Monthly Archive for November, 2007

Wer sich nicht wehrt, muß an den Herd!

So steht’s bei Muttern (alleinerziehend, erwerbstätig) am Herd.

Die Diskussion um Krippenplätze, verwahrloste Kinder und das polemisch als Herdprämie bezeichnete Betreuungsgeld zeigt es wieder nur allzu deutlich: inhaltlich kommt sehr wenig, sei es von den Politikern oder den transportierenden Medien. Die SPD verhält sich wieder mal bei der Familien- und Bildungspolitik wie das Kaninchen vor der Schlange: sie weiß nichts beizutragen. Da der neue Arbeitsminister erst eingearbeitet werden muss, mag man dafür vielleicht noch Verständnis aufbringen…
Dennoch ist es interessant, daß die eigentlichen Auseinandersetzungen um das umstrittene Betreuungsgeld vornehmlich unionsintern ablaufen. Und die SPD ergötzt sich an dem Wort Herdprämie (auch Gluckengehalt genannt).

Es ginge doch ganz einfach, wenn man denn nur wollte:
Steckt Euch das Betreuungsgeld an den Hut! Schafft dafür kostenfreie Krippen- und Kindergartenplätze, investiert in entsprechend ausgebildetes Personal (anstatt daran zu sparen) und lasst dann die Eltern entscheiden, ob sie das Angebot in Anspruch nehmen wollen oder nicht.
So schlimm es auch sein mag: es werden immer wieder Kinder verwahrlosen. Aber schert nicht 90 Prozent über einen Kamm mit einer Minderheit, die man wohl weder mit verpflichtenden U-Untersuchungen (auch so ein bürokratischer Vorschlag, der in erster Linie wieder Geld kostet, das anderer Stelle fehlt), Betreuungsgeld oder regelmäßigen Jugendamtsbesuchen erreichen wird.
Ja, das kostet Geld, richtig Geld. Und man muss für diese Idee über den nächsten Wahlsonntag hinaus denken.

Den Kritikern des Betreuungseldes, die ansonsten nichts zu dieser Debatte beizutragen haben, sei noch gesagt: Kinder-, Erziehungs-, und Elterngeld werden auch nicht in Naturalien oder Bezugsscheinen für Windeln oder Schulbücher ausgezahlt. Auch bei diesen Zahlungen besteht die Gefahr, daß sie in Flachbildschirme oder einen Satz neuer Winterreifen investiert werden.
Außerdem impliziert dieser Vorwurf doch ein recht böses Bild über Eltern, der mit Misstrauen noch höflich umschrieben ist. Denn so sagt der Soziologe Michael Opielka:

Weder die alltägliche Anschauung noch die Jugendhilfestatistik lassen den Schluss zu, dass alle Eltern das Geld für ihre Kinder in Schnaps oder Flachbildschirme umsetzen. Im Gegenteil: Repräsentative Studien von Armutsforschern zeigen, dass die meisten Eltern eher an sich selbst sparen als an ihren Kindern. (WDR / Hart aber fair)

Und, liebe Sozis, passt auf:
Wer sich nicht wehrt, muß an den Herd – ob mit oder ohen Betreuungsgeld. Auch eine große Koalition findet mal ihr Ende.

Zonenrandgebiet

Es gibt Orte und Häuser, die man immer wieder aufsucht, obwohl man dort gar nicht hin will. Zum Glück kann ich das von meinem Arbeitsplatz nicht behaupten. Ein schönes, altes denkmalgeschütztes Gebäude mit ebenso angnehmer Atmosphäre innen.

