Eigentlich bin ich kein Anhänger von Bryan Adams’ Musik. Genau genommen finde ich ihn richtig schlecht. Seine Musik ist recht langweilig, er strahlt überhaupt nichts aus und taucht nie in den Klatschspalten auf, und seine Fans schätzen ihn für seine Natürlichkeit. Nun ja, wer’s mag. Wenn die Musik schon nicht so perlt, sollte doch zumindest das Privatleben opulent sein…
Dennoch habe ich eine CD von ihm im Regal stehen: “Reckless”, die 1984 herausgekommen ist. Daß ich diese Platte habe, hat einen Grund: sie erinnert mich immer wieder an meine erste Auslandsreise, die ich ohne die Obhut des Elternhauses unternommen habe. Meine Mutter meinte in bester Absicht, mein miserables Englisch könnte sich verbessern, wenn ich an einer Sprachreise teilnähme.
So landete ich, noch 15-jährig, in Bournemouth. Das liegt an der Südküste Englands und ist ein bliebetes Urlaubsziel. Bournemouth gehört zu den sonngsten und wärmsten Orten auf der Insel. Ich weiß gar nicht mehr, wieviele Halbwüchsige wir waren, aber 20 junge Menschen zwischen 15 und 18 Jahren dürften wir wohl gewesen sein. Schon bevor die Reise losging (es gab einige Vortreffen), verliebte ich mich hemmungslos in N. aus dem beschaulichen Harlaching, das meine Avancen zumindest nicht ignorierte. Diese Geschichte sollte mich während der drei Wochen ziemlich beschäftigen. So viel kann ich an dieser Stelle verraten (weil sie für den weiteren Verlauf keine Rolle spielt): sie ging nicht gut aus.

Schon auf der Anfahrt zeigte sich, daß diese Reise zwar nicht mein Englisch signifikant verbessern sollte, aber zumindest meine Schlafgewohnheiten. Mit einer damals aus der DDR Ausgereisten machte ich die Nacht im Zug nach Oostende durch. Auf der Fähre nach Dover wurde der Liebeskranke dann auch noch seekrank, bevor die Reise über London (mit dem Zug) ca. 24 Stunden später in Bournemouth endete. Auf einem Rastplatz machte ich erstmals mit den englischen Essgewohnheiten Bekanntschaft. Die Auswahl bei Wimpy schreckte mich ab, so daß ich dankend auf die dort angebotenen Burger verzichtete. Daß das Essen in den weiteren drei Wochen nicht besser werden sollte, ahnte ich an dem Abend nicht. Labbriger Toast, warme Mahlzeiten aus der Mikrowelle, seltsam schmeckende Chips – bis heute der Hauptgrund, warum ich seither britischen Boden nicht mehr betreten habe. Eine Mikrowelle habe ich auch bis heute nicht.
Nach Anbruch der Dunkelheit kamen wir in Bournemouth an und wurden von unseren Gastfamilien in Empfang genommen. Das war ein witziges Paar. Er hieß genauso wie ich und war Musiker, sie hieß Sharon und arbeitete in einem Pub. Gemeinsam hatten sie einen vierjährigen Sohn und fanden die Politik von Magret Thatcher gut. In dem kleinen Haus wohnte noch ein befreundetes Paar (das so aussah, als hätte es ständig Sex miteinander) und ein blonder italiensicher Sprachreisender, der zwei Tage nach unserer Ankunft im großen Park zusammengeschlagen wurde. Ich teilte mir ein Zimmer mit einem “Feind”: er kam vom Max.
Das Familienleben war ein Kulturschock – es fand nicht statt.. Der Fernseher lief schon am Morgen, wenn wir uns zum Frühstück begaben. In der Früh lief eine moderierte Kindersendung, in der ein bunt gekleideter Mann mit bunter Brille rumhüpfte und mit hoher Stimme ins Wohnzimmer schrie. Dazwischen liefen Zeichentrickfilme. Den Sohn des Hauses, für den das offensichtlich eingeschaltet wurde, interessierte es kaum. Einmal erlaubte ich mir den Fernseher auszumachen. Zehn Minuten später lief die Kiste wieder. Es gab eigentlich nur einen Anlass, zu dem sich wirklich alle im Haus Anässigen vor dem Bildschirm versammelten: bei der Geburt von Fergies Tochter Beatrice.
