Monthly Archive for Oktober, 2007

De mortua nil nisi bene

Wenn die Fernsehschaffenden ehrlich wären, würden sie nicht nur den Tod von Evelyn Hamann betrauern, sondern auch ihre Unfähigkeit, diese wirklich gute Schauspielerin nach ihrem Schaffen bei Loriot adäquat zu beschäftigen. Ihr Auftritt als Frau Michaelis in der “Schwarzwaldklinik” machte das Grauen aus dem Glottertal auch nicht erträglicher, als “Adelheid” machte sie neben den Mördern auch den Zuschauern das Leben schwer. Sie war wirklich gut – zeigen durfte sie es nur selten. Es ist wenigstens ein Trost, daß man Evelyn Hamann vor allem wegen ihrer Rollen bei Loriot in guter Erinnerung behalten wird.

Es mögen ihr oben bessere Rollen angeboten werden. Aber wahrscheinlich muss ihr dazu erst Loriot folgen…

Nachrufe im Spiegel und in der Zeit.

Wum: “Ich wünsch’ mir ‘ne Mietzekatze”

Das Lied ist vollkommener Unsinn, aber im Gegensatz zu dem ganzen DSDS-Quatsch und anderen Möchtegernsängern immer noch Kultur. Denn erstens ist diese Komposition nicht von Dieter Bohlen, und zweitens war Loriot so vornehm, die Einnahmen komplett der damaligen “Aktion Sorgenkind” (heute “Aktion Mensch”) zukommen zu lassen. Und er hat hat seinen Hund Wum singen lassen.

[youtube:http://youtube.com/watch?v=BntJrN7EBMs]

Mit solidarischer Partnerschaft zur Revolution

Kunst braucht Raum. Da ist es natürlich sehr aufmerksam (und das meine ich wirklich vollkommen ohne Ironie), daß die Sendlinger SPD ihr Büro für “Kunst in Sendling” zur Verfügung stellt. Dabei entsteht ungewollt eine höchst interessante Komposition zum Thema “Raum”.
Neben der Ausstellung hat mich vor allem das Ambiente fasziniert. Denn dort findet vor allem das statt, was Bruno Jonas als Postbote Tango in der wunderbaren Bogner-Serie “Irgendwie & Sowieso” mit einer Frage auf den Punkt gebracht hat: “Effendi, was macht die Revolution?”
Was die Revolution macht, weiß ich nicht. Da sich Freitag abend kein SPD-Mitglied als solches zu erkennen gab (und ich war fast fünf Stunden dort), bin ich nur auf Vermutungen angewiesen. Die Revolution beinhaltet mehrere Punkte:

  • Das Verbot der NPD
  • Die Herausgabe eine Schülerkalenders (in dem u.a. die Wiederwahl Daniel Ortegas dieses Jahr verewigt ist)
  • Abschaffung der Studiengebühren
  • Bekämpfung des Mietwuchers

Die Sendlinger SPD ist mir ihrem Vorhaben auch nicht alleine, denn sie weiß in “solidarischer Partnerschaft” (so steht es auf der Urkunde) die SPD in Schauenstein an ihrer Seite.

Das Schönste daran ist: es gibt ausreichend Zeit für die Revolution! 15 Wochen parlamentsfreie Zeit (siehe Abbildung) ermöglichen 37 Wochen Vorbereitungszeit. Denn es soll ja nichts überstürzt werden. Vielleicht empfiehlt sich vorher noch eine Studienreise nach Kuba, von der Ex-Genosse Oskar ganz begeistert war. Dort findet sich mit Sicherheit auch eine Ortsgruppe, die die Ambitionen solidarisch begleitet…

Kinderparadies

Frau Wortteufel hat mich soeben an einen IKEA-Besuch (es war auch an einem Montag!) erinnert. Im schwedischen Möbelhaus gibt es auch immer nette Durchsagen.

Der kleine Martin möchte aus dem Kinderparadies abgeholt werden!

Eine Minute später:

Putzfrau bitte ins Kinderaparadies!

Clevere Alimente

Wo gehobelt wird, fallen Späne. Nirgendwo wird das deutlicher als in der Politik, in der gerne rhetorisch scharf formuliert wird, um seinen Standpunkt deutlich zu machen. So weit, so gut. Kurt Becks Kurs bei der Agenda 2010 muss man auch nicht wirklich unterstützen. Aber was Peter Clever, einer der drei BDA-Hauptgeschäftsführer und Verwaltungsrat in der Bundesagentur für Arbeit, heute früh im DLF losgelassen hat, schießt übers Ziel hinaus:

Ordnungspolitische Orientierung heißt, kein Rütteln an der Agenda 2010: weder im Hinblick auf die Arbeitsmarktpolitik, dass wieder Geld rausgeschmissen wird, noch die Verlängerung von Sozialleistungen. Wir wollen, dass die Menschen Arbeit bekommen, und uns nicht den Kopf zerbrechen, Arbeitslosigkeit möglichst lange zu alimentieren.

