34. Tatort: Tote brauchen keine Wohnung (BR; EA: 11.11.1973)
Ermittler: Kriminaloberinspektor Melchior Veigl (Gustl Bayrhammer), Kriminaloberwachtweister Ludwig Lenz (Helmut Fischer), Kriminalwachtmeister Brettschneider (Willy Harlander), Kriminalassistent Faltermayer (Henner Quest), Kriminlarat Härtinger (Hans Baur); Gastkommissar Böck (Hans Häckermann)
Besetzung: Josef Bacher (Andreas Seyferth), Rudi Mandl (Arthur Brauss), Mutti Mandl (Maria Singer), Opa Hallbaum (Wilhelm Zeno Diemer), Liese Hallbaum (Elisabeth Karg), Terry Hallbaum (Veronika Fitz), Geliebter von Terry (Günther Maria Halmer), Jürgen Hallbaum (Robert Seidl), Nadja Bacher (Mady Rahl), Ruth Bacher-Segova (Veronika Faber), Erwin Kramm (Holger Hagen), Frau Altmann (Herta Worell), Frau Kreipl (Hanna Burgwitz), Pröpper (Walter Sedlmayr), Streifenpolizist (Frank Keck), Erster Assistent (Manfred Ebel), Zweiter Assistent (Bernd Wiegmann) (sowie Jaspar von Oertzen, Franz Hanfstingl, Helmut Oeser, Walter Fiedler, Adolf Ziegle, Hans Pössenbacher, Willy Haibel, Helga Ballhaus, Hertha von Walter, Georg Blädel)
Drehbuch: Michael Molsner; Regie: Wolfgang Staudte |

Im Lehel und in Schwabing begannen in den 70er Jahren die aufwendigen Wohnungssanierungen und einhergehenden Immoblienspekulationen, die im weiteren Verlauf alle innenstadtnahen Viertel umfassten. Vor diesem Hintergrund spielt “Tote brauchen keine Wohnung”.
Der Entmieter
Der Immobilenbesitzer Pröpper, skrupellos und zynisch von Walter Sedlmayr verkörpert, will seine Grundstücke im Lehel neu bebauen. Das gelingt ihm mehr schlecht als recht, weil sich seine langjährigen Mieter mit Demonstrationen und Anwohnerversammlungen öffentlichkeitswirksam dagegen wehren. Da kommt es ihm gelegen, daß der ehemalige Strafgegfangene Josef Bacher nach München zurückkehrt und eine passabel bezahlte Beschäftigung sucht. Der Hausbesitzer hat nun einen Assistenten, der ihm die Drecksarbeit abnimmt und mit Reparaturen die Wohnungen noch unbehaglicher macht. Pröpper quartiert ihn spontan bei bei der alten Frau Altmann ein, der er bei einem Auszug eine schöne Zwei-Zimmer-Wohnung in Aussicht stellt.
Der unkanalisierte Zorn
Dreh- und Angelpunkt der Proteste ist die Wirtschaft “St. Anna Vorstadt”, die von Rudi Mandl und seiner Mutter betrieben wird. Hier treffen sich die Anwohner, um ihren Unmut über die Praktiken Pröppers Luft zu verschaffen. Der Zorn erreicht einen neuen Höhepunkt, als sie sie erfahren, daß Frau Altman vergiftet wurde. Der Grundstückhai hat die alte Frau auf dem Gewissen.
Die Mieter haben zwar in Pröpper ein gemeinsamen Feindbild, aber ihre Interessen und Ansichten sind doch grundverschieden. Ressentiments gegenüber Farbigen, die Pröpper in seinen Häusern wohnen lässt, stehen junge Menschen gegenüber, die für ihren Lebensform Wohngemeinschaft bezahlbaren Wohnraum haben wollen. Aber andere Bewohner haben mit diesen Menschen ein gehöriges Problem, weil sie Sex-Orgien und anderen Sittenverfall in den anständigen Häusern befürchten.