Am ersten Tag stand vormittags ein Test an, das die Spreu vom Weizen trennen sollte. Daß ich zur Spreu gehören würde, war eigentlich von Anfang an klar. Wir wurden dort auch mit “Dr. and Mrs. Luckman” konfrontiert, die die Sprachenschule leiteten, konfrontiert. Er war ein weißhaariger, älterer Herr und sprach sehr bedächtig. Seine Frau war ca. zehn Jahre jünger und sprach weniger zurückhaltend. Vor allem endete ungefähr jeder zweite Satz mit einem hoch endenen Lachen. Uns wurde ihre Art als britischer Humor verkauft. Ich fühlte mich ein wenig an Ludwig Thomas Lernstudio beim Hauptmann Semmelmaier erinnert. Ob beide eine ähnliche Karriere hatten, weiß ich nicht. Wahrscheinlich nicht. Da ich zur Spreu gehörte (schwacher Trost: N. war auch in meiner Gruppe), hatte ich mit dem Ehepaar in den weiteren Stunden nichts zu tun. Dafür hatten sie eine Frau, an die ich mich so gar nicht mehr erinnern kann.
Zum Unterricht fuhren mit den gelben Bussen. Im Gegensatz zu den meisten deutschen Verkehrsbetrieben, hat jede Richtung ihre eigene Liniennummer. Als Fahrgast brauchte man eine Menge Geduld, denn die Busse (auch die Doppeldecker) hatten nur eine Tür. So dauerte jede Fahrt ziemlich lange, und es war faszinierend zu beobachten, wie sich alle, ohne zu drängeln und zu schubsen, in Reih und Glied aufstellten, um in den Bus zu kommen. Es gab auch kein Meckern, als es eine aus unserer Gruppe, der es während jeder Fahrt schlecht wurde, nicht mehr ganz nach draußen schaffte. Der Fahrer wischte alles provisorisch weg und meinte an der Haltestelle nur freundlich: “Be careful, it’s slippery.”… Im Oberdeck durfte geraucht werden, davon hatte ich damals allerdings noch nix.
Nicht vergessen will ich den Grund, warum viele Engländer nach Bournemouth fahren: den Strand! Wenn die Stadt das Motto „Pulchritudo et salubritas“ (Schönheit und Gesundheit) hat, muß ja etwas dran sein. Hm, das Wetter war nicht besonders. 15 bis 20 Grad bei trüben Himmel waren eigentlich die Regel (wenn es nicht geregnet hat). Aber das hielt die angereisten Briten (und uns) nicht davon ab, sich trotzdem an den Strand zu legen. So gab es auf dem hellen Sand sehr viel bleiche Haut zu sehen. Ich habe ihn wirklich sehr sauber in Erinnerung. Dennoch stellte ich sehr bald fest, daß das nutzlose Rumliegen nichts für mich ist (was sich Jahre später während einer Italienfreizeit mit Jugendlichen bestätigte).
Ach ja, ein “Kulturprogramm” gab es auch. Wir waren einen Tag in Stonenhenge. Ich konnte mit dem Haufen Steine allerdings nichts anfangen, wofür ich mir zuhause einen ziemlichen Rüffel eingefangen habe. Aber auch bei heutiger Betrachtung erschließt sich mir dieses Bauwerk nicht.
An den Londonbesuch erinnere ich mich nur noch fragmentarisch. Es war ziemlich heiß (einer wenigen wirklich schönen Tage), und wir sind vor dem Buckingham-Palast in irgendeine Parade geraten. Der Verkehr war wirklich beeindruckend – vom blauen Himmel hat man nicht viel gesehen.
Unser Gastfamilie war leider nicht gewillt, uns etwas von ihrer Gegend zu zeigen. An den Wochenenden, wo wir keinen Unterricht hatten, zog sie es vor zu schlafen…
Das Nachtleben stellt für Halbwüchsige, wie wir es waren, eine Herausforderung dar. Ich weiß nicht mehr, wie wir es angestellt haben, aber in viele der Pubs sind wir auch als Minderjährige reingekommen. Unsere Gastmutter, die im “Bear Cross” arbeitete, war zwar not amused, wenn sie uns erblickte, aber anscheinend wollte sie sich es mit uns nicht verscherzen.
Auf jeden Fall wurde ich, der bis zu dieser Reise immer ein Frühausfsteher war, ein Langschläfer.
Als einer, der seine Pubertät nicht verklärt (eigentlich fand ich sie nur grauenhaft), war diese Reise trotz des geringen, schulischen Erfolgs, der Höhepunkt der pickligen und stimmbrüchigen Jahre.
(Bilder: Amazon: [1]; Wikipedia Commons [2], [4], [5]; Flickr [3])
Fremdneurosen