Doch einmal im Jahr verschlägt es mich auf eine Tagung in die Rhön. Mittlerweile zum fünften Mal. Immerhin dauert die Anreise dorthin nicht mehr so lange wie früher; dem Fortschrit in Form der A71 sei Dank. Nun habe ich das Pech, die Rhön immer dann zu erleben, wenn es kalt ist. Dazu gesellen sich entweder Regen oder Nebel. Dieses Mal war es Nebel. Das besondere Ärgernis dieses Jahr war, daß wir nach rund gefühlten vier Wochen Pisswetter das Millionendorf bei zaghaftem Sonnenschein verliessen.
Die Freizeitmöglichkeiten in dieser Gegend beschränken sich auf den Besuch der Wasserkuppe. Für die Freaks unter den Rhönbesuchern empfiehlt sich noch eine Moorwanderung. Ich kam letztes Jahr in den zweifelhaften Genuss, mich auf dem weichen Boden fortzubewegen. Neben der unerträglichen Feuchtigkeit hatte ich das Gefühl, immer wieder in ein Loch zu teten. Da ziehe ich eine Klammwanderung unter Geröll eindeutig vor.
Zur spartansichen Gegend passt auch das Tagungshaus. Mit Mitteln der Zonenrandförderung gebaut, bietet das Haus Standard, der für damalige DDR-Verhältnisse sicher gehoben war. Jugendhergsfeeling für Menschen zwischen 30 und 55 – nun ja, wer es angenehm findet, sich mit rund 30 Menschen drei Duschen zu teilen, wird sicher auf seine Kosten kommen. Wer an das Eessen keine Ansprüche stellt, wird auch nichts vermissen. Für mich ist jedes Zelten mit Bill Collins’ serbischer Bohnensuppe die ehrlichere Variante des Verreisens.

Aber es ist dort nicht alles schlecht: der mittlerweile ziemlich aufgemotzte Kiosk mit den Thüringer Rostbratwürsten an der Hochrhönstraße ist wirklich empfehlenswert (aber der hatte diesmal leider zu).

Blind für Anfänger

In den letzten Tagen wurden zwei Filme gezeigt, in den die Hauptfiguren sehr sehgschädigt bzw. blind waren.

680. Tatort: Bevor es dunkel wird (HR)

Die Frankfurter Kommissare Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwoo (Jörg Schüttauf) müssen den Tod der alleinerziehenden HartzIV-Empfängerin Mechthild Stemmer, die ehrenamtlich für die Mittagstafel gearbeitet hat, aufklären. Sie wurde mit Zynkali vergifetet. Das war aber nicht, wie es die gespritze Orange am Anfang suggerierte, in Lebensmittel, sondern in ein Tampon gespritzt worden. (Wie kann man nur auf etwas ekliges kommen? Mir war wirklich kurze Zeit der Appetit verdorben). In Frage kamen ihr Ex-Mann (Oliver Breite), der in der Familie nur seinen Sohn (Frederick Lau) hinter sich weiß. Denn Tochter Vanessa (Karoline Schuch) steht auf Seiten der Mutter, Bruder Thimmy (Leonard Carow irgendwo in der Mitte. Dummerweise wird beim Ex Zyankali gefunden, was ihn spätestens jetzt zum Hauptverdächtigen macht.
Eebenfalls in der Verlosung ist der Leiter der Mittagstafel Jochen Bender (Fritz Karl) mit dem Mechthild liiert war. Doch war der dummerweise auch mit der Sponsorin der Mittagstafel Regina Schottmüller (Kirsten Block) zusammen. Die erwartet nicht nur ein Kind von ihm, sondern ist auch noch mit ihrer Schwägerin Ines (Marina Krogull) verkracht, weil sie sich nicht mit den Verkaufsplänen für das gemeinsame Sanitätsgeschäft einverstanden erklärt und von ihren Machenschaften weiß.
Zu guter letzt tappt sich noch Mechthilds Freundin Annegret Zimmer (Ina Weisse) durch den Film, die erblinden wird und nur noch einen Röhrenblick hat. Die hat früher für das Sanitätshaus Schottmüller gearbeitet, verlor aber wegen der Skrupellosigkeit durch ihre Chefin Regina Schottmüller ihr Baby und den Job. Nach langen Jahren der Schmach wolte Annegret Regina. Das vorgesehene Tampon verlieh Regina an die unschuldige Mechthild.
Daneben wird dem Assistenten Jan Gröner (Sascha Göpel) viel Raum eingeräumt, der innerhalb von 90 Minuten vom schnöseligen Porschefahrer zum Privatinsolventen, der im Dienst seine schicke Kaffeemaschine veräußern will (der eingeweihte Leiter der Mordkommission Fromm (Peter Lerchbaumer) erbarmt sich am Ende), mutiert. Die andere Zuarbeiterin Ina Springstub (Chrissy Schulz) ist für eine alleinerziehende Halbtagskraft erstaunlich präsent. Vielleicht ist das ein Grund, warum die Kommissarin Sänger diesmal nicht gar so erschüttert in den Abgründe Frankfurts wühlen muss, während Dellwoo sein junges Glück genießt und sich eine Lesebrille anschaffen muss.