Eine wenig clevere Formulierung…

Carlos letzter Fall

677. Tatort: Der Traum von der Au (BR; EA: 21.10.2007)

Ermittler: Hauptkommissar Ivo Batic (Miroslav Nemec), Hauptkommisar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl), Oberkommissar Carlo Menzinger (Michael Fitz)
Figuren: Metzgerin Gerti Moser (Johanna Bittenbinder), Konrad Strobl (Fritz Karl), Hausbesitzer Peter Bachinger (Alexander Held), Hausmeister Mikosz (Volker “Zack” Michalowski), Malee Grassl (Young-Shin Kim), Ton Grassl [Sohn von Malee] (Patrick Gehrhardt), Pierre Traublinger (Dennis Grabosch), Naomi (Valie Fuchs), Frau von Helmstedt (Andrea Wildner), Professor (Norbert Heckner), Dr. Stoll (Hubert Mulzer), Immobilienmaklerin Inga Uhl (Tina Bordihn), Frau Silin von der Initiative für Thai-Frauen (Soogi Kang), Polizeipathologe Dr. Simon Rössle (Jan Messutat), Anwalt (Gerhard Wittmann), Ärztin im Krankenhaus (Julia Koschitz), Walter Strobl [Vater von Konrad] (Gerry Scott), Ex-Hausmeister Grassl (Werner Paul)
Drehbuch: Peter Probst; Regie: Tim Trageser)

Mit dem gestrigen Fall nahm Oberkommissar Carlo Menzinger seinen Hut. In 44 Fällen gab Menzinger den treuen Zuarbeiter für die Hauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr. Dabei hat er interessante Entwicklung genommen. Wirkte er anfangs wie ein Vorstadt-Prolet, hat er sich im Laufe der Jahre sehr verändert. Die Haare wurden länger und wieder kürzer, und der Schanuzer fiel. Er machte Yoga-Übungen (Kampf-Buddhismus in “Gefallene Engel”) während des Dienstes, war einsamer Single (“Sechs zum Essen”), und einmal durfte er alleine ermitteln (“Starkbier”). Schnauzer und Zopf wichen einem radikalen Kurzhaarschnitt. Aber eins ist immer gleich geblieben: er blieb bis zum Schluss der Depp für seine Vorgesetzten, der die lästige Kleinarbeit übernehmen durfte. Nach 16 Jahren ist damit Schluss, der Carlo macht aus dem Trio wieder ein Duo. Damit verlässt mein Liebling innerhalb dieses Temas den Tatort.