Familien als bröckelnde Fassaden
NIcht nur die Fassaden der Häuser bröckeln, auch die in diesem Tatort gezeigten Familien biten kein harmonisches Bild. Josef Bacher ist in seinem Elternhaus nicht willkommen und bekommt zu spüren, warum ihn seine Mutter Nadja frühzeitig zur Adoption freigegeben hat. So kann man es auch als Rache auffassen, daß Bacher sich beim Hausbeitzer Pröpper verdingt. Zu den Nachbarn der toten Frau Altmann gehört auch die Familie Hallbaum, die in drei Generationen dort lebt. Der Opa kann sich nur schwer zwischen zwei Frauen entscheiden. Frau Altmann hat kein Geld, das die Familie so dringend benötigt. Aber die Konkurrentin Frau Kreipl schaut sehr genau genau aufs Geld und rationiert die Butter. Hallmanns Tochter Terry sucht eine Absicherung für sich und ihren Freund. Ihren Söhnen schenkt sie nur wenig Aufmerksamkeit, so daß sich Jürgen auf seinen Großvater fixiert.
Schwierige Ermittlungen
Oberinspektor Veigl und seine Assistenten müssen in der aufgehitzen Atmosphäre kühlen Kopf bewahren und auch in Richtungen ermitteln, die ihnen den Vorwurf einbringen, ihr Feindbild Pröpper zu schützen. Selber lange im Dunkeln tappend hört sich Veigl alle Seiten an. Seine besten Stellen hat dieser Tatort, als sich Pröpper und Veigl gegenüberstehen. Der zynische, auf Profit bedachte Hausbesitzer und der väterlich wirkende Ermittler zeigen zwei hervorragende Gegenpole.
Als Bacher in den Isarauen tot aufgefunden wird, reift in Veigl die Erkenntnis, daß er den Bewohnern nicht den gewünschten Mörder bieten kann.
Wer ist der Täter? »
Pröpper und Bacher haben sich die Hände nicht schmutzig gemacht. Der Hausbesitzer lässt weiterhin fragwürdige Reparaturen durchführen und kalkuliert Bauernopfer wie Bucher bewusst ein. Der 13.jährige Jürgen Hallbaum hat die Partnerin seines Opas vergiftet, weil sie nach dem wahrscheinlichen Auszug ausihrer Wohnung nur eine Zwei-Zimmer-Wohnung beziehen wollte. Jürgen sah darin keinen Platz für sich. Allerdings hat der bei der Toten einquartierte Bacher den Jungen beobachtet, wie er das Gift in die Zuckerdose gemischt hat.
Kraftvoll
“Tote brauchen keine Wohnung” ist ein kraftvoller Tatort, der mit Klischees und Überzeichnungen spielt. Das wenig Schmeichelhafte wird allerdings nicht nur an Pröpper deutlich, sondern auch an seinen Mietern, die über den Feind hinaus grundverschiedene Lebensentwürfe und Probleme haben. Das verhindert, daß die Darstellung Pröppers zulasten der Geschichte einseitig wird. Autor Michael Molsner griff ein aktuelles Thema auf und fand mit dem Lehel die passende Kulisse für diese Geschichte. Die Folge bleibt dennoch in ihrer Darstellung sehr derb. So derb, daß man beim Bayerischen Rundfunk nach der Erstausstrahlung wohl kalte Füße bekam. Es dauerte 19 Jahre, bis dieser Tatort erstmals wiederholt wurde.
(7/10)
Anhang
Hintergrund: Tatort-Fundus, Bayerischer Rundfunk, “Bierschaum an der Dackelschnauze” – ein Bericht über Veigls Dackel Oswald
Meinungen gibt’s im Tatort-Forum.
“Tote brauchen keine Wohnung” ist auf DVD erschienen.
(Bilder: BR/Foto Sessner)
Fremdneurosen