Vielleicht hat die Autorin Henriette Piper den gut simulierten Röhrenblick ihrer Mörderin, als sie diese geschichte schrieb. Den das war bis jetzt die schwächste Frankfurter Folge. Zu Gute halten muss man ihr, daß sie die Kommissarin Sänger nicht allzu verzweifelt ermitteln ließ.
Hervorragend dezent und für mich fast unkenntlich war unter der Regie von Martin Enlen Fritz Karl als Jochen Bender. Er sah zwar aus wie Nikolaus Brender, aber das tat seiner guten Darstellung keinen Abbruch. Ina Weisse als erblindende Mörderin hat mich nicht wirklich überzeugt. Für jemanden, der sich mit immer schlechter werden Augen durch eine Großstadt bewegen muss, bewegte sie sich erstunlich sicher durch den Großstadtdschungel. Ich durfte mit einer Simulationsbrille zwei Stunden durch eine fremde Stadt laufen. Wahrlich kein Vergnügen…

Mehr Informationen zum Tatort gibt’s im Fundus, weitere Meinungen bei sopran, Fielitz und im Tatort-Forum.

FilmMittwoch: Der Novembermann (WDR)

Lena (Barbara Auer), die Frau des Pastors Hermann Drömer (Burghart Klaußner), fährt im November zum Ausspannen alleine in die Toskana. Der Pastor erfährt, daß sie auf ihrer Reise in einem Bus bei Bremen ums Leben gekommen ist. Er kann sich nicht erklären, was sie in Bremen gemacht hat und gibt sich auf ihre geheimnisvolle Spur und landet bei Henry – was für ein Name für einen blinden Fotografen! – Lichtfeld (Götz George), der auf Sylt lebt. Henry verbringt sein Leben klavierspielend und zehrt von Lenas Besuchen im November. Ansonsten ist sein einziger Kontakt zur Außenwelt die Klavierschülerin Nico (Henriette Confurius). Der Pastor versucht sich inkognito an Henry heranzutasten um herauszufinden, was seine Fau immer wieder zu ihm getrieben hat. Er verpasst sich beim Blick auf den Kühlschrank Bauknecht. Er bemerkt, wie sehr sich seine Frau und er im Laufe der Zeit voneinander entfernt haben, und er trotz “heißer Milch und Kekse nachts um 2″, die intensivsten Momente der Beziehung, eigentlich nur für seine Gemeinde gelebt hat. Für seine Tochter Susanne (Bernadette Heerwagen) und seine Enkelin Leonie (Charlotte Lüder) hat er auch nur wenig Geist. Der verschrobene und nach außen raue Henry zeigt Bauknecht, was im Leben wichtig ist. Leibe, Leidenschaft, usw. Als Henry merkt, daß Lena nicht kommen wird, will er sich in der Badewanne vergiften. Der Pastor beschließt, ihn ans Grab seiner Frau zu führen.
Gemeinsam überführen sie ihre Urne (sind Feuerbestattungen unter den Evangelen üblich?) in den hohen Norden und verteilen ihre Asche gemeinsam in der Nordsee.

Unter der Regie von Jobst Christian Oetzmann ist kein grandioser Film (Buch: Magnus Vattrodt) entstanden. Allerdings tragen Götz George, der aus dem blinden Fotografen vielleicht noch mehr herausgeholt hätte, und Burghart durch ihre unaufgeregte Darstellung diese Geschichte, die so einige Haken hat. Woher die Tochter weiß, wo sich ihr Vater aufhält, wir nicht klar. Auch den Schluss mit der Urne bot sich dramaturgisch an, war aber ansonsten wirklich daneben.