Ivo Batic liebäugelt mit dem Kauf einer Wohnung in der Au, weil sie schon immer sein Lieblingsviertel war. Dummerweise wird im Keller dieses Hauses der ehemalige Hausmeister Herbert Grassl tot aufgefunden. Man hat ihn mit Stiefeltritten malträtiert.Von seiner thailändischen Frau Malee und dem Sohn Ton fehlt jede Spur. Ein Video zeigt, daß Grassl seine Frau geschlagen hat. Mit einiger Mühe gelingt es den Kommissaren, den neuen, eifrigen Hausmeister Mikosz aus der Wohnung des Toten fernzuhalten.
Die Ermittlungen führen sie zur Metzgerin Gerti Moser , die über alles im Haus informiert ist und die Ermittler mit ihren Erzeugnissen erfreut. Zunächst stoßen sich auf den Installateur Konrad Strobl, der seinen Vater sechs Wochen zuvor durch Selbstmord verloren hat. Er bezeichnet sich als Freund von Grassl und und hält den Hausbesitzer Peter Bachinger für den Mörder, dern Suizid seines Vaters auf dem Gewissen habe und vor allem daran interessiert ist, luxussanierte Wohnungen teuer abzustoßen. Die Grassl-Wohnung will er sofort renovieren.
Vom Arzt des Hauses, Prof. Stoll erfahren die Kommissare, daß er Grassl seinen Beruf wegen zu viel Quecksilber im Körper an den Nagel hängen musste.
Strobl knüpft sich auch gleich den Bachinger vor und landet nach heftiger Schlägerei im Rechts der Isar. Dort bleibt er nicht lange, so daß sich Ivo und Franz nicht großartig um die anderen Hausbewohner kümmern können. Bei der Observation der Strobl-Werkstatt werden die zwei gut versorgt; Ivo wird von Frau von Helmstedt, die laut Metzgerin Gerti wechselnde Männerbekanntschaften hat, mit frischgepresstem Orangesaft becirct, während Franz den Anblick der wenig bekleideten Freundin Naomi vom Schnösel Pierre Traublinger bei Zitronen-Ingwer-Tee genießt. Strobl sucht auch seine Werkstatt auf, in der er Grassls Frau und Sohn behebergt. Dort taucht auch die gestohlene Kamera mit dem Schläger-Video auf.
Am nächsten Tag fliegt Bachinger mit seinem Jaguar in die Luft. Der junge Traublinger, der dem Ex-Hausmeister Hakenkreuze an den Briefkasten gemalt hat, während der wiederum seinen Mitbewohner wegen Drogen in den Knast gebracht hat, gibt unterdessen zu, auf den toten Grassl eingetreten zu haben und hofft damit straffrei wegzukommen. Allerdings hat der Ex-Hausmeister noch gelebt, auch wenn die Dosis Quecksilber in seinem Körper sehr hoch war, und er daran gestorben wäre.
Der ansonsten eher abwesende und aufbrausende Carlo findet heraus, daß sich Malee Cremé mit Quecksilberanteilen aus der Heimat schicken ließ. Sie berichtet von Eifersucht und Schlägen. Die Cremé hat bleichende Wirkung. Diese hat sie der Metzgerin gegeben, damit ihre Sommersprossen weggehen. Von der Nymphomanin Helmstedt erfahren die Kommissare, daß Gerti in Grassl verliebt war. Vor ihrer Verhaftung will sie den Kommissaren noch einen letzten Leberkäs geben (“Wird ja ois schlecht, wenn i nimmer da bin.”).
Carlo folgt diesen Ermittlungen nur beiläufig. Er wirkt abwesend, telefoniert mit New-Mexico, ärgert sich über seine Vorgesetzten (“Schöne Kollegen, einen wie einen Primaten behandeln.”), führt seinen E-Type vor. Nur bei seiner Thailand-Recherche ist er hellwach. Nach dem der Fall gelöst ist, eröffnet er seinen Kollegen, daß er gekündigt hat und nach Thailand geht, um Ferienhäuser zu bauen. Er hat von einem Onkel einen ganzen Wohnblock geerbt, der ihn finanziell unabhängig macht. Mit seinem Jaguar macht er sich aus dem Staub. Ivo und Franz bleiben mit dem Geschenk zu Carlos 25-jährigen Dienstjubiläum, einem ferngesteuerten Jaguar, zurück.
Auf den “immer sprudelnden Quell nutzloser Weisheiten” (Franz) müssen sie in Zukunft verzichten.

Im Gegensatz zum vergleichsweise matten Wiesn-Tatort war diese Folge um einiges spritziger. Carlos Abschied wurde in eine schöne Geschichte gepackt. Im Gegensatz zum ersten Münchner Wohnungsspekulanten-Tatort (“Tote brauchen keine Wohnung”; 1973) wurde der Baulöwe nicht ganz so überspitzt dargestellt. Die Charaktere wurden sehr gut dargestellt, auch wenn Fritz Karls Strobl vielleicht eine Spur zu übertrieben war. Johanna Bittenbinder als Gerti war wunderbar. Bis in die kleinen Nebenrollen (z.B. Volker Zack Michalowski als Mikosz) war diese Folge sehr gut besetzt.

Anhang
Hintergrund: Bayerischer Rundfunk, Tatort-Fundus
Meinungen: Sopran, Fielitz und anderen Tatort-Guckern

(Bilder: [1] BR/klick/Rolf von der Heydt; [2] – [4] BR/Erika Hauri)

Pfeifkonzert

Impressionen vom Länderspiel Deutschland – Tschechien

AllianzArena

Mit reichlich Verspätung komme ich dazu, von meinem ersten Länderspiel, das ich vor Ort gesehen habe, zu berichten.

Wenn es in den U-Bahnen nicht so brechend voll wäre, wäre die Fahrt mit einer Gruppe Jugendlicher mit Behinderungen wesentlich einfacher, da es nicht weiter auffällt, wenn sie ihre Vorfreude kaum im Zaum halten können. Das Gros der Fußballfans ist wesentlich lauter.

