Monthly Archive for Mai, 2008

Schrauben bald nicht mehr einzeln

Der wirklich nicht schöne Rotkreuzplatz, der dennoch sehr belebt ist, wird in naher Zukunft noch ein wenig konturloser. Neben dem popligen Café am Rotkreuzplatz, deren Bedienungen so pink gekeleidet sind, wie sie unfreundlich sind, kann man noch bis Ende Juni in einem der letzten Haushaltswarengeschäfte, Schrauben einzeln, Kochtöpfe, Thermoskannen, Kaffeemühlen, Rodel und andere Dinge erwerben. Dann schließt Eisenwaren Josef Forster für immer seine Pforten. Das flache Haus weicht einem Neubau, von dessen Gestaltung laut Münchner Merkur noch nichts bekannt ist.
Wer noch einmal in das alte München reinschnuppern will, freundlichen Service und eine handgeschriebene Quittung für sein Erworbenes bekommen möchte, muss sich also ranhalten.

Nachtrag:
Ich habe dem Bild Sonnenschein und einen Bus hinzugefügt.

Hochzeitstage an einem lauen Sommerabend

Neil Diamond in der Olympiahalle

Man kann sich die Männer vor dem wieder mal vollkommen überraschend anstehenden Hochzeitstag gut vorstellen, wie sie verzweifelt über ein passendes Geschenk für ihre Liebste brüten. Das Bügeleisen letztes Jahr kam nicht so gut an (dabei war es doch wirklich das neueste!), das Bett-Zubehör aus dem Orion-Versand vor zwei Jahren zog eine schwere Krise nach sich und die Küchenmaschine vor drei Jahren ist auch schon hinüber.
Manchmal hilft dann nur ein heftiger Wink mit dem Zaunpfahl, um die Ehefrau zu beglücken.
“Du, Schatz, der Neil Diamond kommt nach München.”
“Hm…”
“Der hat so eine schöne Stimme!”
(Ach, der Schmalzkopf ist das.)
“Da würd’ ich so gern mit Dir hingehen.”

Anscheinend konnten viele Frauen im besten Alter ihre Ehemänner becircen, denn das Konzert von Neil Diamond war ausverkauft. Sind viele Konzerte ein Familienereignis, war es hier anders. Viele Frauen um die 40 hatten die beste Freundin oder eben ihren Mann dabei. In meinem Fall war es eine Kollegin, die mich daraufaufmerksam machte, daß wir da doch mit zwei Bewohnern hingehen könnten. (Gezahlt habe aber nicht ich, sondern der Förderverein, herzlichen Dank dafür!)
Der Anfang war recht skurril. Es wurde zweimal (auf englisch und auf deutsch) darauf hingewiesen, daß das Konzert (ohne Pause!) gleich beginne, das Photographieren und Rauchen nicht erlaubt sei. Außerdem werde es gleich ganz dunkel, und von daher könne dann “niemand mehr plaziert werden”. Das klang sehr nach Seniorenresiedenz St. Josef am Luise-Kiesselbach-Platz. Die Damen neben mir unkten, daß der Star des Abends wohl anderthalb Stunden spielen würde, damit alle noch rechtzeitig ins Bett kämen.

Um viertel nach acht ist es so weit: Der Verführer betritt die vollkommen abgedunkelte Olympiahalle. Begeleitet von vier Bläsern, einem Schlagzeuger, Keyboarder, Gitarristen, Bassisten und drei knackigen Background-Sängerin beginnt das Konzert, das zu Beginn eine schwer ertägliche Sound-Suppe ist. Das bemerkt auch Neil Diamond und scheint sich dessen zu schämen. Den dritten Song Sweet Caroline spielt er, nachdem er neu verkabelt wurde, noch einmal.

(Link)

Er spielt neue Songs (aus dem aktuellen Album Home Before Dark, seine erste Nummer 1 in den Billboard Charts!) und alte Hits, darunter auch I’m A Believer eine Kompositionon.
Ja, seine Stimme ist immer noch hervorragend, und die Damenwelt liegt ihm zu Füßen. Es entsteht eine angenehme Atmosphäre in der sehr sterilen Olympiahalle. Neil Diamond benötigt kein opulentes Bühnenbild und keine große Show, er überzeugt mit seiner Stimme, die von der Band sehr angenehm begleitet wird.
Nach zweieinviertel Stunden verlässt er die Bühne und schickt ein verzücktes Publikum in den lauen Sommerabend.