Was bleibt?
Solche elementare Einschränkungen wie eine Sehbehinderung oder gar Blindheit wirklich gut darzustellen, ist wirklich schwer. Götz George ist das in meinen Augen (sic!) recht gelungen, Ina Weisse nicht so sehr. Georges Blicke, die ins Leere wanderten und die erschwerte Orientierung waren eindrucksvoll. Das sichere Holpern mit Sonnenbrille und Langstock im Tatort waren dagegen wenig überzeugend.

(Bilder: ARD/HR, ARD/WDR)

Seid verschwendet, Millionen!

30 Miliionen Euro sind eine verlockende Summe. Und diese Summe scheint den Leuten das Geld regelrecht aus der Tasche zu treiben.
Als ich am Abend den den großräumigen Tabakladen am Ostbahnhof aufsuchte, kam ich kaum rein, weil er voller Lotto-wütiger Menschen war, die auf die Schnelle noch ihren Schein abgeben wollten.

Den Staat wird’s freuen…

Fahrgastbefragung

Daß ich am Wochenende auf dem Weg zu meinen Frühdiensten in der U-Bahn ständig schlecht gekleideten Menschen von der MVG meine Fahrkarte zeigen muss, daran habe ich mich schon gewöhnt. Ich weiß auch nicht, wie müde ich sein muss, um diese Damen und Herren nicht vorher zu erkennen.

Gestern wurde ich allerdings nicht kontrolliert, sondern befragt. Das war noch schlimmer, weil ich gezwungen war, vor Betreten des Arbeitsplatzes meinen Mund zu öffnen. Ich wurde gefragt, ob ich am Max-Weber-Platz ein- oder umgestiegen sei (wäre ich das nach der Untersbergstraße oder dem Bonner Platz auch gefragt worden?), und welche Fahrkarte ich benütze.
Liebe Leute, das sind die falschen Fragen! Um diese Zeit dürft Ihr nur Fragen stellen, die man, ohne vorher nachdenken zu müssen, mit einem eindeutigen Ja oder Nein beantworten kann (z.B. “Möchten Sie einen Kaffee?”). Denn neben müden und noch maulfaulen Arbeitnehmern fahren auch von den Eindrücken der vergangenen Nacht sprachlich eingeschränkte Menschen mit…

Suchmaschinenreport

Synthese Werbeverbote
Hä?

schlappgelacht
habe ich mich angesichts mancher Suchbegriffe schon öfter.

Iris Berben Botox
Dazu möchte ich lieber nix sagen…

Franz Josef Strauss nach dem Maul reden
Das haben u.a. Edmund Stoiber, Max Streibl und Peter Gauweiler gemacht.

euphemistische Berufsbezeichnungen
Raumkosmetikerin, z.B.

Frau guckt Kind
Isser nicht süß, der Kleine?

Wo kann ich meine Sex Bilder bloggen
Hier auf alle Fälle nicht.

erotische Bilder von mir
Hamma wieder Unordnung in den eigenen Dateien?

Entschuldigung schreiben für die Schule
Was ist denn daran so schwer? Schon während meiner Schulzeit gab es dafür spezielle Formulare (noch als Matrize).

Soll Sport ein Vorrückungsfach werden
Nein!

Weisheiten mit Leben
Tote Wiesheiten bringen’s auch nicht.

Kurschatten 14
Ich kenne nur Isar 12.

Die unbemerkten Sauereien des Staates

Wenn man von einer Tagung zurückkehrt, hat man in der Regel neu erworbenes Wissen im Gepäck und manchmal auch eine Menge Wut. Die Verabschiedung des Gesetzes zur Vorratsdatenspeicherung verlief ja schon in beängstigend ruhigen Bahnen. Aber die kleinen Sauereien, die der Staat in die Tat umsetzt, werden in der Öffentlichkeit so gut wie gar nicht bemerkt. So ist er sich nicht zu fein, alle Menschen, die im Kinder- und Jugendbereich (Krippe, Kindergarten, Jugendzentrum, Heim, etc.) arbeiten, vorzuverurteilen.
So ist im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG / SGB VIII) nachzulesen.