Wo man im Fußballtemepel sitzt, ist eigentlich egal. Man sieht bekanntlich von allen Plätzen sehr gut. Schön ist, daß die Rollstuhlplätze nicht, wie im Olympiastadion, direkt am Spielfeldrand, sondern etwas zuschauerfreundlicher in den Blöcken platziert sind. Das Rahmenprogramm bei Länderspielen scheint etwas kärglicher zu sein als im Bundesliagaalltag. Das hat den angenehmen Vorteil, daß man nicht mit allzu viel Werbung, dämlichen Zuschaueraktionen und anderem behelligt. Den musikalischen Höhepunkt bildet die Kapelle, die die Nationalhymnen spielt. Danach werden noch schnell Bildchen geschossen. Bevor es dann endlich losgeht.

Über das Spiel noch großartig Worte zu verlieren, erspare ich mir. Nur so viel: David Odonkor ist unglaublich schnell (aber nicht zwingend effektiv), und Lukas Podolski sucht nach über einem Jahr in der AllianzArena immer noch die Orientierung.Lauter als das Polizeiorchester war das Pfeifkonzert nach dem 0:3. Der Bewohnerin E. hat das Pfeifen gefallen, mir nicht, weil ich es übertreiben fand. Ja, es war ein Scheiß Spiel, das die Jungs abgeliefert haben. Es wäre auch mit dieser B-Elf mehr als diese verdiente Klatsche drin gewesen. Aber nach einem wirklich schlechten Spiel so loszulegen, finde ich daneben.
Aber so ist das eben: gestern hui, heute pfui.

Die Jugendlichen hatten trotz der Niederlage ihren Spaß. Für blinde Fans gibt einen schönen Service: Mit Kopfhörern können sie das Spiel kommentiert verfolgen.

Ein Dank geht noch an die Herren von MVG, die uns in Fröttmaning einen Weg an der wartenden Masse vorbei in die leere U-Bahn gebahnt haben.

Sage mir Deinen Spitznamen…

Die CSU ist für vieles bekannt: für die Erfindung Bayerns, politische Skandale (Spiegel-, Zwick-, Käseschachtelaffäre u.a.) und ihre Fähigkeit, die Oppostion im Landtag auch noch zu übernehmen.

Weniger beachtet werden dagegen die Spitznamen, die verdiente Mitglieder bekommen haben. Das fängt natürlich mit ihrem Gründer, dem Ochsen-Sepp (Josef Müller) an. Der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Erich Kiesl war auch als Propeller-Erich bekannt. Wenig schmeichelhaft dagegen sind Old Schwurhand (Friedrich Zimmermann) und Kopf-ab-Jaeger (Richard Jaeger). Der junge Stoiber wurde als blondes Fallbeil bekannt (bevor er später den Spitznamen seiner Frau publik machte).
Bei den jetzigen Mandatsträgern scheinen Spitznamen ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Umso besser, daß mit Georg Schmid jemand ins Rampenlicht gerückt ist, der einen, wie ich finde, sehr schönen Spitznamen hat: Schüttel-Schorsch.

Cloudspotting

Clouds

Daß die Briten ein recht eigenwilliges und dennoch liebenswertes Volk sein können, beweist Cohu in schöner Regelmäßigkeit.
So muss es auch nicht verwundern, daß folgende Organisation ihren Usprung in Großbritannien hat: The Cloud Apprecation Society (dt.: “Gesellschaft zur Wertschätzung der Wolke”).

We pledge to fight ‘blue-sky thinking’ wherever we find it.
Life would be dull if we had to look up at cloudless monotony day after day.
(aus dem Manifest)

Böse Zungen könnten behaupten, daß es vor allem in England viele Möglichkeiten des Cloudspottings gibt. Aber diese Gemeinschaft hat mittlerweile Mitglieder in aller Herren Länder. Wen das nicht überzeugt, dem sei die umfangreiche, nach Kategorien gegeliederte Bildergalerie empfohlen.

Der Gründer der Wolkenliebhaber, Gavin Pretor-Pinney hat auch ein Buch über das Wolkenbeobachten geschrieben. “The Cloudspotter’s Guide” ist mittlerweile auch auf deutsch erschienen.

Wer das jetzt alles für Unfug hält, dem sei gesagt: der bayerische Himmel ist auch nicht blau, sondern weiß-blau…

“Es geht Dich nix an.”