Der nächste Hochzeitstag kann etwas entspannter angegangen werden…

(Bild: Irisgerh / Wikipedia Commons)

Wohnungsnot?

Daß Wohnraum in München knapp und und vor allem teuer ist, ist mir bekannt. Aber ist die Not schon so groß, Wohnmobilsiedlungen zu gründen, wie in Neuhausen? Alleine in der Lachnerstraße zwischen Winthir- und Renatastraße stehen fünf Wohnmobile.

…und nebenbei wieder mal ein Bild für Saris Photo-Projekt 52, das letzte Woche Street Life zum Thema hatte.

(Die Bilder des Projekts)

Linke Realität

Im Dossier der noch aktuellen Zeit wird über das Jugendamt in Berlin-Wedding berichtet. Die Reportage, die man besser nicht auf nüchternen Magen lesen sollte, wirft einen interessanten Blick auf die Arbeit der Jugendämter, und was sich die Politik – und eben auch die Linke – darunter vorstellt.

Fritsch hört aufmerksam zu. Hin und wieder macht er sich Notizen mit einem vergoldeten Druckbleistift. Er ist Anfang 50, nur vier Jahre jünger als Wörsdörfer, aber es wirkt, als wäre er eine andere Generation. Nach der Wende bot sich ihm die Chance, die Sozialpädagogischen Dienste in Lichtenberg zu leiten; er machte an der Verwaltungsakademie für Führungskräfte ein Aufbaustudium für den gehobenen Dienst, dann wurde er zum Jugendamtsleiter berufen. Seit er für die Linken im Stadtrat sitzt, arbeitet er auch an den Wochenenden und benutzt einen Blackberry. In seinem dunklen Anzug wirkt er wie ein Fremdkörper an diesem Tisch.
(…)
Mit jedem Amt, das Fritsch bekleidet hat, ist sein Blick auf die Wirklichkeit ein wenig nüchterner geworden. Er weiß, dass er im Wedding die Verhältnisse nicht ändern kann. Dass er nicht reparieren kann, was in der Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik versäumt wurde. Was Fritsch gestalten kann, das ist die Organisation der Arbeit.
(DIE ZEIT)

Und, Oskar, was gibt es neues aus Kolumbien und Venezuela?

Hofiert

Wenn man von der Servicewüste Deutschland Abstand gewinnen will, gibt es zwei Möglichkeiten: man verreist – oder suche als Mann mit einem Kleinkind die Kinderkonfektionsabteilung eines großen Kaufhauses auf.
Ich habe mich für letzteres entschieden. Die Gruppenjüngste brauchte Hosen für den Sommer und einen Gürtel. Wir bauten uns beim Karstadt am Hauptbahnhof auf. Für Sehbehinderte wie mich sind die einzelnen Abteilungen sehr gut aufgeteilt und beschildert. Es wird zwischen den Geschlechtern und den Größen unterschieden. Also ward der Kleinkinder-Mädchen-Bereich sehr schnell ausfindig gemacht. Kaum hatten wir uns dort eingefunden, kam auch schon die erste Verkäuferin auf uns zugerannt. “Kann ich Ihnen behilflich sein?” Warum sich durch die Abteilung quälen, wenn es auch einfach geht? Ich zählte die Vorstellungen auf (Größe, die vorher noch mit dem Maßband ermittelt wurde, und vor allem kein rosa, denn ihr Kleiderschrank ist voll davon), was die Dame wohl ein wenig irritierte. Daß mann vorbereitet zum Einkaufen geht, schien ihr unbekannt zu sein.
Sie wetzte hin, sie wetzte her, und nach 30 Minuten verließen wir den Laden mit drei Hosen wieder. Das Kind rebellierte fast gar nicht, schob den Buggy auch nur zweimal in die Auslage und wirkte recht entspannt. Wir wurden äußerst zuvorkommend behandelt, und das Mädel bekam noch einen Haargummi und ein Schweißband für den Arm. Beim Verlassen der Abteilung winkten uns alle hinterher.