§ 72a Persönliche Eignung

1Die Träger der öffentlichen Jugendhilfe sollen hinsichtlich der persönlichen Eignung im Sinne des § 72 Abs. 1 insbesondere sicherstellen, dass sie keine Personen beschäftigen oder vermitteln, die rechtskräftig wegen einer Straftat nach den §§ 171, 174 bis 174c, 176 bis 181a, 182 bis 184e oder § 225 des Strafgesetzbuches verurteilt worden sind. 2Zu diesem Zweck sollen sie sich bei der Einstellung und in regelmäßigen Abständen von den zu beschäftigenden Personen ein Führungszeugnis nach § 30 Abs. 5 des Bundeszentralregistergesetzes vorlegen lassen. 3Durch Vereinbarungen mit den Trägern von Einrichtungen und Diensten sollen die Träger der öffentlichen Jugendhilfe auch sicherstellen, dass diese keine Personen nach Satz 1 beschäftigen.

Die in dem Passus erwähnten Paragraphen beziehen sich auf die Sexualdelikte im Strafgesetzbuch (StGB).

Damit hier keine Missverständnisse aufkommen: wer sich schon an Kinder und Jugendlichen sexuell vergangen hat, hat in diesem Bereich nichts verloren und gehört umgehend rausgeschmissen. Das Problem, daß es Menschen gibt, die sich an Kindern vergehen, löst sich mit diesem Paragraphen nicht. Eine Einrichtung, die Wind davon kriegt, daß ein Mitarbeiter innerhalb und außerhalb der Einrichtung Kinder misshandelt, wird ihn umgehend rausschmeißen. Dafür reicht ein (unbegründeter) Verdacht schon vollkommen aus. Diejenigen, die nicht verurteilt sind, weil sie nicht erwischt wurden, werden dadurch auch nicht ausfindig gemacht werden. Der Paragraph schürt also nur Misstrauen, anstatt Probleme zu lösen!
Und was geht es meinen Arbeitgeber an, wenn ich mehrmaliger Trunkenheit am Steuer rechtskräfig verurteilt bin, aber dienstlich überhaupt nicht Auto fahre und noch nie betrunken am Arbeitsplatz erschienen bin?

Müssen Buchhalter eigentlich auch in regelmäßigen Abständen mittels Führungszeugnis nachweisen, daß sie keine Steuern hinterziehen?

München ist doch nicht Tokio!

Gerhard Matzig, SZ-Redakteur und Architekturkritiker, hat (im Zusammenspiel mit Joachim Käppner) wieder zugeschlagen. In der aktuellen Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung wird gegen die Münchner Stadtentwicklungspolitik gewettert. Leider haben die Herren genügend Anlass, weit auszuholen. Das fängt bei der “Kirchturmpolitik” an (also dem erfolgreichen Hochhaus-Bürgerentscheid von Georg Kronawitter, der auch außerhalb Münchens für Kopfschütteln sorgte).
Nun sollte man fairerweise nicht vergessen, daß der Süddeutsche Verlag ein Verlierer dieses Bürgerentscheids ist, denn musste er doch sein geplantes Hochhaus in Steinhausen erheblich abspecken, was die die taz seinerzeit aufs Korn nahm.
Dennoch kann ich den Autoren leider nur recht geben. Meinen Frust über die Neubausiedlungen der letzten Jahre habe ich kürzlich freien Lauf gelassen.

Beinahe beiläufig erwähnen sie sie, daß Kazunari Sakamotos Entwurf für die Wekbundsiedlung Wiesenfeld (auf dem Gelände der ehemaligen Luitpoldkaserne) mit den Stimmen der rot-grünen Rathausmehrheit abgelehnt wurde. Sie sei zu wenig sozial, ökologisch und zu teuer. Daß München für diese Siedlung, die herkömmliche Denkstrukturen aufgebrochen hätte, für Furore gesorgt hätte, spielte wohl keine Rolle. So schrieb Oliver Herwig in der nextroom Architektur Datenbank:

Er hatte den Mut, gegen die Bauordnung zu planen, indem er gegen Blockrandbebauung und Zeile ein offenes Raumgefüge schmaler Kuben entwarf – ästhetisch und stadträumlich ein Genuss, durchaus problematisch, was Kosten und Ökobilanz der vielen Bauten angeht. Sakamoto wagt einen Tanz aus Dichte und Öffnung. Das Arrangement der drei Typen von Häusern – intern San Gimignano genannt – setzt auf Verhandlungsspielräume und offene Prozesse, wie sie Japan prägen.

