Wäre ich Experte, könnte ich fundiert über die Anforderungen eines Trainingslagers schreiben. In Katar will Jupp Heynckes das beste Trainingslager seiner langen Trainerlaufbahn erlebt haben. Ich gehe sehr stark davon aus, daß er das nicht nur das Wetter bezogen hat. Die Spieler werden wahrscheinlich nicht nur Kondition gebolzt, sondern auch Spielzüge einstudiert haben.
Gesehen hat man davon gestern Abend in Mönchengladbach jedoch nichts, was sicher nichts mit fehlender Sonne im Borussia-Park zu tun hatte. Es wäre auch nicht angebracht, der Mannschaft Lust- oder Willenlosigkeit vorzuwerfen. Die Einstellung war einwandfrei.
Es fehlten die Mittel, einer taktisch hervorragende eingestellten Mannschaft Paroli zu bieten.
Die Defensive des Gegners war ein Bollwerk, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Leider. Sonst hätte der Gegner auch 1. FC Köln heißen können. Fokussierte sich die Offensive des FC Bayern, zu der auch Schweinsteiger nach seiner Verletzungspause gehörte, zu sehr auf den Torerfolg, vergab sie zu zu viele Bälle in der gegnerischen Hälfte, was Gladbach Gelegenheit gab, seine Konter, die in jedem Lehrbuch stehen könnten, aufzuziehen.
Zwei davon führten zum Erfolg. Juan Arango hatte vor dem 2:0 leider keine Probleme, Arjen Robben den Ball streitig zumachen, bevor er auf den links ungedeckten Patrick Herrmann passen kann, der sich über zu viel Platz und das schon zu dem Zeitpunkt verdiente 2:0 freuen darf. Wie auch über das 3:0, das ihm Marco Reus mustergültig aufgelegt hat, während der FCB noch überlegt hat, wie er hinten am besten die Räume zumachen kann. (Daß das 1:0 ein Geschenk von Manuel Neuer war, war nicht die Ursache der verdienten wie niederschmetternden Niederlage.)
Wie oben schon angedeutet war die Mannschaft bemüht, sowohl das Führungstor zu erzielen, als auch die drohende Niederlage abzuwenden.
Allein: Ihr fehlten abermals die Mittel, gegen die diesmal noch besseren Gladbacher erfolgreich zu sein. Bastian Schweinsteiger sah seine Berufung vor allem vorne. Das ging gehörig schief. Sein Co-Sechser Anatoly Tymoshchuk hatte alle Füße voll zu tun, das hinten wett zu machen. Arjen Robben versuchte sein bekanntes Spiel aufzuziehen – aber es gelang ihm nicht. Abermals. Das lag nicht nur an ihm, sondern auch an einem vollkommen derangierten Jérôme Boateng, der auf Rechts vieles gewesen sein mag – aber kein Impuls. Dagegen waren Philipp Lahms Bemühungen, dem auf Links postierten Toni Kroos den – Pardon – Arsch freizuhalten, wesentlich hilfreicher, auch wenn es die Defensive es ausbaden musste. Auch wenn Kroos, vor allem in der zweiten Halbzeit, als er mehr Freiheiten in der Mitte hatte, noch der beste in einer enttäuschenden Mannschaft war.
Man mag sich auf Arjen Robben fixieren, der seinen Anteil am 2:0 hat, aber Thomas Müller konnte weder in der Mitte noch in der in der zweiten Halbzeit praktizierten (nur) halbwegs durchgeführten Rotation überzeugen. Er irrlichterte durch die Gladbacher Hintermannschaft, ohne gefährlich zu werden. Robben verließ sich zu sehr auf seine Hintermänner (in dem Fall: Boateng), was nicht zum ersten Mal schiefging. Daß die gut organisierten Gladbacher auf seinen Standardtrick nicht reinfielen – nun ja. Ein andermal geht’s gut. Wahrscheinlich sogar in der Champions League.
Der eigentliche Verlust ist der verspottete wie auf seine Art und Weise zuverlässige Daniel van Buyten, der nach einem Zweikampf mit Marco Reus mit einem Mittelfußbruch lange ausfällt. Nein, für mich war das keine Absicht, auch wenn das andere anders sehen mögen, womit wir auch schon bei den Katar’schen Winterthema wären..
Vielleicht war es auch die Ferne vom heimischen Geschehen, die den Blick auf das Wesentliche trübte. Sowohl die Führung als auch Teile der Mannschaft entblödeten sich nicht, den bevorstehenden Wechsel von Marco Reus zu Borussia Dortmund über Gebühr zu kommentieren. Das muss einige recht verletzt haben. Warum, kann ich nicht nachvollziehen. Mit einer Offensive, die mit David Alaba, Toni Kroos, Thomas Müller, Franck Ribéry und Arjen Robben nicht schmalspurig besetzt ist, wäre es für Reus schwer, sich durchzusetzen. Sich gegen Shinji Kagawa oder gar Kevin Breitkreutz zu behaupten, dürfte weitaus einfacher sein.
Daß besagter Reus dennoch ein herausragender Bundesligaspieler ist, zeigte er gestern wieder eindrucksvoll.
Es bleibt der Kater nach Katar.
Der ist nicht schön, aber hoffentlich wirkungsvoll.
Hasan Salihamidžić wird dafür nach den umfangreichen Investitionen seines Trainers Felix Magath im Winterschlussverkauf dafür nicht büßen müssen, weil er höchstens auf der Bank sitzt.
Fremdneurosen