird hier eine Pause eingelegt?
“Oiso, dann fahrst’ in die Waisenhausstraß’, da is’ auch die Hoitestell’! Dann fahrst’ links in die Südliche Auffahrtsallee. Und dann biagst’ an der nächsten Kreuzung links ab. Des is’ die Renattasatraß’. Do fahrst g’radaus’, bis zur Romanstraß’. Da muaßd g’scheid lenka. Dort is’ recht eng. Und dann immer g’radaus bis zum Romanplatz.”
Es war nur die Übergabe an den ablösenden Fahrer, der sich offensichtlich mit dem Fahrtweg seiner Linie nicht vertraut gemacht hatte…

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