Wären die Stadtplaner in den 60er Jahren ähnlich mutlos gewesen, würde heute wohl niemand mehr vom Ensemble Olympiapark sprechen. Die FAZ sprach im Vorfeld dieser Entscheidung davon, daß die Stadt “vor einer historischen Chance, vielleicht aber auch vor einer historischen Blamage” stünde. Sie hat sich ganz münchnerisch für die Blamage entschieden. Bei aller Weltoffenheit, die wir vor allem während der geldträchtigen Wiesn zur Schau stellen, aber daß uns ein Japaner sagt, wie eine Stadt aussehen kann, das geht natürlich nicht! Mir san hier doch ned in Tokio! Es reicht schon vollkommen aus, wenn uns Schweizer zeigen, wie ein anständiges Stadion aussieht.

Jetzt wird ein neuer Wettbewerb ausgeschrieben. Die Teilnehmer wissen ja jetzt, worum es geht. Ihre Entwürfe müssen sozial, okölogisch und billig sein. Wie sie aussehen, dürfte wohl zweitrangig sein.

(Bild: Werkbundsiedlung Wiesenfeld)

Aha!

Neben Edvard Munch, Lachs, Mette-Marit, A-ha und dem Holmenkollen gibt es in Norwegen noch eine bemerkenswerte Band, auf die ich letzte Woche aufmerksam gemacht wurde: Kaizers Orchestra.
Nachdem was ich bisher gehört habe, sind sie musikalisch sehr abwechslungsreich (als Vorbilder werden Tom Waits, AC / DC), so fließen Rock, Folk und Polka ein. Zum Inhalt der Texte kann ich nicht viel sagen, da die Herren ausschließlich in ihrer Heimatsprache singen. In ihrer Heimat sind die Norweger wohl eine ziemlich große Nummer, aber südlich ihrer Heimat werden sie auch bekannter.
Zum Reinhören gibt es “Evig Pint” (Für immer gepeinigt).

[youtube:http://youtube.com/watch?v=zOKLu-jX7YQ]

Noch mehr Information über Kaizers Orchestra gibt auf ihrer offiziellen und auf einer deutschen Seite.

Der ganz normale Wahnsinn in einer Wohngruppe

Ich werde immer wieder gefragt, wie denn der alltag unser Bewohner aussieht, und was wir den lieben, langen Tag so treiben. Umd das Ganze mal etwas anschaulich zu machen, habe ich einen Wochentag während der Schulzeit (ein Mittwoch, der Tag der bei uns auf der Gruppe eigentlich am dichtesten gedrängt ist) ausgesucht.

[6:25] Der Frühdienst kommt auf die Gruppe. Die Nachtwache schreibt in der Nachbargruppe noch die letzten Zeilen für die Übergabe. Der Frühdienst wackelt noch schlaftrunken in die Nachbargruppe, wo Übergabe, Kollegin und Kaffee warten. Evtl. auch schon die Bewohner Nina, die gerne früh aufsteht.

[6:30] Die Nachtwache setzt zur Übergabe an, die je nach Nacht unterschiedlich lang ausfällt. Im Extremfall bis kurz vor 7…

[6:50] Die Meute wird Hunger haben. Also wird der Fühstücktisch gedeckt, Kaffee und Tee gekocht.

[7:00] Die Schulkinderpflegerin kommt. Es bleibt noch Zeit für einen kurzen Plausch, bevor der Wahnsinn in Gang gebracht wird.

[7:15] Die ersten Bewohner sind wach, freuen sich auf Ansprache und einen neuen Tag. Der Bewohner Anthony erinnert vorsorglich den vergesslichen Betreuer an seinen Logopädie-Termin um 15 Uhr.
Nebenbei werden die Betten abgezogen und neu bezogen.

[7:45] Die Lehrerin kommt.