676. Tatort: Unter uns (HR)

Gegenstand dieses Tatorts mit dem Frankfurter Ermittlerduo Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwoo (Jörg Schüttauf) sind zwei Handlungsstränge. Zunächst steht eine Geiselnahme im Arbeitsamt im Blickpunkt. Der arbeitslose Klempnermeister Wolfgang Kunert (Michael Brandner) verliert nach vierstündiger Wartezeit bei seiner Vermittlerin Heide Ganz (Lena Stolze) die Nerven, bringt sie in seine Gewalt und schießt einen Kollegen nieder, der dem Schuss erliegt. Seine Frau Karin (Franziska Walser) will sich sich von ihm scheiden lassen. Nach einer Nacht in Kunerst Gewalt entkommt die Sachbearbeiterin. Seine Frau, von der er sich entfremdet hat, die ihn aber immer noch liebt, bringt die Kommissare auf die richtige Spur. Im Palmengarten kommt es zum Showdown. Umringt vom SEK sieht er keinen Ausweg mehr und setzt seinem Leben ein Ende.
Dazu menschelt es im Revier. der übereifrige Assistent Gröner (Sascha Göpel) wird zurückgepfiffen, der seltsame Staatsanwalt Dr. Scheer (Thomas Balou Martin) zeigt sich sehr nett und schmeißt eine Runde Pizza, die Assistentin Springstub (Chrissy Schulz) zeigt ihr Baby vor, und der Leiter der Mordkommission Fromm (Peter Lerchbaumer) hält den Laden zusammen.
Parallel dazu führt das in Charlottes und Fritz’ Nachbarschaft gezogene achtjährige Mädchen Mädchen Ronja (Charlotte Lüder) auf eine Familientragödie. Ronja will gesehen haben, wie ein Mädchen aus dem Fenster der der Winterbergs (Susanne-Marie Wrage und Stefan Jürgens) einen Ball geschmissen hat. Niemand glaubt ihr zunächst, weder ihre Mutter (Ulrike Krumbiegel) noch die Kommissare. Das Fenster ist mit schwarzer Folie abgedeckt. Bei den Ermittlungen im Arbeitsamt findet die Kommissarin heraus, daß es neben den zwei jugendlichen Söhnen auch noch eine achtjährige Tochter geben muss. In der Eckkneipe streitet und küsst sich das Ehepaar Winterberg, das Hartz-IV-Prekariat lebt seinen Niedergang aus.
Nachforschungen ergeben, daß Lena einen Kindergarten besucht und anderthalb Jahre im Heim gelebt hat, weil die Eltern überfordert waren.
Am Ende wird in dem abgedunkelten Zimmer ein fast verhungertes Mädchen gefunden, das nur knapp dem Tod entronnen ist. Die Tapete ist an verschiedenen Stellen heruntergerissen, der Teppich ist zerfusselt. In ihrem Magen werden Tapetenreste, Teppichfussel und Haare gefunden. Während des Verhörs sagen die Eltern Sätze wie “Sie war wie ‘n Hund – so anhänglich”, Sie war nicht vorzeigbar”, “Sie hat alles kaputtgemacht, sogar den Teppich. Sie hat die Wand abgekratzt”.

Sehr schnell zeigt sich, daß die Geiselnahme nur Geplänkel ist. Die Kindsverwahrlosung steht im Vordergrund. Sehr beklemmend wird das nachbarschaftliche Desinteresse (“Es geht dich nix an.”) dargestellt. Parellelen zu Jessica, Kevin und anderen Auf traurige Weise bekannt gewordenen Kindern werden sichtbar (die ihr Martyrium nicht überlebt haben) werden offensichtlich und sind gewollt.
Die Autorin Katrin Buhlig und die Regisseurin Margarethe von Trotta wollen mit diesem Tatort gegen das Wegschauen, Ignorieren und Gleichgültigkeit angehen.
Das gelingt ihnen, denn die Bilder sind eindrucksvoll, ebenso die darstellerischen Leistungen.
Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Folgen Schwächen hat. Die Kindesmisshandlung hätte komplett 90 Minuten füllen können, die Abgründe hätten dadurch mehr Raum bekommen. Die Geiselnahme wirkte in dem Konzext sehr aufgesetzt und wenig durchdacht. Daß eine Geschichte mit gesellschaftlichen Kontext alleine eine Folge tragen kann, wurde vor einigen Jahren mit “Herzversagen” nachgewiesen.

Das ändert aber nichts daran, daß gestern abend ein außergewöhnlicher Tatort gezeigt wurde – in meinen Augen der bisher beste in diesem Jahr.

Wie immer gibt es umfassende Informationen zu dieser Folge im Fundus. Meinungen gibt’s bei Sopran, Fielitz und im Tatort-Forum.

(Bild: ARD / HR)

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