Männer traut Euch! Es muss ja nicht gleich mit dem eigenen Kind sein.

Nussecken

So, dann haben wir beim Eurovision Song Contest (früher auch als Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne bekannt) mal wieder ziemlich abgeschmiert. Dank der Bulgaren ziert Deutschland das Tabellenende mit England und Polen. Ich kann den Auftritt der No Angels (das Lied fand ich sowieso schon belanglos) und der anderen Teilnehmer nicht beurteilen, insofern erspare ich mir an dieser Stelle ein nicht fundiertes Urteil. Ich habe mir nur die Abstimmung angeguckt, weil ich es doch immer wieder faszinierend finde, wenn Dr. Peter Urban an der angeblichen Ostblock-Front verzweifelt.
Richtig ernsthaft habe ich dieses musikalische Kostümfest auch nur einmal angeschaut (zu Schulzeiten musste ich die Veranstaltung immer ein paar Tage im Musikunterricht Revue passieren lassen). Das liegt nun bereits zehn Jahre zurück. Guildo Horn ging damals für Deutschland an den Start. Ein ziemlicher Aufschrei ging durch das Land und Schlager-Onkel Dieter-Thomas Heck zweifelte an seiner Berufung, während Ralph Siegel im beschaulichen Solln frustriert in seinen Flügel biss.
Wir haben damals Nussecken gebacken (ich habe bisher dreimal gebacken: Space Cakes, einen Zitronenkuchen und eben Nussecken) und uns euphorisch vor dem Bildschirm aufgebaut.
Der Meister legte einen grandiosen Auftritt, der mit einem für heutige Maßstäbe unerreichbaren siebten Platz belohnt wurde, hin und verließ der Legende zufolge als erster Künstler während der Darbietung die Bühne, um mit dem Publikum anzubandeln.

(Link)

Rechtsanspruch auf Narrenfreiheit

Die Sozis treiben mich wirklich noch in die Arme der FDP. Jetzt haben die Damen und Herren der Parteispitze den gestern veröffentlichten Armutsbericht (warum ist der eigentlich auf der Seite des Arbeitsministeriums nicht zu finden?) aufmerksam gelesen und folgenden Schluss daraus gezogen:

Jährlich verlassen fast 80.000 Jugendliche die Schule ohne einen Abschluss. Diese jungen Menschen haben besondere Schwierigkeiten bei der Suche nach einem regulären Ausbildungsplatz und tragen damit ein erhebliches Risiko, langfristig arbeitslos zu sein. So waren im April 2008 laut Bundesagentur für Arbeit rund 510.000 Bürgerinnen und Bürger ohne Schulabschluss arbeitslos.

Der Rechtsanspruch auf das Nachholen des Hauptschulabschlusses (Berufsreife) gehört zu einem Vorsorgenden Sozialstaat.

Die Arbeitslosen ohne Schulabschluss machen laut der Statistik ein Siebtel aus; das ist im Vergleich zu vier Prozent arbeitslosen Akademikern (etwas aktuelleres habe ich nicht gefunden) sehr viel (lt. Statistischem Bundesamt hatten 2006 21 % der Bundesbürger über 16 Jahre die (Fach-)Hochschulreife, über 50 % einen Hauptschul- oder gar keinen Abschluss). Daß aber selbst ein guter Hauptschulabschluss keine Lehrstelle garantiert, hat sich anscheinend noch nicht bis zur selbsternannten Arbeiterpartei herumgesprochen. Dieser Rechtsanspruch ist ein bildungspolitisches Armutszeugnis, der nur die Vollkaskomentalität weiter unterstützt. Den Lehrkörpern in den Hauptschulen, die schon froh sind, wenn sie einen sinnvellen Unterricht gestalten können, macht dieses Ansinnen den Schulalltag auch nicht einfacher. Eine Garantie zur Armutsvermeidung ist dieser Impuls auch nicht.

Mindestlohn, Präsidentenwahl, Jugendschutz – die SPD findet auf alles Antworten, die nicht für durchdachte Konzepte stehen, sondern nur für den Rechtsanspruch auf Narrenfreiheit.