[8:00] Alle sitzen am Frühstückstisch. Ein Bewohner muss gefüttert werden, den anderen muss mindestens beim Brotstreciehn geholfen werden.
Die gemeinsame Mahlzeit wird von ca. 5 Anrufen gestört. Nebendrama: es gibt kein Nutella.
Die erste Waschmaschine läuft.

[8:30] Die Schule beginnt, die beiden Mädels müssen in andere Klassen gebracht werden.
Der reichhaltige Frühstückstisch wird abgeräumt. Kurzer Austausch mit den zuständigen Lehrerinnen. Die Küche wird für die Reinigungsfrau startklar gemacht.

[9:00] Zwischen Haushalt (mittwochs werden die Bad-Gerätschaften geputzt, dazu Wäsche waschen, aufhängen / trocknen, zusammenlegen, einräumen), Arbeitskreisen, Telefonaten, Gruppenleitersitzungen, Arztbesuchen ist alles drin.
In der Schulpause erinnert Anthony den vergesslichen Betreuer daran, daß er um 15 Uhr Logopädie habe.

[11:00] Die Zeit rast.

[11:30] Das Mittagessen und die Konserven werden aus der Großküche geholt. Der Mittagstisch wird gedeckt.

[12:00] (Der erste Spätdienst rückt an.)
Die Mädels müssen aus ihren Klassen abgeholt werden.

[12:15] Mittagessen;
Bewohner in die Mittagsruhe bringen, Tisch fürs Team decken, Kaffe kochen.
Der Bewohner Anthony erinnert vorsorglich noch einmal den vergesslichen Betreuer an seinen Logopädie-Termin um 15 Uhr.

[13:00] Die Spätdienste trudeln ein.
Das Team beginnt, der Zivi schreibt Protokoll.
Clemens muss aufs Klo und braucht Hilfe. Die Bewohnerin Edith kommt in die Küche und hofft auf Kekse. Sie wird wieder weggeschickt, kommt aber noch ca. dreimal. Nina will malen, Fotos anschauen und Lauras Stern sehen.

[15:00] Das Team ist vorbei.
Tohuwabohu, weil der (die) Frühdienst(e) das Doku ausfüllen und noch eine Übergabe loswerden wollen, während die Spätdienste den Tisch für die Nachmittagsbrotzeit herrichten, die Spülmaschine aus- und einräumen und die Bewohner aus den Zimmern holen.
Der Logopäde kommt, und dem vergeslichen Betreuer dämmert etwas…

[15:30] Es ist wieder System im Chaos. Die Bande sitzt frisch gestriegelt am Tisch, trinkt Tee und isst Obst (oder auch mal Chips).

[15:45] Die Gruppe wird ausgehfein gemacht. In der kalten Jahreszeit mit Fellsäcken, bemützung, Bejackung, etc. ein aufwendiges Unterfangen.

[16:00] Warten am Lift, weil gerade Tagesstättenabholzeit ist, und die Busse die Kinder nachhause fahren wollen. Böser Blick einer Kollegin. Was uns denn einfiele, um diese Zeit, etc… – freundliches Zurücklächeln.
Wir kommen doch noch raus.

[17:00] Heimkehr. Die Kinder werden, sofern sie es nicht selber können, von ihren Winterklamotten befreit.
Im Bad warten Wäsche, in der Küche eine Spülmaschine und ein zu deckender Tisch und auf der Gruppe hungrige Bewohner.

[17:30] Abendessen.

[18:30] Die Küche wird abgeräumt.
Die Bewohner werden gewaschen, geduscht oder gebadet.
Die Klampfe wird ausgepackt, oder ein Buch vorgelesen. Einige werden angerufen, Betreuer führen kurze, telefonische Elterngespräche.
Mit einem oder zwei Bewohnern werden Müll und Essenswagen weggebracht.

[20:15] Die Bewohner werden ins Bett gebracht. Wichtige Fragen (“Wer hat morgen Frühdienst?”) werden dabei noch erörtert.
Die Übergabe wird geschrieben.

[20:30] Der Nachtdienst kommt und bekommt seine Übergabe.
Kleinere Tätigkeiten, die keinen Lärm verursachen werden noch erledigt.
Die ersten Spätdienste gehen nachhause.

[21:00] Der letzte Spätdienst verlässt das Etablissement.

Noch Fragen?

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