683. Tatort: Kleine Herzen (BR; EA: 16.12.2007)
Ermittler: Ivo Batic (Miro Nemec), Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl)
Figuren: Anne Kempf (Janina Stopper), Tim Kempf (Felix von Opel), Frau Kempf (Anne Schwiekowski), Herr Kempf (Michael A. Grimm), Marc Sommer (Max Mauff), Kathrin Sommer (Samia von Arx), Herr Sommer (Eisi Gulp), Hannes (Philipp Moschitz), Herr Hage [Filialleiter] (Gerd Lohmeyer) Frau vom Jugendamt (Petra Einhoff), Ute [Trainerin] (Antje Brauner), Platzwart (Django Asül), Gerichtsmediziner (Jan Messutat), Radiosprecher (Dominik Pöll)
Drehbuch: Stefanie Kremser; Regie: Filippos Tsitos |

Bevor ich auf den letzten Münchner Tatort näher eingehe, beantworte ich gleich diese Frage, die unmittelbar nach der Sendung in meiner Statistik aufgetaucht ist:
“Ist Carlo Menzinger nicht mehr dabei?” Nein, der Carlo ist nicht mehr dabei. Der treibt sich in Thailand rum, schreibt aber seinen Ex-Kollegen Postkarten und hat Ivo seine Dienstmarke vermacht. Unter seiner Handynummer ist er auch nicht mehr erreichbar, deswegen müssen Ivo und Franz jetzt auch die Drecksarbeit machen. Und es kommt viel unangenehme Ermittlungsarbeit auf die beiden zu.
Anne Kempf ist 18 Jahre und alleinerziehende Mutter des vierjährigen Tim. Sie hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser: sie putzt und gießt bei einer Frau in einem nicht mehr neuen Einfamilienhäuschen, trägt Zeitungen aus und arbeitet in einem Supermarkt. Tim verbringt viel Zeit alleine, ihre Mutter will von den Problemen ihrer Tochter nicht viel wissen. Der Vater Marc Sommer kümmert sich nur sehr sporadisch um seinen Sohn. Seine Schwester Kathrin ist dafür dafür wesentlich involvierter in die Erziehung von Tim. Sie macht Anne auch immer wieder deutlich, daß Tim nicht alleine sein darf. Vor dem Konzert der Band Franz Friedrich (sollte das eine Anspielung auf Franz Ferdinand sein?) kommt es zum Streit zwischen den beiden jungen Frauen, bei dem Kathrin über die Brüstung einer Brücke gestürzt wird und stirbt.
Kathrins und Marcs Vater, ebenfalls alleinerziehend, kämpft mit dem Alkohol und kann mit seinem Sohn nicht viel anfangen. Der Tod seiner Tochter verstört ihn noch mehr.
Die Ermittlungen bei Annes Eltern sind nicht ergiebig.
Während Anne sich mit dem Filialleiter Hage und der Dame vom Jugendamt, die es nicht stört, daß Tim nicht da ist, herumschlägt, tappen die Kommissare im Dunkeln und betrauern Carlos Abgang. Marc verheddert sich allerdings in Widersprüche, die beim Platzwart seines Fußballvereins auftreten. Denn die Auswertung der Telefonnummern auf Kathrins hat ergeben, daß Marc, der auf ein College in Stanford spart, kurz vor ihrem Tod mit seiner Schwester telefoniert hat. Das Spiel endete früher, als er angegeben hatte, und so ist er der Hauptverdächtige.
Anne lässt sich vom Kollegen Hannes zu einem Kneipenabend überreden. Davor sperrt sie Tim nach einer heftigen Auseinandersetzung im Bus im Haus, in dem sie putzt, ein. Sie genießt den Abend, während Tim seinen Hunger mit Bonbons stillt. Im Morgengrauen am Café Münchner Freiheit endet ihre Nacht.
Als Marc den Brief abschicken will, entdecken ihn die Kommissare und stellen ihn. Er gibt zu, mit Kathrin gesprochen zu haben, berichtet aber auch, daß sie noch mit Anne verabredet war. Sie suchen Anne auf, die entkräftet behauptet, ihr Sohn sei überfahren worden. Tim sendet telefonische Hilferufe nach draußen.
Tim wird gerettet. Das letzte Bild zeigt ihn auf den Armen seiner Mutter, Ivo und Franz stehen daneben.
Zunächst war ich ein wenig genervt, schon wieder Kinderverwahrlosung auf dem Krimiteller serviert zu bekommen. Stefanie Kremser und Filippos Tsitos ist es gelungen, einen beklemmenden Film ohne moralischen Zeigefinger zu inszenieren. Janina Stopper verkörperte Anne, die sich immer mehr von der Mutterrolle entfernt, sehr gut. Eisi Gulp als desillusionierter wie wortkarger Vater war eine sehr gute Besetzung. Miro Nemec und Udo Wachtveitl nahmen sich wohltuend zurück, ohne zu Statisten zu verkommen. Inwieweit die Darstellug des Jugendamts der Realität entspricht, möchte ich nicht weiter vertiefen.
Ein leiser Tatort, der ohne hysterische Effekte wie in Frankfurt auskam. Wer auf einen klassischen Krimi gehofft hat, wird sicher enttäuscht gewesen sein.
Mehr dazu beim Bayerischen Rundfunk, im Fundus, bei Sopran, Fielitz und im Forum.
(Bilder: BR/avista Film/klick/Christian A. Rieger)
Fremdneurosen