Halbzeitpause

Es ist interessant und amüsant, welche Werbung der Zufallsgenerator Google Adsense auf meiner Seite lanciert. Man muss nur über Fußball und urinierte Aufzüge schreiben, schon bekommt man ein Urinalsieb offeriert – der Knüller für die Halbzeitpause (in der sowieso nur Netzer und Delling ihre Beobachtungen austauschen), der schon während der WM sehr beliebt war und in vielen Kneipen zu finden war. Ob es für die fußballbegeisterten Frauen etwas ähnliches gibt, weiß ich nicht. Aber in Kombination damit steht auch ihnen der Torreigen offen…

Atmen noch erlaubt

Einer unserer Bewohner bemerkte vor einigen Jahren launig:

Verbote, Verbote, Verbote! Ihr habt doch alle einen Bienenstich!

Nun raucht, trinkt und spielt der Heranwachsende nicht. Zum Glück, sonst hätte seine Aussage noch mehr Gewicht.

Das Rauchverbot in Kneipen und Lokalen mag man noch mit der Gesundheit nichtrauchender Besucher begründen können, aber das Verkaufsverbot von Alkohol zwischen 22 und 6 Uhr im Ländle wirft schon bezeichnendes Licht auf die deutsche Regulierungswut, die gerne auch als Erziehungsauftrag oder Jugendschutz dargestellt wird. Und es ist die Kapitulation vor der eigenen Unfähigkeit, dafür zu sorgen, das Gesetze auch umgesetzt werden. Es ist für Jugendliche immer noch sehr leicht, tagsüber und nachts auf legalem Wege Alkohol zu erwerben. In Freiburg ist man noch einen Schritt weiter gegangen: als erste Stadt in Baden-Württemberg hat man für bestimmte Ecken ein öffentliches Alokoholverbot ausgesprochen. Das ist ein interessantes Erziehungsprinzip: Was man nicht haben will, will man auch gar nicht erst sehen.
In Rheinland-Pfalz hat man etwas anderes als jugendgefährdend entdeckt: das Pokern. Auch hier wieder das scheinheilige Argument: Jugendschutz:

Den natürlichen Spieltrieb der Bevölkerung in geordnete und überwachte Bahnen zu lenken, ist erklärtes Ziel des Glücksspielstaatsvertrages. Ohne Reglementierungen ist eine unkontrollierte Entwicklung des Glücksspielmarktes zu befürchten, der im Hinblick auf die möglichen Folgen für die psychische und wirtschaftliche Situation der Spieler und deren Angehörigen entgegengewirkt werden muss (Innenminister Karl Peter Bruch)

Grundlage ist der Glücksspielstaatsvertrag, der die seltsame Einstellung des Staates zum Glückkspiel sehr deutlich macht (aber in der Zielsetzung den “natürlichen Spieltrieb” – was ist das eigentlich? -mit keiner Silbe erwähnt). Solange es unter staatlicher Regulierung läuft (und damit auch das Säckel füllt), ist es in Ordnung, bieten es andere an, ist das zu verurteilen. (In Bayern verbietet man sogar Lottannahmestellenleiter, in ihrem eigenen Laden Lotto zu spielen.)

Warum wird eigentlich nicht gleich eine nächtliche Ausgangssperre für Minderjährige zwischen 22 und 6 Uhr verhängt? Nachtarbeit ist sowieso nicht erlaubt, also müssen sie draußen auch nicht rumstrawanzen. Sollen sie doch die Super Nanny oder Teenager außer Kontrolle gucken, um zu sehen, wie gut sie es doch haben. Sie verpesten dabei auch nicht die Luft und erhöhen das Sitzplatzangebot in Bus und Bahn.

Schlagzeilengedanken

Schäuble kommentiert Fußball im Hörfunk
Laufen Spieler mit ablaufender oder gar ohne Aufenthaltsgenehmigung über den Platz?

Scarlett Johansson singt Tom Waits
Das kann ich mir so gar nicht vorstellen.

Transnet-Chef Norbert Hansen wechselt zur Bahn
Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche…

Pages: 1 2 3 4 Next